Norwegen als Partnerland der Hannover Messe breit aufgestellt

Interview mit Gunnhild Brumm, Direktorin von Innovation Norway, zuständig für Deutschland, Österreich und die Schweiz

Gunnhild Brumm ist seit Oktober vergangenen Jahres neue Leiterin der Innovation-Norway-Büros in Hamburg und München. Vor ihrer Tätigkeit als Direktorin bei Innovation Norway hatte sie eine internationale Vertriebsposition bei BRITA SE und verschiedene Führungspositionen bei Nestlé AG in Deutschland inne. 

Norwegen ist in diesem Jahr Partnerland der Hannover Messe. Die norwegische Wirtschaftsförderagentur Innovation Norway wurde vom norwegischen Wirtschaftsministerium mit der Planung und Durchführung des Messeauftritts beauftragt. BusinessPortal Norwegen sprach mit Gunnhild Brumm, Direktorin von Innovation Norway, zuständig für Deutschland, Österreich und der Schweiz, über die Schwerpunkte des großen norwegischen Partnerland-Pavillons auf der Messe. 

Frau Brumm, ursprünglich wollte Finnland die Rolle des Partnerlandes auf der diesjährigen Hannover Messe übernehmen. Das Land hat abgesagt und Norwegen hat die Chance ergriffen, sich auf einer der weltweit größten Industriemessen in einer herausgehobenen Position zu präsentieren. Normalerweise erfordern solche Partnerschaften lange Vorbereitungszeiten. Aber Norwegen ist kurzfristig eingesprungen. Warum?

Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine ist das Interesse an Norwegen stark gestiegen. Zum einen wurde Norwegen praktisch von einem auf den anderen Tag ein sehr wichtiger Gaslieferant für Deutschland und hat in einer schwierigen Zeit zur Versorgungssicherheit beigetragen, indem es die Lieferungen erhöhte. Zum anderen ist die grüne Transformation sowohl in Deutschland als auch in Norwegen in vollem Gange. Zur Erreichung der Klimaziele werden neue Energiequellen und neue Technologien gebraucht. Dieses Thema hat einen hohen Stellenwert in den deutsch-norwegischen Beziehungen. Deutsche Wirtschaftsdelegationen haben sich im vergangenen Jahr die Klinke in die Hand gegeben, um mehr über die Bereiche zu erfahren, in denen Norwegen konkrete Lösungen anbieten kann. Inzwischen gibt es viele bilaterale Abkommen zwischen deutschen und norwegischen Unternehmen, insbesondere im Energiebereich. Insofern ist unsere Teilnahme an der Hannover Messe eine logische Fortsetzung der Vertiefung der Beziehungen unserer beiden Länder. Als Partnerland können wir zeigen, dass wir sowohl politisch als auch wirtschaftlich sehr nah beieinanderstehen und was Norwegen der Welt an Innovationen zu bieten hat.

Welche Bereiche stehen in Hannover im Mittelpunkt Ihrer Präsentation? 

Bei den Besuchen deutscher Unternehmen und Politiker in Norwegen und auf vielen gemeinsamen Veranstaltungen ging es meist um das Thema Energie. In Hannover wollen wir uns breiter darstellen. Das Motto lautet: „Norwegen 2024: Pioneering the Green Industrial Transition“. Dies unterstreicht Norwegens Ambitionen im Hinblick auf die Transformation hin zu einer kohlenstoffarmen Gesellschaft. Wir wollen eine Führungsrolle bei der Entwicklung von Lösungen übernehmen, die die Industrie braucht, um umweltfreundlich und nachhaltig zu produzieren. Das betrifft die Bereiche Wasserstoff, CCUS, Batterieproduktion, aber eben auch Industrie 4.0, seltene Erden, Digitalisierung oder künstliche Intelligenz. 

Was konkret hat Norwegen auf diesen Gebieten zu bieten?

Mit dem Transport und der Speicherung von Kohlendioxid, dem sogenannten CCS, haben wir jahrzehntelange Erfahrungen. Das Interesse ausländischer Unternehmen an dieser Technologie ist groß. Unter anderen haben deutsche Firmen bereits Lizenzen zur Speicherung von CO2 unter dem Meeresboden in Norwegen erhalten. 

Auf dem Weg zur Umstellung der Industrie von der Nutzung fossiler Rohstoffe zu Wasserstoff können wir blauen Wasserstoff als Übergangslösung anbieten, bis genügend bezahlbarer grüner Wasserstoff zur Verfügung steht. Beim Aufbau von Wertschöpfungsketten im Bereich grüner Wasserstoff gibt es zahlreiche Vorhaben. Ammoniak- und Wasserstofffabriken sind landesweit geplant. Am 8. Februar eröffnete Industrieminister Jan Christian Vestre in Eigersund beispielsweise eine Anlage zur Produktion von grünem Wasserstoff als Teil eines EU-Projektes. In Hellesylt, weiter südlich in Møre & Romsdal, baut Norwegian Hydrogen eine Produktionsanlage für grünen Wasserstoff, die jährlich über 400 Tonnen produzieren kann. Die Anlage wird 2024 in Betrieb gehen und dann unter anderem eine Fabrik in Kristiansund zur Herstellung von Asphalt sowie das erste Fischereischiff mit Wasserstoff versorgen. Abgesehen davon, dass über 70 Fähren in Norwegen bereits mit Batterie betrieben werden, ist auch eine mit Wasserstoff betriebene Fähre im Einsatz. 

