Grün ist Programm

Deutsch-Chinesischer Ökopark Qingdao auch für norwegisches Start-up ein attraktiver Standort

Beim Umbau zu einer grünen Volkswirtschaft setzt China zunehmend auf internationale Erfahrungen und Kooperationen mit dem Ausland. Im Deutsch-Chinesischen Ökopark Qingdao hat sich auch ein norwegisches Unternehmen angesiedelt.©Ökopark Qingdao

Qingdao, 19. Januar 2021, von Peter Tichauer. Klischees entstehen schnell. Und sie bleiben lange in den Köpfen haften. So ist es auch mit Chinas Wirtschaftswachstum „auf Kosten der Umwelt“. Dabei setzt die inzwischen zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, die nach gerade veröffentlichten Angaben der Statistik-Behörde im vergangenen Corona-Jahr erstmals ein jährliches Bruttosozialprodukt von mehr als 100 Billionen Yuan erwirtschaftet hat und damit gegenüber 2019 um 2,3 Prozent gewachsen ist, nicht erst seit Staatspräsident Xi Jinpings Bekenntnis zu ehrgeizigen Klimazielen und Dekarbonisierung auf dem UNO-Gipfel im Herbst 2020 auf „grünes Wachstum“. Dass das Land etwa bei Windenergie oder im Bereich der E-Mobilität vielen entwickelten Ländern weit voraus ist, dürfte kein Geheimnis mehr sein. Und die in dicken Smog getauchten Metropolen – Bilder, die vor Jahren um die Welt gingen und wesentlich für den Ruf „Klimasünder“ gesorgt haben – gehören heute weitgehend der Vergangenheit an.

Beim Umbau zu einer „grünen“ Volkswirtschaft, die sich durch ein „grünes Bruttosozialprodukt“ auszeichnet, setzt China zunehmend auf internationale Erfahrungen und Kooperationen mit dem Ausland. Aus dieser Motivation wurden vor einem Jahrzehnt die Idee entwickelt, bilaterale und als Ökopark konzipierte Gewerbegebiete aufzubauen. In der Provinz Jiangsu entstanden ein Österreichisch-Chinesischer und ein Schweiz-China Ökopark, die eher Business-Center denn Park sind. In Sichuans Hauptstadt Chengdu haben die Franzosen mit ihren chinesischen Partnern einen Ökopark aufgebaut. Der, zumindest im deutschsprachigen Raum, bekannteste ist jedoch der Deutsch-Chinesische Ökopark Qingdao.

Chinesisches Investment als Sprungbrett für deutsche Firmen

An seiner Wiege standen das Bundeswirtschaftsministerium und das Chinesische Handelsministerium. Damit hat das am westlichen Ufer der Jiaozhou-Bucht gelegene und in seiner ersten Ausbaustufe rund 36 Quadratkilometer große Gewerbegebiet ein Alleinstellungsmerkmal, das kein anderer bilateraler Industriepark aufweisen kann. Zur Geburtsstunde gab es freilich auf beiden Seiten ein unterschiedliches Verständnis über die Funktion des Ökoparks, der, um Missverständnissen vorzubeugen, eine rein chinesische Investition ist. Während die Chinesen wohl zunächst davon ausgegangen waren, der Ökopark werde das Magnet für alle deutschen Unternehmen aus der Umwelt- und Umwelttechnologie-Branche, und die deutsche Regierung könne den Unternehmen zumindest empfehlen, sich dort anzusiedeln, war für die Deutschen von Anfang an klar, durch Einsatz deutscher Umwelttechnologien könnte der Ökopark für deutsche Unternehmen zum Sprungbrett in den Markt werden – mit Anwendung in der Praxis als Referenz. 

Das nach Bruttogeschossfläche größte Einzelgebäude Asiens steht im Deutsch-Chinesischen Ökopark Qingdao. Es wurde 2016 in Passivhausbauweise errichtet und ist vom Darmstädter Passivhaus Institut zertifiziert.©Ökopark Qingdao

Inzwischen hat sich der letztere Ansatz durchgesetzt. Bei der Planung des Ökoparks wurden deutsche Büros beteiligt. Damit sollte sichergestellt werden, dass deutsche Umweltnormen und -standards nicht nur angewendet, sondern, den lokalen Bedingungen angepasst, weiterentwickelt werden. Beim Bauen wird auf Niedrigenergietechnologie gesetzt. Das 2016 nach Bruttogeschossfläche größte Einzelgebäude Asiens, das in Passivhausbauweise errichtet wurde, steht hier. Vom Darmstädter Passivhaus Institut wurde es zertifiziert. Nördlich davon wird gerade eines der größten Passivhaus-Wohnviertel Chinas gebaut. Andere Bürogebäude wurden von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen zertifiziert. Für das Passivhausbauen wurde im Gewerbegebiet inzwischen die komplette Wertschöpfungskette aufgebaut – von der Entwicklung über Projektierung bis hin zur Produktion von Werkstoffen und Fertigbauelementen.

