Norwegen ist wichtigster Partner im Bereich CCS für Deutschland, Europa und Wintershall Dea

Interview mit Dawn Summers, Mitglied des Vorstandes und COO der Wintershall Dea und Präsidentin des Branchenverbandes GasNaturally

Dawn Summers©Wintershall Dea/Frank Schinski

Im Sommer vergangenen Jahres stellte das Öl- und Gasunternehmen Wintershall Dea seine neue Strategie vor. Neben der Produktion von Erdgas baut das Unternehmen den Bereich Carbon Management und Wasserstoff als zweites strategisches Standbein auf. BusinessPortal Norwegen sprach mit Dawn Summers, COO der Wintershall Dea und Präsidentin der internationalen Vereinigung GasNaturally, über die neue Unternehmensstrategie und die Zusammenarbeit mit Norwegen im Bereich der Dekarbonisierung.

Wintershall Dea will sich zu einem der führenden europäischen Gas- und CO2-Managementunternehmen mit Fokus auf die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid entwickeln, genannt CCS, Carbon Capture Storage. Dafür braucht es ein entsprechendes regulatorisches Umfeld. Welche Fortschritte sehen Sie in Bezug auf die rechtlichen Rahmenbedingungen für CCS und wo fehlen Ihrer Ansicht nach relevante Entscheidungen?

Dawn Summers: Wintershall Dea befindet sich mitten im Umwandlungsprozess von einem der führenden europäischen Öl- und Gasunternehmen in eine Firma, die die Exploration und Produktion von Öl und Gas weiter ausbaut und gleichzeitig die Dekarbonisierung vorantreibt, insbesondere durch die Abscheidung und die Lagerung von Kohlendioxid, also unter Anwendung der CCS-Technologie und dem Einsatz von Wasserstoff. Hierfür brauchen wir natürlich einen entsprechenden rechtlichen Rahmen. 

Im Bereich Carbon-Management und im Hydrogen-Business sehen wir viele Dinge, die sich in die richtige Richtung bewegen. Wir sehen eine signifikante Marktentwicklung für CCS und Hydrogen, und wir glauben absolut, dass die Klimaziele nur erreicht werden können, wenn Carbon Capture Storage voll zum Einsatz kommt. 

Das wurde Anfang dieses Jahres auch vom deutschen Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck bei seinem Besuch in Norwegen betont. Und er verwies auch auf die große Bedeutung der deutsch-norwegischen Zusammenarbeit in diesem Bereich. 

Auch die Europäische Kommission hat die Bedeutung von CCS für die Erreichung der Klimaziele erkannt und schafft die entsprechenden regulatorischen Rahmenbedingungen. 

Kohlendioxid darf von Deutschland aus momentan nicht einmal exportiert werden, von der Lagerung ganz zu schweigen.  

Dawn Summers: Ja, es müssen noch eine Menge Dinge geregelt werden. Aber auch Deutschland hat sich in den letzten Monaten in die richtige Richtung bewegt und es gibt Fortschritte in der Erarbeitung eines regulativen Rahmens, der auch den Cross-Border-Export von CO2 beinhaltet. Ich erwarte, dass im August ein solcher Rechtsrahmen vorliegen wird. 

Norwegen spielt, was die rechtlichen und die finanziellen Bedingungen in diesem Bereich betrifft, übrigens eine absolut führende Rolle und ist der wichtigste Partner für die Zusammenarbeit mit Deutschland.

CCS ist eine teure Technologie, der viele Deutsche zudem skeptisch gegenüberstehen. Wie offen sind deutsche oder europäische Unternehmen, das in ihren Betrieben anfallende Kohlendioxid nach Norwegen zu bringen?

Dawn Summers: Überall in Europa werden gegenwärtig CCS-Projekte entwickelt. CCS ist keine neue Technologie. Der CCS-Prozess wird seit vielen Jahren praktiziert. Es geht dabei nicht nur um die Technologie, sondern um die Schaffung von Wertschöpfungsketten und der Etablierung eines Business Modells. Wintershall Dea bietet Lösungen für CCS entlang der gesamten Wertschöpfungskette, von der Quelle bis zur Lagerung unter dem Meeresboden. Das ist sehr wichtig, damit Unternehmen die Bedeutung und die Vorteile von CCS erkennen und nutzen.

