
Oslo, 12. August 2026. Das konventionelle Signalsystem der norwegischen Eisenbahnen ist marode und eine der häufigsten Ursachen für Verspätungen und Zugausfälle. Weil der Infrastrukturbetreiber Bane Nor für das gesamte Streckennetz einseitig auf die Zukunft mit ETCS, dem digitalen European Train Control System gesetzt hat, findet nur eine minimale Instandhaltung statt mit den bekannten nachteiligen Folgen für den Zugbetrieb. Das erweist sich immer mehr als sehr großer Fehler.
Denn die drei Lieferanten von ETCS melden fortlaufend Verzögerungen. Es handelt sich um Siemens, Alstom und Thales. Siemens soll das Sicherheitssystem liefern, Alstom die Züge modernisieren und Thales ist für das neue Zugleitsystem zuständig. Nun ist eine neue Hiobsbotschaft bekannt geworden. In einer Analyse, die während eines Gruppentreffens mit Teilnehmern von Bane Nor, der norwegischen Eisenbahndirektion und Norske Tog erstellt wurde, wird laut einer Tabelle, die dem Medienportal TU vorliegt, ein Szenario mit „tatsächlicher Fertigstellung 2055“ erwähnt. Damit würde sich das neue Sicherungssystem um mehr als 20 Jahre verzögern.
Gegenüber TU erklärte Cecilie Knibe Kroglund, Staatssekretärin im Verkehrsministerium, dass das Szenario einer Fertigstellung um das Jahr 2055 keine Prognose oder ein Fortschrittsplan sei. Im Rahmen dieser Untersuchung wurden Unsicherheitsanalysen durchgeführt, um ein breites Spektrum an Ergebnissen aufzuzeigen, einschließlich sehr negativer Szenarien. Das Ministerium verfolge die Entwicklungen im ERTMS-Programm aufmerksam. Die Neuplanung hätte weitere Kostensteigerungen und Verzögerungen bei dem Projekt aufgedeckt. Die Kosten würden sich bereits auf knapp 40 Milliarden Kronen belaufen.
Die Norwegische Eisenbahndirektion und Bane Nor haben nun angekündigt, bis 2027 einen aktualisierten Zeitplan für die einzelnen Strecken auszuarbeiten. Bisherige Zeitpläne haben sich allerdings fortlaufend als Makulatur erwiesen.

So sahen die Pläne für die Einführung des European Train Control System in Norwegen 2019 aus. Inzwischen ist klar: Das Projekt verzögert sich immer weiter. ©Siemens
Bane Nor weist darauf hin, dass der Zugang zu Fachkräften und Ersatzteilen für das bestehende Sicherungssystem mit optischen Signalen und Blockabschnitten eine Herausforderung darstellt. Doch hilft das Gejammer nicht weiter. Tatsache ist nämlich, dass auch heute noch viele Länder überwiegend mit konventionellen Sicherungssystemen ausgestattet sind und dennoch nicht annähernd die vielen Störungen und Verspätungen wie in Norwegen aufweisen. Es wird Bane Nor nichts anderes übrig bleiben, als sich weiterhin um eine tadellose Instandhaltung der konventionellen Infrastruktur zu bemühen.
Notgedrungen müssen auch Neubaustrecken wie die entlang des Mjøsa-See auf der Dovrebanen entgegen der Planung mit konventioneller Signaltechnik statt mit ETCS ausgerüstet werden. Auch die neue Linienführung der Vestfoldbanen von Drammen nach Kobbervikdalen musste mit dem konventionellen Signalsystem in Betrieb genommen werden.
Jürg Streuli, Fachjournalist
juerg.streuli@hispeed.ch