Eine Mini-Stadt in einer Zehn-Millionen-Metropole

Der Ökopark versteht sich im Übrigen nicht als „Gewerbegebiet der gewöhnlichen Art“, sondern als Modell für eine nachhaltige urbane Entwicklung, bei der Leben und Arbeiten eine Einheit bilden. Die Silbe „Öko“ gibt das Programm vor: Ökonomie und Ökologie. Es ist sozusagen eine „kleine Ministadt“ in der Fast-Zehn-Millionen-Metropole Qingdao mit kurzen Wegen und umweltfreundlichem Verkehr. Und mit einer auf Zukunft ausgerichteten Infrastruktur, deren Rückgrat ein umfassendes Bildungsangebot ist, das vom Kindergarten bis zur Hochschule reicht. Kooperationen mit Deutschland wird dabei große Bedeutung beigemessen, wobei die angewandte Ausbildung breiten Raum einnimmt. In China ist dies noch nicht selbstverständlich. Unternehmen, die im Ökopark Mitarbeiter suchten, dürfte dies aber freuen. Im Herbst ist die Deutsch-Chinesische Berufsschule in den Ökopark umgezogen. Die Schule bildet Facharbeiter unter anderem für die Fahrzeugindustrie sowie moderne Kommunikation und intelligenten Alltag aus. RheinKöster ist schon ein Jahr früher im Ökopark eingezogen und betreibt ein nach deutschem Vorbild organisiertes Berufsbildungszentrum. Die Auszubildenden durchlaufen eine Lehre, die von den Grundfertigkeiten der Metallverarbeitung bis zu den hohen Weihen der Automatisierung und intelligenten Fertigung reicht. 2019 wurde der Deutsch-Chinesische Campus der Qingdao-Universität für Wissenschaft und Technik eingeweiht, eine Kooperation mit der Universität Paderborn. Verfahrenstechnologie ist ein Lehrschwerpunkt.

In den vergangenen Jahren haben sich im Deutsch-Chinesischen Ökopark vier Schwerpunkt-Industrie-Cluster entwickelt, wobei die Umweltindustrie mit Themen wie neue Energie und neue Werkstoffe einen wichtigen Platz einnimmt. Dazu intelligente Fertigung, Gesundheitsforschung und -wirtschaft sowie Maschinenbau mit hoher Wertschöpfung. Namhafte deutsche Unternehmen haben sich für den Standort entschieden: ElringKlinger hat hier sein Asien-Pazifik-Zentrum für den Medizintechnik-Bereich, Siemens sein einziges Entwicklungszentrum für Industrie-4.0-Anwendungen außerhalb Europas. ContiTech entwickelt und produziert Schläuche für die Automobilindustrie, für den Holzbearbeitungsmaschinenbauer Siempelkamp ist Qingdao das China-Headquarter. Lokalmatador Haier, der aus einer Kooperation mit Liebherr hervorgegangene Qingdaoer Hersteller weißer Ware, der sich inzwischen zu einem Komplettanbieter für das smarte Home entwickelt hat, hat im Ökopark unter anderem seine Online-Plattform für Industrie 4.0 aufgebaut, die inzwischen weltweit Dienstleistungen anbietet. 

Deutsch-chinesisch als Markenzeichen, Internationalität als gelebte Praxis

„Deutsch-Chinesisch“ – dieses Markenzeichen ist für das Gewerbegebiet unverrückbar. Das bedeutet jedoch nicht „Abschottung“ von der übrigen Welt. In einer global vernetzten Wirtschaft ist es für ein Gewerbegebiet wie den Ökopark von entscheidender Bedeutung, international offen zu sein. So baut die taiwanisch investierte SiEn (Qingdao) Integrated Cercuit Co., Ltd. hier eine Chip-Produktion auf. Für Lars Bolund, Mitglied der Königlich-Dänischen Akademie, ist das BGI zur zweiten Heimat geworden. Ursprünglich in Peking gegründet, hat das größte Genforschungszentrum des Landes seinen Hauptsitz in Shenzhen und im Deutsch-Chinesischen Ökopark sein Forschungs-, Entwicklungs- und Produktionszentrum für Nordchina. Ein Schwerpunkt ist die biomarine Genforschung als Grundlage für eine „blaue“ Pharmaindustrie. Aus dem BGI Qingdao kamen gleich zu Beginn der Corona-Pandemie die ersten Test-Kits. Landesweit wurden fast schon in Windeseile sogenannte Feuerauge-Testzentren made by BGI aufgebaut. Lars Bolund hat am BGI ein eigenes Forschungszentrum für regenerative Medizin, und er ist am Aufbau eines Qingdao-Europa-Instituts für Life Sciences beteiligt, das ebenfalls im Ökopark angesiedelt sein wird.