Es gibt genug CO2, um die Lagerstätten zu füllen, und es gibt zahlreiche Projekte auf der ganzen Welt. Wir als Wintershall Dea konzentrieren uns auf Norwegen als unser Kernland für die Umsetzung unserer Carbon Management- und Hydrogen-Strategie, letztlich aus dem Grund, dass die regulatorischen Rahmenbedingungen hier am weitesten fortgeschritten sind. Außerdem hat Norwegen die notwendigen Reservoirs für CO2, die die deutsche und europäische Industrie brauchen. 

Wo konkret steht Wintershall Dea bei der Realisierung von CCS-Vorhaben?

Dawn Summers: Am 8. März wurde erstmals aus einem belgischen Industrieunternehmen abgespaltenes CO2 in eine Lagerstätte in der Nordsee unter dem Meeresboden injiziert. Damit wurde auch zum ersten Mal die gesamte CCS-Wertschöpfungskette in der EU grenzüberschreitend umgesetzt. Das Projekt Greensand wird von einem Konsortium aus 23 Unternehmen realisiert – mit Wintershall Dea und Ineos Energy als Konsortialführer. Wir unternehmen energische Schritte, um in unserer Strategie vorwärts zu kommen. Und wir machen gute Fortschritte. 

Bis Anfang April 2023 sollen in der aktuellen Demonstrationsphase von Greensand insgesamt bis zu 15.000 Tonnen CO2-Restemissionen unter der Nordseee eingespeichert werden. Ab 2025/26 könnten im Projekt Greensand 1,5 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr gelagert werden. In der letzten Ausbaustufe ab 2030 sind jährlich bis zu acht Millionen Tonnen CO2 geplant. Das sind bedeutende Möglichkeiten – auch für CO2-Emissionen, die in deutschen Unternehmen anfallen. 

Das zweite große Projekt Luna ist ebenso aufregend. Hierfür haben wir im Oktober vergangenen Jahres eine Lizenz erhalten. In dieser Lagerstätte in Norwegen können bis zu fünf Millionen Tonnen CO2 gespeichert werden. Schließlich planen wir gemeinsam mit dem norwegischen Energiekonzern Equinor den Bau einer Pipeline, genannt Norgap, über die CO2 aus deutschen Industrieunternehmen nach Norwegen transportiert werden soll. 

Es gibt natürlich nicht nur Projekte in Europa – auch in anderen Ländern wurden bereits die regulatorischen Rahmenbedingungen geschaffen. Es wird nicht nur über CCS geredet – der Prozess wird umgesetzt. 

Momentan ist Wintershall Dea an etwa 15 CCS-Vorhaben beteiligt. Dort, wo wir Öl und Gas fördern, beispielsweise in der Mena-Region, schauen wir auch nach Möglichkeiten zur Lagerung von Kohlendioxid. Hier kommen wir beispielsweise in Algerien gut voran.

Ein Großteil der CCS-Projekte wird mit öffentlichen Geldern gefördert. In Norwegen gibt die Regierung viel Geld für das Northern Light Projekt aus. Hat Wintershall Dea finanzielle Unterstützung aus europäischen oder deutschen Fördertöpfen erhalten?

Dawn Summers: Wir haben bisher noch keine Fördermittel erhalten. Wir treiben unser Geschäft der Exploration und Produktion von Öl und Gas voran und bauen parallel den Geschäftsbereich Carbon Management und Hydrogen auf. Aus dem Öl- und Gasgeschäft finanzieren wir unsere Vorhaben zur Dekarbonisierung. Einer zahlt für den anderen. Wir sind dabei zu lernen, ein Portfolio von CCS-Projekten für Europa gemeinsam mit norwegischen Partnern aufzubauen. 

Wann wird der CCS-Markt so weit entwickelt sein, dass es sich wirklich um ein Business-Modell handelt?

Dawn Summers: Es braucht Zeit zu verstehen. Jede Firma in diesem Bereich sucht momentan nach dem richtigen Business-Modell. Wir lernen mit und von jedem Projekt. 

Was bedeutet der Rückzug von Wintershall Dea aus Russland für das weitere Engagement Ihres Unternehmens in Norwegen?

Dawn Summers: Norwegen  ist unser wichtigster Partner. In den letzten drei Jahren haben wir 75 Prozent unserer Investitionen in Norwegen getätigt. Norwegen bleibt unsere Kernregion – nicht nur als Zulieferer von Gas für Europa, sondern eben auch als Partner im Bereich CCS.

Seit 2019 haben wir drei Milliarden Euro in Norwegen investiert. Im vergangenen Jahr zahlten wir Steuern in Höhe von drei Milliarden Euro. 

