
Berlin, 19. Februar 2024. Heute vor 1.000 Tagen hat Russland die Ukraine in breiter Front überfallen. Das hat die Welt verändert. Auf Norwegen, das als Auge und Ohr der NATO im Norden gilt, kommen seit Beginn der Aggression am 22. Februar 2022 immer neue Aufgaben zu. Das Land muss sich militärisch neu aufstellen.

Russland ist die größte Bedrohung für Norwegen. Die Landgrenze zu Russland ganz im Norden ist mit 197 Kilometern zwar kurz, die Meeresgrenze zwischen den ausschließlichen Wirtschaftszonen beider Länder in der Barentssee und im arktischen Ozean aber um so länger. Unmittelbar neben dem norwegischen Territorium befindet sich in etwa einhundert Kilometer Entfernung auf der russischen Halbinsel Kola die russische Nordflotte mit ihren Atom-U-Booten. Hier ist ein großer Teil des russischen Nuklearpotenzials stationiert. Außerdem gibt es auf der Halbinsel mehrere russische Luftwaffenstützpunkte.
War Norwegen innerhalb der NATO bisher dafür verantwortlich, zu wissen, was diese Atom-U-Boote in internationalen Gewässern hoch im Norden treiben, wurde das Land mit dem EU-Beitritt Schwedens und Finnlands auch ein Transitland für die Alliierten. Jetzt muss Norwegen gemeinsam mit Schweden und Finnland planen und bei bei allem, was im Norden geschieht, in Regionen denken.
Trotz der aktuellen Bedrohungssituation soll die Balance zwischen Abschreckung und Beruhigung gehalten werden. Während norwegische Streitkräfte bei Manövern beispielsweise darauf achten, dass die NATO-Streitkräfte, vor allem die Kampfflugzeuge, in gebührendem Abstand von der russischen Grenze operieren, hat Finnland kein Problem damit, Übungen direkt vor der russischen Haustür abzuhalten.
Norwegen will die Beziehungen zu Russland nicht ganz kappen. Ein erst kürzlich abgeschlossenes Fischereiabkommen zwischen Norwegen und Russland beispielsweise zeigt, wie wichtig den Norwegern eine Beibehaltung des gemeinsamen Bewirtschaftungsregimes zur Sicherung des Fischbestandes in der Barentssee ist.
Amerikaner mit Charme-Offensive gegenüber Norwegen
Um die Russen möglichst nicht zu provozieren, hat Norwegen bisher keine amerikanischen Militärstützpunkte im Lande zugelassen. Außerdem haben linke Parteien in Norwegen Vorbehalte gegenüber der NATO. Zwar sind die amerikanischen Streitkräfte präsent, aber eben nicht auf Stützpunkten. Um die Norweger für das amerikanische Militär zu gewinnen, startete die U.S. Navy im vergangenen Jahr eine Charme-Offensive. Am Rande einer Übung schickte sie 2023 und in diesem Jahr ihre Flugzeugträger USS „Harry S. Truman“ und „USS Gerald R. Ford“ in den Oslo-Fjord. Tausende Norweger säumten mit ihren Fotoausrüstungen und Handys die Ufer des Drøbaksundet. Mehrere tausend amerikanische Soldaten bummelten friedlich und freundlich durch Oslo.

„Mit der Erweiterung nach Osten steht der NATO eine neue Ära bevor. Norwegen wird seine Rolle überdenken müssen“, sagt Robin Allers, Associate Professor an der Norwegischen Verteidigungshochschule (FHS) in Oslo. „Alle nordischen Länder sind bezüglich ihrer Sicherheit abhängig von den USA.“
Wenn die Kommandostrukturen und die neue Regionalplanung innerhalb der NATO neu bestimmt werden, wünscht sich Norwegen, dass die nordischen Länder unter das geplante „Gemeinsame Kommando Nordwesten Europas“ fallen, das den Atlantik, die europäische Arktis und die nordische Region umfasst. Deutschland gehört dann zum „Gemeinsamen Kommando Zentraleuropa“, in das auch die baltischen Staaten eingegliedert werden sollen.
Beziehungen zu Deutschland bleiben stabil
Deutschland spielt für Norwegen vor allem in der Beschaffung von Rüstungsmaterial eine besondere Rolle. Seit langem kauft Norwegen deutsche U-Boote. Seit 2017, als beide Länder sechs U-Boote des Typ 212CD und Raketen für die norwegische und deutsche Marine gemeinsam bei thyssenkrupp Marine Systems bestellten, gilt die Kooperation als strategische Partnerschaft. Der im Juli 2021 erteilte Auftrag war der bislang größte in der Geschichte von thyssenkrupp Marine Systems. Ein großer Teil der Zulieferungen kommt von norwegischen Unternehmen. In Bergen wird gegenwärtig ein neuer Hafen gebaut, in dem die U-Boote von einem deutsch-norwegischen Gemeinschaftsunternehmen künftig gewartet werden. Außerdem wurde Deutschland von Norwegen aktuell neben Frankreich, Großbritannien und den USA als mögliches Partnerland beim Kauf von fünf neuen Hochseefregatten ausgewählt. Fregatten sind die teuerste Einzelbeschaffung, die das Land in Zukunft bei den norwegischen Streitkräften tätigen wird.
Momentan liegt der Fokus der deutschen Marine in der Ostsee. „Als Akteur im sogenannten Hohen Norden sind die USA, Großbritannien und Frankreich wesentlich aktiver als Deutschland“, erklärt Allers. „Aber der Nordatlantik und die europäische Arktis werden immer wichtiger, und insofern wird auch Deutschland hier eine größere Rolle spielen.“
Nach dem Amtsantritt von Donald Trump als Präsident wird sich die NATO neu sortieren. Norwegen beobachtet genau, wie die EU auf eventuelle Änderungen reagieren wird. Zudem wählen Deutschland als auch Norwegen im kommenden Jahr eine neue Regierung. Auf die Verteidigung werde dies keinen Einfluss haben. „Alle Parteien im Storting, dem norwegischen Parlament, haben im Juni dieses Jahres einem Langzeitplan zur Verteidigung zustimmt. Die bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Norwegen bleiben auch in der Ära Trump stabil“, ist Allers sicher.

