Debatte um Öl- und Gasexloration in der Barentssee – Norwegen nicht länger „grüne Batterie“ Europas

Öl- und Gasfelder in Produktion oder Vorbereitung in der Barentssee©Equinor

Stavanger, 24. August 2026. Norwegen hat sich in der Vergangenheit gern als „grüne Batterie“ Europas präsentiert – als Land, das den Nachbarländern sauberen Strom aus Wasserkraft zur Verfügung stellt. Doch damit ist jetzt Schluss. Angesichts der Unsicherheit, ob in der EU-Arktis-Strategie, die im Herbst verabschiedet wird, ein Moratorium zur Öl- und Gasentwicklung in der Barentssee enthalten ist oder nicht, erklärte Norwegens Energieminister Terje Aasland in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters: „Norwegen wird seine Öl- und Gasvorkommen in der Barentssee unabhängig von der Unterstützung der Europäischen Union für ein Moratorium für arktische Kohlenwasserstofflieferungen weiter ausbauen und sieht sich nicht länger als Europas ‚grüne Batterie'“. Norwegen wolle die Erdölproduktion und -exporte bis mindestens 2035 auf einem etwa gleichbleibenden Niveau halten, wobei die Produktion in der Barentssee eine Schlüsselrolle spielen werde. „Wenn Norwegen auch weiterhin ein langfristiger Lieferant von Öl und Gas für Europa bleiben soll, dann muss die Arktis Teil dieser Diskussion sein. „Wir werden diese Gebiete erschließen, und dann liegt es an der EU, ob sie ein Moratorium für den Kauf dieses Gases oder Öls verhängen sollte“, sagte Aasland. Arktisches Öl würde ohnehin auf den Weltmärkten verkauft werden, während Gas als verflüssigtes Erdgas von Equinor weltweit vermarktet werden kann.

In der 2021 verabschiedeten Arktis-Strategie heißt es: „Sie (die EU) setzt sich entschlossen dafür ein, die Ziele des Übereinkommens von Paris durch die Umsetzung des europäischen Grünen Deals zu erreichen. Auf der Grundlage der partiellen Moratorien für die Exploration von Kohlenwasserstoffen in der Arktis setzt sich die EU dafür ein, dass Erdöl, Kohle und Erdgas auch in den arktischen Regionen im Boden bleiben. … Zu diesem Zweck wird die Kommission auch gemeinsam mit Partnern auf eine multilaterale rechtliche Verpflichtung hinarbeiten, hinsichtlich der Kohlenwasserstoffreserven in der Arktis und in angrenzenden Regionen keine weitere Entwicklungen zulassen und keine solchen Kohlenwasserstoffe – falls sie erzeugt werden sollten – zu kaufen.“

©Offshore Norge

Nun befürchtet die Öl- und Gasindustrie, allen voran die norwegische, dass die EU diese Position auch in der neuen Arktis-Strategie vertritt. Während der Eröffnungszeremonie der ONS 2026 wandte sich Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission, mit einem Grußwort an die Teilnehmer. Sie äußerte sich allerdings nicht zur neuen Arktis-Strategie. Vielmehr hob sie die Fortschritte der EU beim Wandel hin zu erneuerbaren Energien hervor und lobte Norwegen für sein Engagement zum Aufbau einer Lieferkette für die Speicherung von CO2 unter dem Meeresboden.

Legende von oben nach unten:
  • Für die Gewinnung von Meeresbodenmineralien freigegeben
  • Für Erdölaktivitäten freigegeben und verfügbar
  • Zuteilungen in vordefinierten Gebieten (APA)
  • Angenommene maximale Ausdehnung von Sedimentgesteinen mit Erdölvorkommen
  • Die Grenze des norwegischen Kontinentalschelfs©NOD

Ob mit oder ohne Moratorium – die Erschließung der Öl- und Gasvorkommen in der Barentssee hat längst begonnen. In der Barentssee sind derzeit drei Felder in Produktion: Snøhvit, Goliat und Johan Castberg. Bei der jüngsten Vergaberunde in vordefinierten Gebieten (APA) 2025 wurden 19 Unternehmen Eigentumsanteile an 57 Produktionslizenzen auf dem norwegischen Festlandsockel angeboten, fünf davon in der Barentssee.

