Norwegens Zentralbankchef: “Als Nation werden wir nicht reicher, weil unsere Währung an Wert verliert”

Norwegens Zentralbankchef Øystein Olsen warnt in seiner Jahresrede vor zu hohen staatlichen Ausgaben aus den Einnahmen der Öl- und Gasindustrie@Norges Bank/Videoübertragung

Oslo, 13. Februar 2020. Norwegen ist nicht so reich wie es denkt. Das Land müsse sich darauf einstellen, dass der staatliche Government Pension Fund Global (GPFG) sich schwächer entwickle als bisher angenommen. Dies ist der Tenor der diesjährigen Rede des Gouverneurs der Zentralbank Øystein Olsen vor dem Aufsichtsrat der Norges Bank sowie geladenen Gästen. Olsen warnt vor der weiteren Erhöhung der staatlichen Ausgaben aus Ölgeldern. Die Verwendung von Ölgeld über den Staatshaushalt habe ein hohes Niveau erreicht. Zwar sei der norwegische Staatsfonds GPFG in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Allerdings sei dieses Wachstum von den gestiegenen Aktienwerten, vor allem amerikanischer Technologieunternehmen, in die der Staatsfonds investiert hat, und der schwächeren Krone getrieben. 

Der Wert des Fonds betrage jetzt mehr als das Dreifache der jährlichen Wertschöpfung in der Festlandwirtschaft. Der Fonds sei allmählich größer geworden als das gesamte Nettovermögen der privaten Haushalte, einschließlich des Wohneigentums, erklärte Olsen. Zwei Drittel des Wertes des Ölfonds sei in den letzten zehn Jahren generiert worden, und rund ein Viertel dieses Anstiegs sei auf eine starke Abwertung der Krone zurückzuführen.

Norwegen müsse darauf vorbereitet sein, dass die Entwicklungen auf den internationalen Finanzmärkten schwächer ausfalle als in den letzten Jahren und Aktienmärkte nach unten korrigieren können. Dies würde den Wert des Fonds verringern. Darüber hinaus stehe Norwegen vor demografischen Herausforderungen, die in Zukunft Druck auf die öffentlichen Finanzen ausüben werden. Der Staat sollte daher besonders vorsichtig sein, wenn es darum geht, die öffentlichen Ausgaben auf der Grundlage eines kronenbedingten Anstiegs des Fondswertes zu erhöhen.

Olsen erinnerte daran, dass Erik Brofoss, als damaliger Gouverneurs der Zentralbank bereits vor 50 Jahren eine größere Unabhängigkeit von der Öl- und Gasindustrie angemahnt hat. Brofoss sagte in seiner Jahresansprache am 16. Februar 1970: „Wir befinden uns jetzt in der letzten Phase einer Periode, in der heimische Rohstoffe und Energiequellen eine wesentliche Grundlage für die wirtschaftliche Expansion bildeten. Danach muss das Wachstum zunehmend von der Produktion von Fertigwaren in Bereichen abhängen, in denen wir keinen natürlichen Vorteil haben.” Diese Aussage habe auch heute ihre Gültigkeit. Aber sie sei 50 Jahre alt. 

Eine weitere Erhöhung des Geldverbrauches des Staates könne die Umstrukturierung der norwegischen Wirtschaft beeinträchtigen, erklärte Olsen. Der Staat trage auch die Verantwortung für das Gleichgewicht zwischen öffentlichem und privatem Sektor. Seit 2014 seien der öffentliche Verbrauch und die öffentlichen Investitionen auf einen Rekordwert der Wertschöpfung in der Festlandwirtschaft angewachsen. Die Abwertung der Krone in den letzten Jahren habe dazu beigetragen, dass der Ölfonds, gemessen in norwegischen Kronen, stark gewachsen ist. Dies habe die Kaufkraft des Staates im Inland erhöht. “Aber als Nation werden wir nicht reicher, weil unsere Währung an Wert verliert”, sagte Olsen. In den kommenden Jahren brauche Norwegen einen größeren wettbewerbsfähigen Sektor außerhalb des Ölgeschäftes. Wenn sich dieser Sektor entwickelt soll, müsse er Raum zum Wachsen haben. Wenn die Öffentlichkeit über einen immer größeren Anteil der verfügbaren Produktionsressourcen in der Wirtschaft entscheide, werde dieser Raum aber enger.

Olsen plädierte dafür, vor allem dem Humankapital größere Bedeutung beizumessen. 

Die norwegische Wirtschaft habe sich in der ersten Phase des Übergangs von einer ölgetriebenen Wirtschaft gut behauptet, schlussfolgerte der Gouverneur. Der vielleicht steilste Abschwung für das Ölgeschäft liege hinter Norwegen. Die Fallhöhe insgesamt sei geringer als vor einigen Jahren, die Abhängigkeit von der Ölbranche sei verringert worden.

“Aber Anpassungen braucht Zeit”, erklärte Olsen. “Unternehmen werden in neue Märkte vordringen, neue Unternehmen werden gegründet und Mitarbeiter werden neue Arbeitsplätze erhalten. Solange sich der Trend zu einer weniger ölabhängigen Wirtschaft allmählich vollzieht, werden sich für die Unternehmen Anpassungsmöglichkeiten ergeben. Wenn sich die Rahmenbedingungen oder Richtlinien plötzlich ändern, sind die Herausforderungen viel größer.”

Brofoss habe in einer Sache Unrecht gehabt, “Die letzte Phase war, wie er voraussagte, Jahrzehnte entfernt. Aber jetzt nähern wir uns” gab Olsen zu bedenken. 

Finden Sie hier die Rede des Gouverneurs Øystein Olsen in englischer Sprache. 
Finden Sie hier die präsentierten Grafiken zur Rede.

Finanzminister Jan Tore Sanner hat sich in einer Grundsatzrede auf der Regierungskonferenz am 11. Februar ebenfalls mit der Entwicklung der Einnahmen aus der Öl- und Gasindustrie beschäftigt. Galoppierende Pensionsaufwendungen und sinkende Öleinnahmen – dies sei die Debatte, die Norwegen in den kommenden Jahren führen werde, so Sanner. “Wir haben lange über die Herausforderungen gesprochen, die kommen werden. Der Unterschied ist: Jetzt sind sie da.” Ölgeld habe die öffentlichen Ausgaben zunehmend finanziert. Heute sei jeder achte Dollar in den öffentlichen Haushalten eine Ölkrone, sagte er. Aber dieses Wachstum könne nicht fortgesetzt werden. “Schließlich werden die Öleinnahmen sinken. Langfristig wird der Fonds nicht wachsen, solange wir die Rendite verwenden. Der Anteil der aus Ölgeldern finanzierten öffentlichen Ausgaben werde sich nicht mehr wesentlich erhöhen”, erklärte Sanner.


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