2022 haben wir elf neue Explorations- und Produktionslizenzen erhalten, für drei Gebiete sind wir der Betreiber. Wir konzentrieren uns darauf, Öl und Gas in Gebieten zu finden und zu fördern, in denen die Infrastruktur bereits gut ausgebaut ist, so dass wir die existierenden Anlagen nutzen können. Wir sind in Norwegen bestens aufgestellt und werden weiter wachsen. Wir besitzen bereits die ersten Lizenzen für die Lagerung von Kohlendioxid unter dem Meeresboden und wir bewerben uns um weitere Genehmigungen. Unsere Projekte auf dem Gebiet CCS verbinden die deutsche und die europäische Industrie mit den Lagerkapazitäten in Norwegen. Norwegen ist der wichtigste Partner für Deutschland, Europa und extrem wichtig für Wintershall Dea.

Sie haben Mitte Februar am  Oslo Energy Forum teilgenommen. Energieexperten aus der ganzen Welt beschäftigten sich auf der Konferenz mit dem Thema:  “Energy Transition in the new risk Reality”. Was haben Sie von dieser Zusammenkunft mitgenommen?

Dawn Summers: Vor allem tat es gut, nach langer Zeit wieder direkt mit unseren Partnern und Kollegen zusammenzukommen, die letztlich alle große Chancen in der Transformation der Energiewirtschaft sehen, aber eben auch die Risiken nicht außer Acht lassen. Alle Unternehmen arbeiten lösungsorientiert. Es geht darum, aktiv zu sein. Außerdem habe ich gelernt, dass sich Norwegen stark engagiert, um Teil der Lösung im Bereich Sicherheit und Klimaveränderung zu sein und dass die Regierung, die Unternehmen und die Kommunen in diesem Bereich sehr eng zusammenarbeiten. Alle ziehen an einem Strang – das hat mich beeindruckt. Das habe ich so in anderen Ländern noch nicht registriert.

Sie sind Präsidentin des europäischen Verbandes GasNaturrally. Ziel des Vereins ist es, Gas langfristig als Zwischenlösung für die Energiewende zu nutzen. Was kann Erdgas hier leisten?

Dawn Summers: GasNaturally vertritt Unternehmen aus der gesamten Gas-Wertschöpfungskette. Sie alle gehen davon aus, dass Erdgas dazu beiträgt, die Klimaziele zu erreichen, indem es andere Kohlenstoff intensive Brennstoffe ersetzt.

Die Umstellung auf erneuerbare Energien passiert nicht über Nacht. Sie braucht Zeit und beinhaltet die Integration von Gas, die Anwendung neuer Technologien und die notwendigen rechtlichen Rahmenbedingungen. GasNatuarrally konzentriert sich auf einen langen Zeitraum, in dem Gas als eine Schlüsselllösung für den Übergang genutzt wird. 

Bei allem Bemühen um die Erreichung der Klimaziele darf man auch die Versorgungssicherheit nicht aus dem Blick verlieren. Unsere Mitgliedsunternehmen sind aktiv daran beteiligt, die Versorgungssicherheit der EU zu erhöhen und die Energieabhängigkeit zu verringern. Sie arbeiten am Einsatz von Wasserstoff, bieten Lösungen zur Energieeinsparung und passen die Infrastruktur an neue Gegebenheiten an.

Es geht um die Sicherung der Zulieferungen und um die Klimaziele. Nicht um das eine oder das andere, sondern um beides. 

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jutta Falkner.

Zur Person

Als Chief Operating Officer (COO) ist Dawn Summers für die Business Units in Deutschland, Norwegen, den Niederlanden, im Vereinigten Königreich, in Dänemark, Ägypten, Libyen, Algerien und den Vereinigten Arabischen Emiraten verantwortlich. Ihren Abschluss in Chemieingenieurwesen machte Dawn Summers an der Universität in Edinburgh. An der MIT Sloane School of Management durchlief sie das Executive-Operations-Leadership-Programm. Sie verfügt über mehr als 25 Jahre internationale Erfahrung in der Gas- und Ölbranche und war in der Vergangenheit unter anderem für BP, Genel Energy, Origin Energy und Beach Energy tätig.

Seit Dezember 2020 leitet Dawn Summers als Präsidentin die Geschicke des Branchenverbands GasNaturally, Brüssel. Seit Januar 2021 ist sie zudem Präsidentin des europäischen Vorstands der International Association of Oil & Gas Producers (IOGP), Brüssel.

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