Konjunkturbericht: Aufschwung der norwegischen Wirtschaft hat bald ein Ende

Oslo, 5. Dezember 2019. Im kommenden Jahr dürfte der seit Anfang 2017 anhaltende Aufschwung in Norwegen vorbei sein. Der internationale Abschwung führe dazu, dass die Zinsen im Inland niedrig bleiben. Zu diesem Schluss kommt die norwegische Statistikbehörde SSB in ihrem 4. Quartalsbericht 2019 zu aktuellen Konjunkturtendenzen. 

“Die Aussichten für die Weltwirtschaft haben sich in den letzten Monaten etwas verbessert. Die Wahrscheinlichkeit, dass Großbritannien die EU ohne ein Abkommen verlässt, ist erheblich gesunken. Die Trump-Administration hat keine Zölle auf die Einfuhr europäischer Autos erhoben, als die Frist dafür abgelaufen war. Unsere Prognosen für die Weltwirtschaft wurden daher seit dem letzten Mal etwas nach oben korrigiert”, teilt die SSB mit. 

Obwohl die Analysten erwartet hatten, dass das Wachstum der öffentlichen Investitionen und des öffentlichen Verbrauchs etwas unter dem Trendwachstum liegt, werde die Bevölkerungsalterung zu höheren Ausgaben für Altersrenten und andere Leistungen führen. Die Kombination aus einem konjunkturneutralen Ausgabenwachstum und geringen Änderungen des Steuerniveaus bedeute, dass der Haushaltsimpuls im gesamten Prognosezeitraum nahezu konstant bleiben dürfte. Der Verbrauch aus dem Staatsfonds werde bis 2022 deutlich unter drei Prozent des Wertes des Government Pension Fund Global liegen.

Das Wachstum der Erdölinvestitionen im vergangenen Jahr habe dazu beigetragen, die norwegische Wirtschaft im Jahr 2019 anzukurbeln. Während die Investitionen von Q3 2013 bis Q1 2018 fast halbiert wurden, seien sie bis 2018 moderat gestiegen und hätten sich in diesem Jahr bereits bemerkbar gemacht. Das Wachstum im Jahr 2019 werde hauptsächlich von den Feldern Johan Sverdrup (Phase 2) und Johan Castberg getragen. Verzögerungen und ein größerer Arbeitsumfang bei einigen Entwicklungsprojekten hätten zu größeren Investitionen geführt als bisher angenommen. Die meisten dieser zusätzlichen Investitionen würden voraussichtlich im Jahr 2020 getätigt. Die Autoren des Berichtes gehen davon aus, dass der Abschluss und das Auslaufen von Entwicklungsprojekten die Investitionen im Jahr 2021 verringern werden. Für 2022 erwarten sie neue Investitionen. Die weitere Entwicklung werde zu einem moderaten Investitionswachstum führen.

In diesem Jahr seien die Unternehmensinvestitionen bislang von einem starken Wachstum gekennzeichnet. Obwohl sich das Wachstum gegenüber dem Trend von 2015 bis 2018 etwas verlangsamt habe, liege das Wachstum bis 2019 dennoch deutlich höher als das Trendwachstum der Wirtschaft. Ab 2020 werde die Abkühlung der Weltwirtschaft das Investitionswachstum jedoch dämpfen. Nach SSB-Berechnungen werden die Unternehmensinvestitionen von 2020 bis 2022 in etwa auf dem Niveau von 2019 bleiben.