Ja, wir haben viele Lösungen, die bereits funktionieren, beispielsweise Green Ports oder Technologien für eine emissionsarme beziehungsweise emissionsfreie Schifffahrt. Zukunftsorientierte Akteure in der maritimen Industrie haben sich bereits positioniert, um rechtzeitig Lösungen zu liefern, wenn nur noch emissionsfreie Kreuzfahrtschiffe in die Fjorde des Weltkulturerbes einfahren dürfen.

Aber Wasserstoff ist natürlich nur ein Teil unseres Energiemixes. Strom wird in Norwegen zum überwiegenden Teil mit Wasserkraft produziert. Die Produktion aus Windanlagen gewinnt mehr und mehr an Bedeutung. Beim Bau schwimmender Windparks hat Norwegen weltweit die Nase vorn. 

Welche norwegischen Technologien haben in den vergangenen Jahren den Weg nach Deutschland gefunden? Können Sie Beispiele nennen?

Der norwegische Energieversorger Eviny hat bei einer Ausschreibung im vergangenen September in Deutschland den Zuschlag für den Bau von 142 neue Ladestationen mit insgesamt 1.232 Ladepunkten erhalten. Die Firma Wenn ASA hat Anfang 2023 ihren ersten Auto-Scanner am Flughafen München installiert, weitere sind mittlerweile gefolgt. HydrogenPro wird am Standort der Salzgitter Flachstahl GmbH eine 100-MW-Elektrolyseanlage bauen. Der norwegische Aluminiumkonzern Norsk Hydro hat kürzlich in seinem Werk in Rackwitz eine Fertigungslinie erweitert, auf der die innovativen Technologie HyForge zum Einsatz kommt, mit der ein ganzer Fertigungsschritt bei der Herstellung von Aluminiumbolzen eingespart wird. Norsk Hydro beliefert Porsche, Mercedes und verschiedenen Lieferanten seit dem vergangenen Jahr mit dem CO2-emissionsarmem Aluminium Hydro Reduxa 4.0, das über einen der niedrigsten CO2-Fußabdrücke auf dem Markt verfügt und mit erneuerbarer Energie produziert wird.

Werden die üblichen Verdächtigen am norwegischen Gemeinschaftsstand zu finden sein, also Unternehmen, die man in Deutschland gut kennt?

Welche Unternehmen teilnehmen, können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Innovation Norway organisiert und betreut den Norwegen-Pavillon in Halle 12 auf der Hannover Messe, die AHK Norwegen hat in Halle 13 auf der Hydrogen + Fuel Cells Europe einen weiteren Norwegen-Stand. Jedes norwegische Unternehmen kann sich um eine Teilnahme bewerben. Die großen bekannten Namen, zum Beispiel Equinor, Yara, Statkraft, Norwegian Hydrogen oder Siemens werden dabei sein. Aber auch kleine Firmen werden sich präsentieren. Auf der Partnerland-Seite der Website der Hannover Messe wird die Liste der teilnehmenden norwegischen Unternehmen ständig aktualisiert. 

Es geht uns bei der Partnerland-Vereinbarung aber nicht nur um die Darstellung einzelner technischer Leistungen unserer Unternehmen. Wir wollen auch unser Image als Pionier im Bereich grüne industrielle Transformation weiter stärken und Norwegen als Forschungsstandort bekannter machen. Die Exzellenz unserer Forschungseinrichtungen zeigt sich beispielsweise darin, dass Norwegen unter den zehn Ländern rangiert, die aus dem EU-Forschungsprogramm Horizon Europe die meisten Gelder für gemeinsame Projekte erhalten haben. Unternehmen weltweit sollten auch wissen, dass Norwegen ein begehrter Standort für Praxistests neuer Technologien ist. Einige Forschungsinstitute haben sich bereits als Teilnehmer in unserem Pavillon angemeldet. 

In Norwegen ist nicht alles Fjord und Fjell. Hier arbeiten Unternehmen und Forschungseinrichtungen der Spitzenklasse. Unsere einzigartigen Cluster stärken die Innovationsfähigkeit und die Entwicklung von innovativen Milieus und sie sind offen auch für ausländische Unternehmen.

Norwegen bietet die Freiheit, um kreativ und innovativ zu arbeiten. Das wollen wir der Welt in Hannover vermitteln. 

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Jutta Falkner.

Fakten zum Partnerland Norwegen auf der Hannover Messe:

  • Die Hannover Messe findet vom 22. bis 26. April 2024 statt. 
  • Der norwegische Pavillon ist in Halle 13, Stand 20-24, zu finden. 
  • Die AHK Norwegen organisiert in Zusammenarbeit mit dem Team Norwegen einen norwegischen Pavillon in Halle 13 auf der Hydrogen + Fuel Cells Europe. 
  • An der Eröffnungsveranstaltung und am Eröffnungs-Rundgang wird Norwegens Premierminister Jonas Gar Støre teilnehmen.
  • Am 23. April findet der Norwegisch-Deutsche Energiedialog „North Sea Energy Hub“ statt, für den Wirtschaftsminister Robert Habeck und Norwegens Energieminister Terje Aasland ihr Kommen zugesagt haben. 
  • Am 24. April lädt Innovation Norway als Organisator zur Party „Norway – Partner Country Night“ am Norwegen Pavillon in Halle 13 ein. 

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