Norwegen will Nutzung geschützter Wasserläufe für Stromproduktion prüfen

©NVE

Oslo, 6. Januar 2022. Norwegens Regierung habe keine Pläne, geschützte Wasserläufe für den Ausbau der Stromerzeugung zu nutzen. Das erklärte Norwegens Klima- und Umweltminister Espen Barth Eide in einer Fragestunde im norwegischen Parlament Storting. Zuvor hatte Terje Aasland von der Arbeitspartei, Vorsitzender des Energie- und Umweltausschusses im Storting, angekündigt, man werde prüfen, ob es möglich sei, die bisher geschützten Wasserläufe weiter zu entwickeln. Im Frühjahr soll eine Energiekommission eingesetzt werden, die untersuchen soll, wie Norwegen in den kommenden Jahren mehr Strom produzieren kann.

Auch die konservative Partei Høyre unterstützt eine Überprüfung der geschützten Wasserläufe. Umweltminister Eide könne auf die Unterstützung der Konservativen zählen, um eine präzise schonende Entwicklung in geschützten Wasserläufen zu bewerten, wenn dies nicht zu Lasten des Naturschutzes und mit neuer Technik erfolge, sagte der Abgeordnete Nikolai Astrup. Wasserkraft in geschützten Fließgewässern könne auch helfen, Überschwemmungen zu reduzieren, betont Astrup gegenüber E24.no. Er glaubt, dass Offshore-Wind ab etwa 2030 den zusätzlichen Strombedarf decken könne. Allerdings brauche Norwegen kurzfristig eine höhere Stromproduktion.

Wasserschutzgebiete in Norwegen©NVE

Gegen eine Aufweichung des Gewässerschutzes stellt sich in Norwegen unter anderem der Verband der Jäger und Angler Norges Jeger- og Fiskerforbund NJFF. „Den Gewässerschutz auf den Kopf zu stellen ist sowohl geschichtslos als auch ein schlechtes Naturmanagement. NJFF hat eine klare Botschaft an die Regierung: Die Aufhebung des Gewässerschutzes ist kurzsichtig und widerspricht auch den Formulierungen in der eigenen Regierungsplattform“, erklärt der Verband in einer Pressemitteilung.

Es gebe sehr gute Gründe, warum 390 Wasserläufe für die Entwicklung als Wasserkraft-Ressource geschützt sind. Die Stromerzeugung mittels Wasserkraftwerken habe den Lebensräumen von Wildlachs und Wildrentier bereits großen Schaden zugefügt. Wildlachs und Wildrentier würden als nahezu gefährdet eingestuft und stehen nun erstmals auf der norwegischen Roten Liste der bedrohten Arten. Dem müsse mit Maßnahmen begegnet werden, die dem Bedürfnis dieser Nomadenarten nach einer intakten Natur Rechnung tragen. Dass die Regierungsparteien in einer solchen Situation überhaupt mit dem Gedanken spielt, unsere wenigen geschützten Wasserläufe abzubauen, sei unfassbar.

Die Regierung müsse jetzt eher zu früheren Versprechen eines dauerhaften Schutzes der Gewässer stehen und stattdessen nach alternativen Quellen für eine erhöhte Stromproduktion suchen. Stichworte sind hier der Ausbau und die Optimierung bestehender Kraftwerke, die Schaffung guter Rahmenbedingungen für Energieeinsparungen und eine alternative Stromerzeugung, bei der man die Natur nicht so stark belastet, wie es die Regierung hier zu öffnen scheint.

Ola Borten Moe, ehemalige Minister für Erdöl und Energie, schreibt in einem Gastbeitrag für tu.no und Trønderbatt.no: „Obwohl wir heute stolz sagen können, dass wir über eines der saubersten Stromversorgungssysteme der Welt verfügen, gehören wir wahrscheinlich zu den Ländern, die den größten Teil unserer Natur dafür eingesetzt haben. Etwa zwei Drittel der norwegischen Wasserläufe sind reguliert. Dies ist natürlich auch der Grund, warum der Kampf gegen die Wasserkraft seit mehreren Generationen zu den stärksten Konfliktlinien der norwegischen Politik gehört. Und der Konflikt ging durch die meisten Parteien und war der Ursprung vieler der heutigen Umweltorganisationen.“

1973, 1980, 1986, 1993, 2005 und 2009 verabschiedete das Storting den Gewässerschutzplan. (Schutzplan I, II, III, IV, Nachtrag und Schlussnachtrag). Der aus 390 Gewässern bestehende Schutzplan umfasst verschiedene Wasserläufe, die zusammen einen repräsentativen Abschnitt der norwegischen Wasserlaufnatur bilden.

Zu den laut NVE 390 geschützten norwegischen Wasserläufen gehören:

  • Gaula und Øvre Glomma in Trøndelag
  • Sjoa und Ätna im Inland
  • Rauda und Skjerva in Vestfold und Telemark
  • Bjerkreimsvassdraget und Espedalselva in Rogaland
  • Søgneelva und Lona in Agder
  • Dingja, Flåmselvi, Gaularvassdraget und Nausta in Westnorwegen
  • Shop Tverråga und Vefsna in Nordland
  • Tana, Grense Jakobselv und der Alta-Kautokeinovassdraget (ohne die Alta-Erschließung) in Troms und Finnmark

Theoretisch können laut NVE bis zu 600 Terawattstunden (TWh) Stromerzeugung erschlossen werden, wenn absolut alle Wasserfälle in Norwegen genutzt würden.

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