
Oslo, 18. November 2024. Mit Beginn des nächsten Jahres droht in Norwegen eine massive Verlagerung des Güterverkehrs von der Schiene auf die Straße. Nach Angaben des norwegischen Nachrichtendienstes NRK rechnet die Dachorganisation der norwegischen Wirtschaft NHO mit bis zu 1.000 LKW-Lastzügen mehr pro Woche. Sie werden große Teile der Ladungen von Arctic Rail Express und North Rail Express übernehmen. Diese Containerzüge der norwegischen Cargonet und DB Cargo pendeln über 2.000 Kilometer täglich zwischen Narvik und durch Schweden nach dem Terminal Alnabru in Oslo. Die jährlichen Frachtmengen liegen bei 600.000 Tonnen. Es besteht keine direkte Bahnverbindung zwischen dem südlichen Norwegen und Narvik. Deshalb müssen die auf der Schiene transportierten Güter im Transit durch das EU-Land Schweden geleitet werden und zwar in plombierten Containern und Aufliegern. Norwegen ist nicht Mitglied der EU.
Schweden übernimmt Zolltarifnummer-Praxis der EU
Bislang konnte für die gesamte Ladung eine Zolltarifnummer angewendet werden. Doch hat Schweden angekündigt, ab 21. Januar 2025 eine 2018 beschlossene EU-Richtlinie umzusetzen, laut welcher für jede einzelne Ware eine Zolltarifnummer vergeben werden muss. Pro Woche sind das 200.000 Nummern für die beiden Containerzüge wegen des Transits durch Schweden. Die großen Spediteure wie Post, Bring und Schenker haben mitgeteilt, einen solchen Aufwand nicht bewältigen zu können. Deshalb sollen als direkte Folge der EU-Richtlinie künftig viele Waren per LKW innerhalb Norwegens transportiert werden. Dafür werden sie die Europastraße 6 benutzen, die lediglich im südlichen Abschnitt gut ausgebaut ist. Schwere Verkehrsunfälle sind besonders im Winter vorprogrammiert. Zur Entlastung der Straße über die große Distanz sind der Arctic Rail Express und North Rail Express ins Leben gerufen worden und zur großen Erfolgsgeschichte geworden. Der erste noch als „Flyvende fisktog“ (Fliegender Fischzug) bezeichnete innovative Zug fuhr bereits 1992. Nach Süden werden hauptsächlich Fisch und Meeresfrüchte transportiert, nach Norden alle Güter des täglichen Bedarfs sowie Früchte und Gemüse.
In Nord-Norwegen zeigt man sich geschockt, welche langjährige Aufbauarbeit hier der Zerstörung durch die EU-Bürokratie preisgegeben wird. Die norwegische Politik setzt sich zugunsten der Umwelt vehement für die Elektro-Automobilität ein. Doch gegenüber dieser verkehrspolitischen Tragödie bleibt sie stumm. Man möchte wohl Brüssel nicht verärgern.
Jürg Streuli, Fachjournalist
juerg.streuli@hispeed.ch