Ab Mitte 2018 begannen die Wohnungsinvestitionen zu steigen, nachdem sie im vierten Quartal 2017 und im ersten Halbjahr 2018 gefallen waren. Das Wachstum sei in den letzten fünf Quartalen moderat gewesen. Die Immobilienpreise seien ebenfalls moderat gestiegen, und das vierteljährliche Wachstum habe in diesem Zeitraum rund 2,5 Prozent betragen. Es sei wahrscheinlich, dass die Immobilienpreise in den kommenden Jahren weiter moderat steigen werden. Die Regierung setzte die Vorschriften für Hypothekarkredite ohne neue Sparmaßnahmen fort, aber ein moderates Einkommenswachstum und höhere Realzinsen nach Steuern trügen zur Eindämmung der Preisentwicklung bei. Angesichts der schwachen Entwicklung der Immobilienpreise werde erwartet, dass die Wohnungsinvestitionen in den Jahren 2020 bis 2022 nach einem Wachstum von etwas mehr als einem Prozent in diesem Jahr in etwa konstant bleiben.

Das Konsumwachstum lag im vergangenen Jahr im Trend der norwegischen Wirtschaft. In den Jahren 2020 bis 2022 dürfte sich das Lohnwachstum aufgrund des rückläufigen Beschäftigungswachstums verlangsamen. Daher wird erwartet, dass sich das Wachstum des verfügbaren Realeinkommens verlangsamt, da der Beitrag des Lohneinkommens groß ist. Zuwendungen der öffentlichen Hand würden nach einem starken Wachstum im Jahr 2018 im gesamten Prognosezeitraum positiv zum Wachstum des verfügbaren Realeinkommens beitragen. Bei annähernd unveränderten Immobilienpreisen scheine das Verbraucherwachstum in den kommenden Jahren das Trendwachstum auf dem norwegischen Festland zu übertreffen.

Das Lohnwachstum habe sich durch den Aufschwung allmählich beschleunigt. Für das Jahr 2019 erwarten die Autoren einen weiteren Anstieg des Lohnwachstums auf 3,5 Prozent. Die Norwegische Krone hat sich im dritten Quartal dieses Jahres abgeschwächt und die Energiepreise sind rückläufig. Dies verbessere isoliert die Rentabilität exportorientierter Unternehmen, sowohl durch höhere Einnahmen als auch durch niedrigere Kosten. Die Profitabilität werde in den nächsten Jahren auch vom Rückgang der Weltwirtschaft geprägt sein. Die Autoren gehen daher davon aus, dass das Lohnwachstum in den Jahren 2020 und 2021 bei rund 3,5 Prozent bleiben und aufgrund des schwächeren internationalen Wachstums und der etwas niedrigeren Inflation in Norwegen im Jahr 2022 leicht sinken wird.

Die Arbeitslosenquote sank von gut fünf Prozent Anfang 2016 nahezu kontinuierlich auf rund 3,5 Prozent Mitte 2019. Im Herbst lag die Arbeitslosenquote bei rund 3,7 Prozent, was auch für 2019 als Jahresdurchschnitt erwartet wird.  Eine geringere internationale Nachfrage und die Auswirkungen von Zinserhöhungen im vergangenen Jahr hätten die Nachfrage nach Arbeitskräften gedämpft. Eine geringere Zuwanderung, ein rückläufiges Bevölkerungswachstum und eine geringere Zunahme der Anzahl der Kurzarbeiter bedeute, dass die Arbeitslosenquote bis 2022 dennoch bei etwa 3,7 Prozent bleibt. 

Die Norwegische Krone sei seit 2016 schwach und habe sich im Sommer und Herbst dieses Jahres weiter abgeschwächt. Gegenüber dem Beginn des Aufschwungs Anfang 2017 sei der importgewichtete Kronenwechselkurs Anfang Dezember um rund sieben Prozent schwächer. Die Autoren gehen während des gesamten Prognosezeitraums von unveränderten Wechselkursen auf dem aktuellen Niveau aus, es bestehe jedoch eine große Unsicherheit über die künftige Wechselkursentwicklung. Sie nehmen an, dass der jährliche importgewichtete Wechselkurs in den Jahren 2019 und 2020 um etwa 3,0 Prozent sinken wird und dass ein Euro bis 2022 mehr als 10 NOK kosten wird.

Finden Sie hier makroökonomische Kennziffern 2009-2022.

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