Rystad Energy: Atomkraft in Norwegen frühestens ab 2050

Ein neuer Bericht von Rystad Energy sieht es als unwahrscheinlich an, dass Norwegen vor 2050 Atomstrom erhält. Die Technologie ist noch nicht ausgereift, Atomstrom ist zu teuer©Fornybar Norge

Oslo, 27. November 2023. Norwegen sucht nach neuen Energiequellen. Dementsprechend ist auch eine Debatte um den Einsatz von Kernkraft entbrannt. Das Research-Unternehmen Rystad Energy hat jetzt im Auftrag der Arbeitgeberorganisationen NHO, Norsk Industri und Fornybar Norge die Wettbewerbsfähigkeit und den Nutzen von kleinen modularen Reaktoren (SMR) im norwegischen Stromsystem untersucht. Das Ergebnis: Der Ausbau der Kernenergie in Form von SMR-Reaktoren ist deutlich teurer als der Ausbau der Windkraft. Darüber hinaus sei es unwahrscheinlich, dass Norwegen vor 2050 Atomstrom erhält, da die Technologie noch nicht ausgereift ist, heißt es in der Analyse.

Kleine modulare Reaktoren sind deutlich kleiner als die heute in Kernkraftwerken eingesetzten Reaktoren und sollten theoretisch einfacher und schneller zu bauen sein und deutlich geringere Investitionskosten mit sich bringen. Während ein typischer Kernreaktor heute eine Stromerzeugungskapazität von 1000 MW oder mehr hat, verfügt ein SMR-Reaktor über eine Kapazität von 300 MW. Das sei immer noch nicht wenig: Allein ein SMR-Reaktor könne genug Strom produzieren, um den Jahresverbrauch von fast 170.000 Haushalten zu decken – also für eine mittelgroße norwegische Stadt, heißt es in dem Bericht. Aber dieser Strom werde teuer sein – eigentlich viel teurer als sowohl landgestützte Windkraft als auch Offshore-Windkraft. Die SMR-Technologie befinde sich noch in einer frühen Phase und werde voraussichtlich erst nach 2035 kommerziell erprobt sein. Das bedeute, dass in Norwegen voraussichtlich vor 2040er Jahren kein einziges Atomkraftwerksprojekt genehmigt wird. Der Bau werde einige Zeit in Anspruch nehmen und daher werde es in Norwegen vermutlich erst gegen 2050 SMR-Kraftwerke geben, schreibt Rystad Energy.

Die Entwicklung der Kernenergie erfordere heute in der Regel eine hohe staatliche Beteiligung in Form von Subventionen, Strategien, Regulierungen und häufig auch durch Technologieauswahl. Mit der Kernenergie sei ein großes finanzielles Entwicklungsrisiko verbunden, das vom Staat übernommen werden müsse. Zudem gebe es bei viele aktuelle Atomkraftprojekten enorme Kostenüberschreitungen, was dazu geführt habe, dass die Stromproduktion in diesen Kernkraftwerken deutlich teurer geworden sei als zunächst angenommen. Während die Kosten der Stromerzeugung in den neueren Kernkraftwerken auf rund 85 Euro pro Megawatt (EUR/MWh) geschätzt wurden, liegen die tatsächlichen Kosten laut Analyse nach Kostenüberschreitungen bei rund 150 Euro/MWh. Norwegen habe keine Erfahrung mit Kernenergie, daher dürften die Kosten für den Bau des SMR-Kraftwerks hier etwas höher liegen. Rystad Energy schätzt, dass die Stromproduktion im SMR-Kraftwerk in Norwegen 100 EUR/MWh kosten wird, wenn das Kraftwerk innerhalb des Budgets gebaut wird, und rund 180 EUR/MWh, wenn beim Bau die Kosten überschritten werden. Beim heutigen Kronen-Wechselkurs entspreche dies einem Strompreis von 1,17 NOK/kWh bzw. 2,11 NOK/kWh. Zum Vergleich: Die Stromproduktion in Windkraftanlagen an Land kostet laut NVE derzeit 41 Öre/kWh, während Offshore-Windenergie einen Preis von rund 69 Öre/kWh hat.

NVE schreibt in seiner neuesten langfristigen Strommarktanalyse, dass der Strompreis in Norwegen im Jahr 2030 voraussichtlich bei etwa 80 Öre/kWh liegen wird und im Jahr 2040 dann auf knapp 50 Öre/kWh sinken wird.

Die Entwicklung von SMR-Reaktoren befinde sich noch im Anfangsstadium und westliche Akteure hätten noch keine SMR-Kraftwerke gebaut, weder Pilot- noch Serienanlagen. Aus diesem Grund basiere die Analyse von Rystad Energy auf den beobachteten Kosten für konventionelle Kernkraftwerke.

„Die Analyse von Rystad Energy zeigt, dass Kernenergie nicht die Antwort auf den Strombedarf vieler Unternehmen in den nächsten zwei Jahrzehnten ist. Wir schließen nicht aus, dass es langfristig relevant werden könnte. Nur die Zeit wird zeigen, ob die Technologie wettbewerbsfähig sein wird“, sagt Anniken Hauglie, stellvertretende Geschäftsführerin von NHO. Sie glaubt, dass norwegische Politiker vielmehr an schneller umsetzbaren Lösungen für den Strombedarf arbeiten müssen wie Wasserkraft, Windkraft an Land und auf See, Solarkraft und Energieeffizienz. „Eine Diskussion über Atomkraft kann dazu führen, dass wir uns von dem abwenden, worauf wir uns konzentrieren müssen, um nicht in eine Energiekrise zu geraten.“

Der Bericht zeigt:

  • Kernkraft ist teuer und es ist ungewiss, ob sie durch SMR besonders günstiger wird. Rystad empfiehlt Norwege zu warten, bis SMR nachgewiesen ist, bevor eingeschätzt werden kann, ob es in Norwegen relevant ist.
  • Die Kernenergie erfordert ein starkes staatliches Engagement, beispielsweise aus Gründen der Sicherheit und der Abfalllagerung.
  • Erst Mitte der 2030er Jahre wird man genug wissen, um die Kosten und das Potenzial von SMR abzuschätzen.
  • Atomkraft ist in Norwegen möglich, allerdings erst in den 1940er Jahren.
  • Für einige Länder sind die Investitionen in die Kernenergie vertretbar. Es gibt Länder, die eine Grundlast, also eine kontinuierliche Energieproduktion, benötigen, wenn sie beispielsweise von der Kohle wegkommen wollen wie Polen. Norwegen hat diesen Bedarf nicht, da das Stromnetz Wasserkraft als Grundlast nutzt. 

Finden Sie hier den vollständigen Bericht.

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