Intensive Diskussionen um die Wintertauglichkeit der norwegischen Eisenbahn

Nach Meinung vieler Reisenden ist die norwegische Eisenbahn nicht mehr winterfest und hat besonders im Januar versagt. Die Reparatur von schadhaften Zügen dauert nun schon seit Wochen. Auch weiterhin sind Zugsausfälle und verkürzte Kompositionen die Folge. Das Bild zeigt in Oslo Sentralstasjon im Januar steckengebliebene Züge.©Vy

Oslo, 15. Februar 2024. Noch immer hat sich der Reisezugverkehr seit den desaströsen Störungen im Januar infolge Schnee und Eis nicht erholt. Vom 16. bis 18. Januar war der Vorortsverkehr im Großraum von Oslo nahezu zum Erliegen gekommen. Gestrandete Reisende warteten stundenlang auf Taxis. Seither hat sich das Wetter zwar beruhigt, doch noch immer sind häufige Zugausfälle sowie überfüllte Vorortszüge, die lediglich mit einer statt mehreren Einheiten verkehren, an der Tagesordnung. Ein Dauerbrenner ist die ungenügende Information der Reisenden während den Störungen.

Frustrierte und wütende Reisende lassen ihrem Ärger auch in den Medien freien Lauf. „Wir hören viele Ausreden und Aussagen mit der Hoffnung auf Besserung. Von Gründen, gewonnenen Erkenntnissen und finanzieller Verantwortung gegenüber Reisenden hören wir jedoch selten. Vor allem Pendler haben ihren Ärger zu gut für sich behalten, weil sie wissen, dass es niemandem geholfen hat, seinen Frust auszusprechen. Wir müssen zusammenstehen und sagen: genug ist genug! Wir alle sind darauf angewiesen, auch in Zukunft zur Arbeit und wieder nach Hause zu kommen, auch wenn es schneit und die Temperaturen unter dem Gefrierpunkt liegen“, sagte Ronny Aukrust, Vorsitzender des Pendlerverbandes Indre Østfold, gegenüber der Zeitung Dagsavisen. Infolge der Unübersichtlichkeit, die die Eisenbahnreform mit sich brachte, bekommen dabei auch die Falschen ihr Fett ab. Dies trifft insbesondere das Eisenbahnunternehmen Vy (ehemals NSB), wenn zu reparierende Züge von den Werkstätten der Mantena ASA, der ehemalige Werkstatteinheit der Norwegischen Staatsbahnen, die sich jetzt als eigenständige GmbH im Besitz des Ministeriums für Industrie und Fischerei befindet, nicht dem Verkehr zurückgegeben werden.

Gemäß Åge-Christoffer Lundeby, dem Pressesprecher der Vy, wird die Krise auch die nächsten Wochen noch andauern. Es ist unbestritten und dafür haben die Reisenden auch Verständnis, dass die Technik von Zügen durch Schnee und Frost beschädigt werden kann. Jedoch nicht, dass die betroffenen Fahrzeuge auch nach einem Monat noch nicht repariert sind. Nun wird offensichtlich, dass die Kapazitäten der Werkstätten und insbesondere die Vorratshaltung von Ersatzteilen zu stark heruntergefahren wurden. Es reicht noch für die milden Jahreszeiten, nicht aber für harte Winter. 

Durch die aktuelle Krisensituation hat die im September 2023 entschiedene Auftragsvergabe von Vy für die Wartung der in Østlandet verkehrenden Züge an die schweizerische Stadler Rail für zehn Jahre eine neue Brisanz erhalten. Denn Mantena hat dagegen juristisch eine einstweilige Verfügung erwirkt, womit das Geschäft gegenwärtig blockiert ist. Die vorgebrachten strategischen und militärischen Argumente werden durch die Ereignisse dieses Winters nicht gerade unterstützt. 

Jürg Streuli, Fachjournalist
juerg.streuli@swissonline.ch

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