
Oslo, 12. Juni 2025. Norwegen will der Kohlenstoffspeicher Europas werden. Dabei hat das Land gute Karten. Am 16./17. Juni wird das Projekt Longship, Europas erste komplette Wertschöpfungskette für die Abscheidung, den Transport und die Speicherung von Kohlenstoff, offiziell in Betrieb genommen. Erster Kunde ist das Zementwerk in Brevik, ein Tochterunternehmen des deutschen Konzerns Heidelberg Materials. Das erste Schiff, beladen mit flüssigem Kohlenstoff von der Zement-Abscheidungsanlage in Brevik, wurde Ende Mai zur Speicheranlage nach Øygarden geschickt.
Am 5. Juni hatte die norwegische Botschaft in Berlin zu einem Pressegespräch anlässlich der Inbetriebnahme des Longship-Projektes und des Projektes Northern Lights in der Residenz der norwegischen Botschafterin in Berlin eingeladen. Pia Malene Andersen, Advisor Carbon Capture and Storage beim norwegischen Energieministerium, informierte darüber, dass die Kapazitäten für die Speicherung von jährlich 1,5 Millionen Tonnen CO2 bereits ausgebucht sind. Fünf Kunden haben sich Speicherplatz gesichert. Die beiden am Longship-Projekt beteiligten Unternehmen Heidelberg Material und das Abfallverarbeitungswerk Hafslund Celsios in Klemetsrut bei Oslo erhielten auf Basis einer Privat-Public-Partnership finanzielle Unterstützung vom norwegischen Staat. Auf kommerzieller Basis hat sich das Düngemittelwerk YARA Speicherplatz gesichert sowie ein dänisches und ein niederländisches Unternehmen. Im vergangenen Jahr unterzeichneten Dänemark, Norwegen, Belgien, die Niederlande und Schweden eine Vereinbarung über den grenzüberschreitenden Transport und die geologische Speicherung von abgeschiedenem CO2. Deutschland hat den Transport von CO2 ins Ausland noch immer nicht genehmigt. Es wird erwartet, dass die entsprechenden rechtlichen Voraussetzungen dafür zügig geschaffen werden.

Carolin Bossmeyer, Head of Liaison Office von Heidelberg Materials in Berlin, unterstrich, dass ihr Unternehmen beim Bau der Abscheidungsanlage im Zementwerk in Brevik echtes Neuland beschritten habe. Jährlich werden 400.000 Tonnen CO2 abgeschieden. Alle vier Tage startet das Spezialschiff mit flüssigem CO2 nach Øygarden zur Verpressung unter dem Meeresboden. Heidelberg Materials habe sehr ambitionierte Ziele zur Reduzierung der CO2-Emissionen pro produzierter Tonne Zement, erklärte Bossmeyer. Noch sei dieses Projekt kommerziell nicht zu betreiben. In der Anlage steckt nach Angaben von Bossmeyer etwa ein Drittel deutsche Technologie, der Kompressort wurde von MAN in Berlin geliefert.
Grete Tveit, Senior Vice President for Low Carbon Solutions bei Equinor, bestätigte, dass Phase 1 des Longship-Projektes ausgebucht ist. Im Dezember vergangenen Jahres sei die Investitionsentscheidung für ein zweites Projekt, die Northern Endurance Partnership (NEP), getroffen worden. Aktionäre sind bp, Equinor und TotalEnergies. Mit diesem Vorhaben soll die Onshore- und Offshore-Infrastruktur für den Transport von CO2 in Teesside und Humber – zusammen bekannt als East Coast Cluster in Großbritannien – aufgebaut werden, die zur sicheren Speicherung unter der Nordsee erforderlich ist. NEP hat über den salzhaltigen Grundwasserleiter Endurance und angrenzende Lagerstätten Zugriff auf bis zu einer Milliarde Tonnen CO₂-Speicherkapazität.
Für Deutschland sieht Tveit Möglichkeiten des Transports von CO2 per Schiff von Eemshaven, per CO2-Pipelines über das Netz der Open Grid Europe GmbH (OGE) nach Zeabrügge und über Dänemark. Die Pipeline nach Zeebrügge wäre 1.000 Kilometer lang. Hierfür gebe es noch keine Kunden. Momentan brauche es für all diese Pläne noch eine Finanzierung. „Die Regierung ist der Architekt, der alles zusammenbringt“, sagte Tvest.
Die Gesamtkosten des Projekts werden auf 25,1 Milliarden norwegische Kronen geschätzt. Darin enthalten sind sowohl die Investition als auch die zehnjährige Betriebszeit. Der staatliche Anteil an diesen Kosten wird auf 16,8 Milliarden norwegische Kronen geschätzt, was bedeutet, dass der Staat etwa zwei Drittel der Projektkosten übernehmen wird.