Infrastruktur als größte Herausforderung
Man kann es als Ironie der Geschichte bezeichnen, dass eines der großen Infrastrukturprojekte der vergangenen Jahre im Norden Norwegens ausgerechnet der Ausbau der E105 von Norwegen nach Russland war. Auf norwegischer Seite wurden 2017 zehn Kilometern Straße modernisiert, ein Tunnel durch die Trifonhøgda gebaut und eine neue Stahlbaubrücke über den Bøkfjord installiert, geliefert von der SCHACHTBAU Nordhausen GmbH.
Darüber hinaus wurden 5,3 Kilometer neue Wanderwege und Radwege gebaut und ein neuer Grenzübergang für Skifahrer eingerichtet. Auf der russischen Seite wurde die Straße auf 16,7 Kilometer ausgebaut. Die Baukosten auf der norwegischen Seite betrugen 830 Millionen NOK, etwa 88 Millionen Euro. Eine Fehlinvestitionen aus jetziger Sicht.
Heute wird die Straße kaum befahren. An anderer Stelle im Norden fehlen Straßen, Schienen und Brücken. Die einzige Bahnverbindung von Narvik im Norden gen Osten führt über die Malmbanen nach Stockholm. Die Bahnstrecke ist strategisch wichtig. Täglich verkehren zehn Erzzüge der Grubengesellschaft LKAB von Kiruna in Schweden nach Narvik und vier Züge von Malmberget bei Gällivare nach Luleå. Narvik ist der wichtige Umschlaghafen für die Frachtschiffe mit Eisenerz. Über diese Strecke werden Fisch aus dem Norden zum Weitertransport in die Welt und Lebensmittel aus Oslo in den Norden transportiert. Das Problem: Die Strecke ist – mit mehreren Ausweichstellen – nur eingleisig befahrbar. Immer wieder kommt es zu Unfällen. Allein im vergangenen Winter war die Linie viele Wochen lang wegen Entgleisungen gesperrt. Die Strecke soll ausgebaut werden. Allerdings ist es mit einem zweiten Gleis wohl nicht getan – zu anspruchsvoll sind die natürlichen Bedingungen.

Im Nationalen Verkehrsplan der Regierung werden mehrere Projekte als Beitrag zur Unterstützung der NATO genannt. In Norwegen und den neuen NATO-Mitgliedern Schweden und Finnland als Aufnahme- und Transitgebiete für verbündete Streitkräfte müssen neue Straßen, Brücken und Eisenbahnlinien entstehen. „Zweifellos war Norwegen bezüglich des Ausbaus der Infrastruktur im Norden nicht auf diese Bedrohungslage vorbereitet“, sagt Robin Allers. „Jetzt müssen schnelle Lösungen her. Durch den Anschluss Norwegens an EU-Programme zur militärischen Mobilität und die Zusammenarbeit mit Schweden und Finland stehen potentiell auch EU-Töpfe bereit.“
Jutta Falkner
Weitere Quellen:
- Defence Commission (2023) forsvarskommisjonen_kortversjon-1.7_singel.pdf NOR: NOU 2023: 14
- The Norwegian Defence Pledge NOR: Prop 87 S (2023–2024)
- Die Militärkooperation mit NATO-Partner Norwegen (BMVg)
- Die Deutschland-Strategie der norwegischen Regierung (2024)
- Germany’s Arctic Policy Guidelines (2024)
