25 Jahre Statkraft in Deutschland – Vom Stromhändler zum wichtigen Mitgestalter der Energiewende

Interview mit Stefan-Jörg Göbel, Statkraft Country Manager in Deutschland

Stefan-Jörg Göbel©Statkraft

Der norwegische Energiekonzern Statkraft ist Europas größter Produzent erneuerbarer Energien. In Deutschland feiert das Unternehmen in diesem Jahr sein 25-jähriges Jubiläum. BusinessPortal Norwegen sprach mit Stefan-Jörg Göbel über den Einstieg des Unternehmens in den deutschen Markt, über die Entwicklung vom Stromhändler zu einem der größten Anbieter von sauberer Energie, über Statkrafts Ambitionen in den Bereichen Wind, Solar und Wasserstoff, über das Image als norwegisches Unternehmen und über Wasserkraftwerke als die schönsten Energieerzeuger der Welt.

Herr Göbel, welche Wegstrecke hat Ihr Unternehmen in den vergangenen 25 Jahren zurückgelegt?

Statkraft startete seine Aktivitäten in Deutschland, als die EU 1998 die Energiemärkte liberalisierte und europaweit öffnete. Deutschland hat die Vorgaben sehr schnell umgesetzt, sodass Statkraft schon ein Jahr nach der Öffnung des Marktes entschieden hat: Wir gehen in das Land. Einerseits natürlich, um hier Geschäft zu machen. Andererseits aber auch, um zu verstehen, welche Auswirkungen die Liberalisierung des deutschen Energiemarktes auf den norwegischen oder den nordeuropäischen Markt haben würde. 

Anfangs haben wir mit Strom gehandelt: An- und Verkauf, Im- und Export. Das lief ziemlich gut, vor allem, weil wir mental schon weiter waren als die deutschen Unternehmen. Norwegen hatte seinen Energiemarkt bereits 1992 liberalisiert und die Branche reformiert. Während einige deutsche Unternehmen noch eine Art Abwehrkampf führten, waren wir mit unseren Erfahrungen für die deutschen Behörden und Kunden der willkommene Wettbewerber im Markt. Viele Türen standen uns offen. 

Wir haben dann parallel zum Handelsgeschäft unser Kraftwerksgeschäft vorangetrieben. 2005 trafen wir die Investitionsentscheidung für den Bau von zwei Gaskraftwerken, eines in Knapsack bei Köln und eines in Herdecke an der Ruhr. 2008, 2009 erfolgte dann ein großer Asset-Tausch mit E.ON. Wir gaben Finanzbeteiligungen ab und erhielten dafür Kraftwerke in Schweden und in Deutschland. 2013 nahmen wir ein weiteres Gaskraftwerk in Betrieb – und damit waren wir in der deutschen Stromerzeugung fest etabliert.

2015/2016 hatten wir dann eine sehr schwere Zeit. Der Strompreis war relativ niedrig, aber wir hatten sehr viel investiert – zu viel. Aber nicht nur wir, alle Unternehmen haben gelitten. Mit großen Abschreibungen, Kostensparprogrammen und zahlreichen Einzelaktionen haben wir versucht, der Situation Herr zu werden. Zum Glück lief das Handelsgeschäft noch sehr gut. Und im Bereich Direktvermarktung waren wir Marktführer.

Denn als 2012 die neue Regel in Kraft gesetzt wurde, die besagte, dass die vielen unabhängigen Betreiber von Wind- und Solarkraftwerken ihren Strom nicht mehr beim Netzbetreiber abgeben müssen, sondern ihn selbst an den Markt bringen oder sich einen Partner dafür aussuchen konnten, standen wir bereit. Viele Unternehmen haben sich Statkraft ausgesucht, um ihren Strom zu managen. Zu Spitzenzeiten hatten wir 12.000 MW unter Vertrag. Das war für uns sehr wichtig für Wachstum und Stabilität und auch, um uns in Deutschland bekannt zu machen. Und natürlich war es profitabel. 

