Zwischen Oslo und Berlin: Unerzählte Kapitel des Widerstands gegen den Nationalsozialismus

Vorstellung des neuen Buches von Peter von Rüden in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin

Prof. Dr. Peter von Rüden (r.) und Wolfgang Thierse im Gespräch bei der Buchvorstelltung „Gemeinsam gegen Hitler, Quisling und Terboven – Norweger und Deutsche im Widerstand 1940–1945“ in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin,©BPN

Berlin, 10. September 2026. Über 150 Gäste verfolgten am 10. September in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin den Erzählungen von Prof. Dr. Peter von Rüden, Medienwissenschaftler, Historiker und ehemaliger Vorsitzender der Deutsch-Norwegischen Freundschaftsgesellschaft e.V., über den gemeinsamen Widerstand von Norwegern und Deutschen während der deutschen Besatzung in Norwegen. In seinem aktuellen Buch „Gemeinsam gegen Hitler, Quisling und Terboven – Norweger und Deutsche im Widerstand 1940–1945“ beschreibt Rüden auf 300 Seiten, wie Norweger und Deutsche sich konspirativ zusammenfanden, um das NS-Regime gemeinsam zu bekämpfen. Die Veranstaltung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand war keine Lesung. Im Gespräch mit Wolfgang Thierse, der interessante Fragen zu stellen wusste, erzählte Rüden anschaulich, wie der Widerstand der organisierten Gruppen in der Praxis funktionierte, aber auch, wie sich die norwegische Bevölkerung durch zivilen Ungehorsam der Eingliederung in ein Großdeutsches Reich, von dem Hitler träumte, widersetzte,.

Johan Løøv, Gesandter der Königlich Norwegischen Botschaft in Deutschland, bezeichnete in seinem Grußwort das Buch als eine Geschichte, die vielleicht nicht gut genug bekannt ist und die uns auch heute noch etwas zu sagen hat. Es sei wichtig und richtig, sich daran zu erinnern, dass es auch Deutsche in Norwegen gab, die sich gegen Hitler und das NS-Regime stellten. Zwischen norwegischen und deutschen Widerstandskämpfern bestanden Verbindungen, die trotz Überwachung, Verfolgung und großer persönlicher Gefahr entstanden waren. Das Wort „gemeinsam“ im Titel des Buches sei vielleicht das entscheidende Wort. Denn Widerstand sei niemals nur eine Frage von Organisation oder politischen Programmen. Widerstand sei vor allem eine Frage von Menschen – Menschen, die einander vertrauen müssen; Menschen, die bereit sein müssen, Verantwortung zu übernehmen, obwohl sie wissen, dass sie dafür einen hohen Preis bezahlen können. Das sei eine bemerkenswerte historische Erfahrung. Und vielleicht sei sie gerade deshalb für uns heute auch von besonderer Bedeutung. Und das Buch erinnere uns daran, so Løøv, dass die Beziehungen zwischen unseren Ländern nicht nur eine Geschichte von Krieg und Besatzung sind, sondern auch eine Geschichte von Solidarität, Mut und persönlicher Verbundenheit.

Es ist ein weitgehend unbekanntes Kapitel der europäischen Widerstandsgeschichte, das der Autor in seinem Buch untersucht: den norwegischen Widerstand während der deutschen Besatzung und seine Verbindungen zu deutschen Gegnern des Nationalsozialismus. Bei einer Buchvorstellung wurde deutlich, dass es dabei nicht nur um historische Ereignisse geht, sondern auch um die Frage, wie Demokratien geschützt werden können, solange es noch möglich ist.

Johan Løøv, Gesandter der Königlich Norwegischen Botschaft in Deutschland©BPN

Der Abend begann mit Auszügen aus dem Buch. Sie führten zurück in die Nacht vom 8. auf den 9. April 1940, als deutsche Truppen Norwegen überfielen. Das Land war militärisch schlecht vorbereitet, verfügte jedoch über eine lange demokratische Tradition. Seine liberale Verfassung stammte aus dem Jahr 1814, der König Haakon VII war 1905 vom Volk gewählt worden, und die Gesellschaft hatte Erfahrungen mit parlamentarischer Demokratie gesammelt.

Die deutschen Besatzer glaubten offenbar, in Norwegen auf „germanische Brüder“ zu treffen. Stattdessen begegneten sie einer Bevölkerung, die das nationalsozialistische Führerprinzip ablehnte. Der norwegische Widerstand war dabei politisch breit aufgestellt. Männer und Frauen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten und Parteien arbeiteten zusammen. Parteipolitische Gegensätze traten hinter dem gemeinsamen Ziel zurück: der Verteidigung von Freiheit und Demokratie.