Snøhvit startete die Produktion 2007, das Johan-Castberg-Feld wurde 2016 in Betrieb genommen und Goliat wurde 2025 offiziell eröffnet. Das Gas aus Snøhvit wird per Pipeline zur Onshore-Anlage Melkøya transportiert, wo es zu Flüssigerdgas (LNG) verarbeitet und mit LNG-Schiffen an die Märkte geliefert wird. Das geförderte Öl und Gas aus Goliat, Norwegens nördlichstes in Betrieb befindliches Ölfeld, werden auf eine schwimmende Produktions-, Speicher- und Verladeeinheit (FPSO) verladen und für den weiteren Export per Tanker gelagert.

Im Juni dieses Jahres haben der norwegische Energiekonzern Equinor und seine Partner die Unterlagen zur Prüfung der Umweltverträglichkeit für eine mögliche Erschließung des Öl- und Gasfeldes Wisting in der Barentssee zur öffentlichen Konsultation vorgelegt. Wisting ist die größte noch unerschlossene Ölentdeckung auf dem norwegischen Kontinentalschelf mit geschätzten förderbaren Mengen von knapp 500 Millionen Barrel Öläquivalent (boe). Das Ölfeld liegt in der Barentssee, 310 Kilometer nördlich von Hammerfest. Bis Ende 2026 wollen die Projektpartner über die endgültige Konzeptauswahl und eine mögliche Fortführung entscheiden.

Der größte Teil der Barentssee gilt als unerschlossenes Erdölgebiet, obwohl hier seit über 30 Jahren Explorationsaktivitäten stattfinden und die erste Entdeckung Anfang der 1980er Jahre gemacht wurde. Schätzungsweise die Hälfte der unentdeckten Ressourcen auf dem norwegischen Kontinentalschelf befindet sich in der Barentssee.

Große Gebiete der Barentssee sind noch unerforscht, und bedeutende Gebiete wurden noch nicht für Erdölaktivitäten erschlossen. Ohne eine Erhöhung der Gasexportkapazitäten könnten große Teile der Ressourcen in der Barentssee ungenutzt bleiben und die Exploration bliebe für die Unternehmen unattraktiv, so die Norwegische Offshore-Direktion (ONS). Die LNG-Anlage Hammerfest auf der Insel Melkøya ist derzeit die einzige Anlage für den Gasexport aus der Barentssee und wird vom Snøhvit-Feld vollständig ausgelastet.

Eine erhöhte Gasexportkapazität kann nach Angaben der Offshore-Direktion die Förderung aus bestehenden Feldern und Neufunden beschleunigen und den Weg für neue Entdeckungen bis zu 20 bis 30 Jahre früher ebnen als mit der derzeitigen Kapazität. Dies wiederum kann die Exploration in den am wenigsten erforschten Gebieten der Barentssee intensivieren.

Norwegen deckt derzeit rund ein Drittel des Erdgasbedarfs der EU. Im Jahr 2025 stammten 34 Prozent dieses Volumens aus Nordnorwegen, d. h. aus der Norwegischen See und der Barentssee – ein Anteil, der voraussichtlich in wenigen Jahren auf 50 Prozent steigen wird, unter anderem aufgrund der Erschöpfung der Felder im Süden. Bei der derzeitigen Politik werden die norwegische Öl- und Gasproduktion sowie die damit verbundene Wertschöpfung und die Arbeitsplätze bis 2050 um mehr als 60 Prozent zurückgehen, heißt es in dem aktuellen Konkraft-Bericht „Ausblick: Der norwegische Schelf bis 2050“ von Offshore Norge. 

Finden Sie hier den Bericht.

„Um die Aktivität aufrechtzuerhalten und einen zu raschen Rückgang der Öl- und Gasproduktion zu vermeiden, muss der Branche ein gutes Umfeld und die Zuweisung attraktiver Explorationsgebiete gewährleistet werden. Jetzt müssen wir proaktiv denken und kluge Schritte unternehmen, nicht zuletzt, um die Zulieferindustrie zu erhalten und weiterzuentwickeln. Ohne neue Funde wird die Produktion schneller sinken als nötig, was sowohl für Norwegen als auch für Europa, das auf die gesamte von uns geförderte Öl- und Gasmenge angewiesen ist, bedauerlich ist“, so Ole Erik Almlid, CEO des Unternehmerverbandes NHO. 