Dieses Geschäft führten wir dann weiter in Richtung Stromliefer- und Abnahmeverträge, der sogenannten Power Purchase Agreements oder kurz PPAs. Sie sind jetzt das wichtigste Instrument, um grüne Energie langfristig zum Festpreis an die Großindustrie zu bringen. In diesem Segment arbeiten wir seit fünf, sechs Jahren sehr erfolgreich. 

Und vor fünf Jahren ist Statkraft auch in die Entwicklung von Wind- und Solarparks eingestiegen. Wir besitzen zwei Windportfolien mit jeweils ungefähr 300 MW. Damit ist Statkraft unter den zehn größten Windkraftbetreibern in Deutschland. 

Das ist die Geschichte. Und wo wollen Sie noch hin?

Wir bedienen die beiden Säulen der Energiewende, also auf der einen Seite den Umstieg auf erneuerbare Energien als dem Rückgrat der Transformation. Bei Wind und Solar haben wir ein sehr schönes Bestandsportfolio aufgebaut und fast 2000 Megawatt-Projekte in der Entwicklung. Wir entwickeln darüber hinaus auch Batteriespeicher, auch in Kombination mit Solarparks.  

Auf der anderen Seite engagiert sich Statkraft stark in der flexiblen Energieerzeugung, also mit dem Betrieb von Wasserkraftwerken, Gaskraftwerken und Biomassekraftwerken. 

Auf diesen beiden Säulen, auf denen wir fest stehen, werden wir uns auch weiterentwickeln. Hier sehen wir unsere Rolle in der Energiewende. Zusätzlich liefern wir mit PPAs die kommerziellen Lösungen. Das ist ein guter Ausgangspunkt für die nächsten zehn oder zwanzig Jahre.

Perspektivisch setzen wir auch auf das Thema Wasserstoff. Das wäre dann sozusagen die Brücke zwischen den beiden Säulen.

Statkraft will auch bei Wasserstoff unter die Top 10 Produzenten in Deutschland kommen. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation in diesem Bereich ein? Wie gestaltet sich die Nachfrage? 

Zumindest wird es beim Thema Wasserstoffkernnetz nun konkret. Regulatorisch herrscht weitestgehend Klarheit. Hierfür stellt der Staat große Summen bereit, und Netzbetreiber haben sich verpflichtet, dieses Netz aufzubauen. Parallel muss man nun sehen, dass das Angebot und die Nachfrage für Wasserstoff in den Markt kommen. Statkraft positioniert sich erst einmal als Anbieter auf dem Markt. Wir realisieren in Emden in einem Bestandskraftwerk ein Pilotprojekt mit zehn Megawatt Elektrolyseleistung. Diese Mengen sollen in den lokalen Mobilitätssektor fließen. Hierfür gibt es ein Anreizsystem: Im Verkehrssektor müssen die Mineralölkonzerne und Tankstellen eine Quote erbringen. Ein Teil ihrer Verkäufe muss aus CO2-freien Brennstoffen bestehen. Das können sie erfüllen, indem sie Wasserstoff an Brennstoffzellen-Lkw verkaufen. Darauf setzen wir, denn hier gibt es eine entsprechende Nachfrage. Aber es gibt viele andere Probleme, zum Beispiel: Gibt es die Lkw technisch in ausreichender Menge? Reicht der Mehrpreis für den Wasserstoff aus? Fehlt uns noch eine Lücke zu dem Preis, der sich an den CO2-freien Brennstoffmarkt einstellt. Gibt es die gesamte Abfülltechnologie?

Wir haben die Entscheidung noch nicht getroffen, ob wir das Projekt in Emden anpacken. Es hängt davon ab, ob wir am Ende eine Profitabilität sehen. 

Wie wollen Sie dann beim Wasserstoff vorankommen?

Das größere Segment machen große industrielle Anlagen aus. Am Standort Emden planen wir, Wasserstoff in einem 200-MW-Elektrolyseur zu produzieren. Diese Mengen wollen wir in das Wasserstoffkernnetz einspeisen. Für dieses Vorhaben haben wir eine Förderung beantragt. Als nächsten Schritt werden wir Kunden suchen, die an das Kernnetz angebunden und bereit sind, entsprechende Preise für den Wasserstoff zu bezahlen. 