Der Hafen Qingdao liegt weltweit beim Container-Umschlag auf Platz sieben.©Ökopark Qingdao

Die strategisch günstige Lage im Zentrum zwischen der Metropolen-Region Peking-Tianjin-Hebei im Norden und dem boomenden Jangtse-Delta rund um die Finanzmetropole Shanghai sowie in unmittelbarer Nähe des Qingdaoer Hafens, der nach Container-Umschlag weltweit auf Platz sieben liegt, war auch für die Logomat automation (Qingdao) Co., Ltd. ein wesentliches Ansiedlungskriterium. Anfang 2020, mitten in der Corona-Krise, hat die Tochtergesellschaft der 1983 von den Brüdern Peter und Matthias Krups im rheinland-pfälzischen Neuwied gegründeten Unternehmensgruppe für innerbetriebliche Fördersysteme die Produktion aufgenommen. Kunden sind vor allem die großen Autobauer. Für den Standort spricht aber noch mehr. Geschäftsführer David Hümmerich sagt, er habe sich viele Gewerbeparks angeschaut. In Shanghai seien Produktionsunternehmen nicht mehr willkommen, musste er feststellen. In anderen Gewerbegebieten im Shanghaier Speckgürtel habe er das Gefühl gehabt, „international“ sei lediglich eine Worthülse. „Im Ökopark ist das anders.“ Selbstverständlich blickten die für Ansiedlung Verantwortlichen auch hier stark auf die sogenannten „Fortune 500“. Aber nicht nur. Kleinere und mittlere Unternehmen seien ebenso willkommen und würden genauso gut betreut werden, so David Hümmerichs Erfahrung.

Norwegisches Start-up will am grünen Umbau partizipieren

Dies bestätigt auch Wang Xiaodong. Der Geschäftsführer der Qingdao DOSCON Environmental Technology Co., Ltd. schätzt die kurzen Wege und die Möglichkeiten, Erfahrungen mit anderen kleinen Unternehmen, die im Ökopark angesiedelt sind, auszutauschen. Im Januar 2019 wurde die Tochtergesellschaft des vor zehn Jahren in Oslo gegründeten Start-ups für „Smart Water Solutions“ DOSCON AS eröffnet. 2018 informierte sich das Unternehmen als Mitglied einer norwegischen Unternehmerdelegation über Geschäftsmöglichkeiten und Standorte in China. Am chinesischen grünen Umbau wollte die Firma partizipieren, „und das ‚Konzept Ökopark‘ schien uns genau passend, um unsere Ideen zu realisieren“, so Wang Xiaodong. Das Unternehmen entwickelt „Big-Data-Modelle“ für die Abwasserbehandlung und baut die notwendige Kontroll-Infrastruktur zur Qualitätssicherung. Laut Wang Xiaodong richtet sich das Augenmerk zunächst auf den chinesischen Markt, später sollen die Aktivitäten auf den Asien-Pazifik-Raum ausgedehnt werden. Japan, Korea liegen ja direkt vor der Haustür.

Die Tochter des norwegische Unternehmens DOSCON entwickelt Big-Data-Modelle für die Abwasserbehandlung. Für die Olympischen Winterspiele in Peking 2022 will DOSCON Kunstschnee aus Abwasser herstellen.©DOSCON

Große Hoffnungen verbindet DOSCON mit den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking. Die Ski-Wettbewerbe finden in der knapp 200 Kilometer nordwestlich der chinesischen Hauptstadt gelegenen Urlaubsregion Zhangjiakou statt. „Grüne Spiele“ sollen es werden, so das erklärte Ziel. Schnee ist in der relativ trockenen Hauptstadtregion allerdings eher Mangelware, so dass die Organisatoren auf künstlichen Schnee angewiesen sind. DOSCONS ursprüngliche Überlegung, Wasser aus dem nahe Zhangjiakou gelegenen Stausee für die Schneeproduktion zu nehmen, sei nicht sehr umweltfreundlich, weshalb die Firma ein Verfahren zur Herstellung von künstlichem Schnee aus tiefengereinigtem Abwasser angeboten hat. „Eine Tonne Schnee würde mit unserem Verfahren 13 Yuan kosten“, sagt Wang Xiaodong. Würde der Schnee aus dem Wasser des Stausees gewonnen, lägen die Kosten je Tonne bei 90 Yuan. Noch hat DOSCON den Auftrag aber nicht in der Tasche. „Abwasser als Grundlage zu nehmen, schreckt die auf Umweltfreundlichkeit setzenden Organisatoren ab“, so der Geschäftsführer. Da wird er in den kommenden Monaten noch einige Überzeugungsarbeit leisten müssen, dass gerade „sein“ Verfahren umweltfreundlich ist.

Finden Sie hier mehr Informationen zum Deutsch-Chinesischen Ökopark Qingdao.

Der Autor: Peter Tichauer ist ein ausgewiesener China-Experte. Nachdem er das Wirtschaftsmagazin ChinaContact aufgebaut und mehr als 20 Jahre als Chefredakteur geleitet hat, ist er seit 2018 im Deutsch-Chinesischen Ökopark Qingdao für die deutschsprachige Presse- und Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich.

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