In dem Bericht empfiehlt KonKraft, die Kooperationsplattform für Offshore Norge, dass Norwegen das Aktivitätsniveau fördern und die APA, die Ausschreibungsrunden für Lizenzen zur Öl- und Gasexploration, fortgeführt und auf alle verfügbaren Gebiete, die derzeit für Erdölaktivitäten zugänglich sind, ausgeweitet werden muss, und dass auch bereits zuvor geöffnete Gebiete, insbesondere die westlichen Teile von Nordland VI, zugänglich gemacht werden sollten. Bei Nordland VI handelt es sich um ein Gebiet in der Norwegischen See vor den Lofoten und dem nördlichen Teil der Helgelandküste/des Vestfjords. Das Gebiet ist zwar rechtlich für Explorationsaktivitäten freigegeben, bleibt aber aufgrund von Umweltbedenken gesperrt.

Zu dem im Dezember 2025 veröffentlichten Entwurf der neuen EU-Arktis-Politik gab Offshore Norge, der Branchen- und Arbeitgeberverband für Unternehmen im Bereich der Öl-, Gas- und Offshore-Windindustrie sowie für CO2-Speicherung (CCUS) auf dem norwegischen Kontinentalsockel, am 26. März 2026 unter anderem folgende Empfehlungen ab: „Die Kommission sollte in der überarbeiteten Arktis-Politik berücksichtigen, dass der norwegische Teil der Arktis, der für Erdölaktivitäten zugänglich ist, durch etablierte und umfassende Umwelt- und Meeresmanagementpläne und -richtlinien geregelt wird. Diese Pläne basieren auf regelmäßig aktualisierten wissenschaftlichen Ökosystemdaten und sind in breit angelegte demokratische Prozesse eingebettet. Die aktuellen Maßnahmen finden in ganzjährig eisfreien Gebieten statt. Eine sichere und planbare Energieversorgung durch vertrauenswürdige Partner ist ein zentrales Sicherheitsgebot. Das Europäische Parlament erkennt dies beispielsweise in seinem Bericht zur Energiesicherheit in der EU (2025/2055(INI)) und im Bericht zur diplomatischen Strategie und geopolitischen Zusammenarbeit der EU in der Arktis (2025/2116(INI)) an. Norwegen stellt eine stabile und zunehmend wichtige Energiequelle für Europa dar.“

Produktionsentwicklung seit 2000 und Vorschau bis 2050.©NOD

Im vergangenen Jahr erreichte die Gasproduktion des Landes fast Rekordniveau, während die Ölförderung den höchsten Stand seit 2009 erreichte. Nach Russlands Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2022 ist Norwegen zum größten Erdgaslieferanten Europas geworden und deckt rund 30 Prozent des Gasbedarfs sowohl der Europäischen Union als auch Großbritanniens.

Offizielle Prognosen gehen jedoch davon aus, dass die Produktion nach 2030 stark zurückgehen wird, sofern keine neuen Ressourcen entdeckt und erschlossen werden. „Im heutigen geopolitischen und sicherheitspolitischen Umfeld und angesichts der Ressourcenlage glaube ich, dass die fortgesetzte Aktivität in der Barentssee sowohl norwegischen als auch europäischen Interessen dient“, sagte Aasland. Es ist das souveräne Recht des Landes, die Ressourcen der Barentssee zu erschließen, selbst wenn die EU weiterhin ein Moratorium unterstützen würde.

Makroökonomische Kennzahlen für den Erdölsektor im Jahr 2026.©Norwegian Offshore Directorat

Abgesehen vom souveränen Recht des Landes zur Erschließung der Öl- und Gasvorkommen in der Barentssee – die Erdölindustrie ist gemessen an der Wertschöpfung, an Staatseinnahmen, Investitionen und Exporten der bedeutendste Wirtschaftszweig Norwegens. Für das Jahr 2026 wird erwartet, dass sie 22 Prozent der gesamten Wertschöpfung und 47 Prozent des Exportwerts ausmacht.
Mehr als 210.000 Menschen sind direkt oder indirekt mit dieser Branche verbunden. Was sich in den kommenden Jahrzehnten auf dem norwegischen Festlandsockel abspielt, betrifft daher nicht nur Öl und Gas, sondern auch Einkommen, Arbeitsplätze und Fachwissen für die gesamte Gesellschaft.

Finden Sie hier den Ressourcen-Report des norwegischen Offshore-Direktorates 2026.

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