Norwegisches Königshaus in Erklärungsnot

Der Königspalast in Oslo. Während der Sommermonate kann das Schloss besichtigt werden.©Liv Osmundsen, The Royal Court

Oslo, 30. August 2024. Es geht um weit mehr als um Klatsch. Norwegen ist ein junger Staat, der seine Unabhängigkeit erst 1905 durch die Auflösung der Union mit Schweden erhielt. Seither gehört die Monarchie zu den gesellschaftlichen Grundfesten des Staates. Damals war Norwegen ein Land, in welchem die Leute noch in bescheidenen Verhältnissen lebten. Vom künftigen Reichtum durch Öl und Gas wusste noch niemand. Diese menschliche Bescheidenheit prägt den Volkscharakter bis heute. Dasselbe wird vom Königshaus erwartet.

Der beliebteste König war Kong Olav. Seine Amtszeit dauerte von 1957 bis zu seinem Tod im Jahr 1991. Mitunter fuhr der König mit dem Fahrrad durch die Straßen von Oslo und mit der Eisenbahn auf den Aussichtsberg Holmenkollen. Den Fahrgästen wurde allmählich gewahr, dass mitten unter ihnen in einer Windjacke der König saß. Als großer Freund der Eisenbahn ließ er es sich bei einem Staatsbesuch in der Schweiz nicht nehmen, im Führerstand einer Lokomotive über die Lötschbergbahn zu fahren. Auch sein Sohn, der heutige Kong Harald, führt die Tradition des bescheidenen Auftretens weiter. 

Im Jahr 2001 heiratete Kronprinz Magnus Haakon die bürgerliche Mette-Marit Høiby. Der Bevölkerung war bekannt, dass sie in ein wildes Party-Leben mit dem Konsum von Drogen und Alkohol geführt hatte. Doch erwies sich die Kronprinzessin als ein Vorbild in der Tradition der Volksverbundenheit und wurde sehr beliebt. Die Presse respektierte das Vorleben als ein Tabu und schwieg darüber. Das norwegische Volk blieb zufrieden und das Königshaus weiterhin ein Pfeiler der gesellschaftlichen Ordnung des Landes. 

Doch das Ansehen der Monarchie hat ernsthafte Risse bekommen. Die Prinzessin Märtha Louise, die Tochter des Königspaars, ließ sich 2017 von ihrem bürgerlichen Ehemann scheiden, mit dem sie drei Kinder hat. Dieser beging zwei Jahre später Suizid. Märtha Louise verliebte sich in den US-Amerikaner Durek Verrett, der sich als Schamane bezeichnet. Er sorgte für Entsetzen, als er in seinem Buch „Spirit Hacking“ die These aufstellte, man erkranke an Krebs auf eigenen Wunsch. Am 31. August wird das Paar in Geiranger am berühmtesten Fjord von Norwegen mit einem rauschenden Fest heiraten. Viele Norweger stehen dem Schamanen äußerst kritisch gegenüber und vermuten wenig ehrenhafte Motive.   

Darüber hinaus wurden in den letzten Tagen die kriminellen Eskapaden von Marius Borg Høiby, Sohn von Mette-Marit aus der Zeit ihres bürgerlichen Lebens, bekannt. Marius Borg Høiby zählt nicht zur eigentlichen Königsfamilie und genießt dennoch alle Privilegien inklusive Diplomatenpass. Marius führt nicht bloß das wilde Leben eines Playboys, sondern ist wegen mehrfacher Körperverletzung von Frauen und Sachbeschädigung sowie Drohungen einige Tage verhaftet worden. Er versucht, seine Taten als eine Folge des Konsums von Kokain zu begründen und spricht von psychischen Störungen. Nun laufen gegen ihn mehrere Strafverfahren. Das norwegische Königshaus befindet sich in Erklärungsnot. Die Presse und das norwegische Volk wollen Antworten, wie es so weit kommen konnte. 
Jürg Streuli, Fachjournalist
juerg.streuli@hispeed.ch

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