Der zivile Widerstand entstand bereits Ende 1940. Gleichzeitig formierte sich eine militärische Untergrundorganisation, die von Großbritannien unterstützt wurde. Widerstand zeigte sich jedoch nicht nur in Sabotageaktionen oder geheimen Kontakten. Auch Lehrer, Geistliche, Journalisten und Verbände verweigerten sich der Gleichschaltung. Die protestantische Kirche ging vielfach in den Untergrund. Gottesdienste, Taufen und Trauungen wurden von Geistlichen durchgeführt, die sich der Kontrolle der Besatzer entzogen hatten.

Eine zentrale Rolle spielte König Haakon VII. Über den norwegischen Dienst der BBC sprach er regelmäßig zu seinen Landsleuten. In vielen Familien wurde die Ansprache des Königs zum festen Abendritual. Als die Deutschen Radiogeräte verboten, wurden die Nachrichten abgeschrieben, vervielfältigt und heimlich weitergegeben.

Besonders eindrucksvoll schilderte der Autor die Kontakte zwischen norwegischen Widerstandskämpfern und deutschen Gegnern Hitlers. Der Diplomat und Jurist Helmuth James von Moltke reiste mehrfach nach Norwegen, um von dort Verbindungen zu den Briten herzustellen. Theodor Steltzer, ein deutscher Offizier und Gegner des Nationalsozialismus, nutzte seine Stellung, um Informationen auszutauschen. Der norwegische Journalist Arvid Brodersen wurde zu einem wichtigen Vermittler. Über diese Netzwerke gelangten auch Informationen über das geplante Attentat vom 20. Juli 1944 ins Ausland.

Zu den weiteren Akteuren gehörte Willy Brandt, der im schwedischen Exil an der illegal verbreiteten Zeitung „Handschlag“ mitarbeitete. Das Blatt berichtete über den norwegischen Widerstand und die Kriegslage. Solche Beispiele machen deutlich, dass der Widerstand nicht an nationalen Grenzen endete.

Dramatisch waren auch die letzten Kriegstage. In Norwegen standen noch mehrere hunderttausend deutsche Soldaten. Die norwegische Exilregierung wollte einen blutigen Endkampf verhindern und eine geordnete Kapitulation erreichen. Durch Kontakte zum deutschen Oberkommando und die Vermittlung des Widerstands gelang es schließlich, die deutsche Besatzung im Mai 1945 ohne größere Gefechte zu beenden.

Das Buch verschweigt weder die Tapferkeit noch die moralischen Konflikte des Widerstands. Sabotageaktionen konnten auch Menschenleben gefährden, und manche Entscheidungen waren nur zwischen verschiedenen Formen von Schuld zu treffen. Zugleich erinnert die Geschichte daran, dass Widerstand nicht erst mit spektakulären Taten beginnt. Er kann in der Verweigerung von Anpassung liegen, in unabhängiger Information, in kirchlicher Arbeit oder in der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Zum Abschluss der Veranstaltung wurde der Blick auf die Gegenwart gelenkt. Die wichtigste Lehre aus der Geschichte, so die Botschaft des Abends, lautet: Demokratie muss verteidigt werden, bevor es zu spät ist. Wer wählt, trägt Verantwortung für die politische Entwicklung seines Landes. Gerade deshalb dürfe die Geschichte des Widerstands nicht in Schulbüchern und Archiven verschwinden. Sie müsse weitererzählt werden – als Warnung, aber auch als Ermutigung.

Gemeinsam gegen Hitler, Quisling und Terboven – Norweger und Deutsche im Widerstand 1940–1945

Prof. Dr. Peter von Rüden

Peter von Rüden, Historiker und Medienwissenschaftler. Promotion an der Universität München 1972, Habilitation im Fach Medienwissenschaft 1979.
Gründungsdirektor des Adolf-Grimme-Instituts. Hauptabteilungsleiter und Leiter der Programmgruppe Arte beim NDR-Fernsehen, Leiter der Forschungsstelle zur Rundfunkgeschichte des Leibniz-Instituts für Medienforschung und des Instituts für Neuere Deutsche Literatur und Medienkultur der Universität Hamburg.
319 Seiten
Preis:
Print: 24,00 Euro + Versand
E-Book/PDF: 19,00 Euro

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