Der Preis ist im Augenblick das große Fragezeichen. Was werden die Kunden bezahlen? Planung ist die eine Sache, aber eine Investitionsentscheidung, also das Geld wirklich in die Hand zu nehmen, ist eine andere. Für die Umstellung auf Wasserstoff brauchen die großen Industrieunternehmen noch Zeit. Hier scheinen noch wenige Entscheidungen gefallen zu sein. 

Nun hat Ihr Mutterkonzern Statkraft in Norwegen Summen genannt, wie viel Geld in den nächsten Jahren für den Ausbau der erneuerbaren Energien zur Verfügung steht. Wie sieht es bei Statkraft in Deutschland aus? Sind die Kassen gut gefüllt für Übernahmen oder Investitionen? 

Der Konzern hat das geplante Investitionsvolumen für Europa und auch für den Rest der Welt genannt, aber die Summe nicht auf einzelne Länder heruntergebrochen. Das halte ich auch nicht für sinnvoll, weil wir nicht genau wissen, wann unsere Projekte kommen und in welchem Umfang. Oder wie diese dann beispielsweise im Wettbewerb zu Statkraft-Vorhaben in Spanien oder Frankreich stehen. Der Konzern will natürlich in die attraktivsten Projekte und Möglichkeiten investieren. Welche das sind, sieht man aber erst, wenn es um die konkrete Realisierung geht. 

Gibt es in Deutschland momentan konkrete Übernahme- oder Neubaupläne?

Wir haben in Deutschland 2021 und 2022 im Windbereich zwei große Akquisitionen realisiert. Damit sind wir erst einmal gut aufgestellt. Der Hintergrund für diese Investitionen war einerseits, dass es sich um drehende Windmühlen handelt, die jeden Tag Geld verdienen. Andererseits sind sie aber so alt, dass sie in den nächsten fünf bis zehn Jahren erneuert werden müssen. In der Branche nennen wir das Repowering. Wir werden diese Standorte komplett neu entwickeln, mit modernen Anlagen ausrüsten, die über ein Vielfaches der Leistung der Altanlagen verfügen. Wir haben alle Hände voll zu tun, dieses Portfolio ins nächste Jahrzehnt zu bringen und in die neueste Technik zu investieren. Wir brauchen also nicht unbedingt eine Akquisition, um weiter zu wachsen. Und die Frage, ob wir in jedem Projekt immer eine Investitionsentscheidung treffen oder nicht, oder ob wir auch einmal einzelne Projekte verkaufen, stellt sich erst beim konkreten Angebot.

Sie erwähnten bereits das PPA-Geschäft, also den Stromverkauf aus erneuerbaren Quellen direkt an Unternehmen. Wie wichtig ist es deutschen Unternehmen, grüne Energie zu beziehen? 

Das ist einigen Unternehmen sehr wichtig. Mercedes-Benz zum Beispiel hat seit 2022 über unser sogenanntes 24/7-Power-Purchase-Agreement Zugang zu einhundert Prozent grüner Energie. Alle Werke des Unternehmens in Deutschland, einschließlich ihrer Büros, werden mittlerweile rund um die Uhr mit erneuerbarer Energie versorgt. 

Die größte Herausforderung bei erneuerbaren Energien besteht ja in der Abhängigkeit vom Wetter. Unternehmen brauchen jedoch kontinuierlich Strom. Wir können, wenn die Sonne nicht scheint und kein Wind weht, die Lücken mit Strom aus unseren Wasserkraftwerken füllen.

Inzwischen haben wir mehrere Unternehmen aus dem Automobilbereich unter Vertrag. In den vergangenen zwei Jahren wurden insgesamt etwa 80 Verträge abgeschlossen. Das ist ein sehr starkes Geschäft. Die Nachfrage ist tatsächlich ungebrochen, weil Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsziele erfüllen müssen.

Welche Erfahrungen haben Sie in den vergangenen Jahren mit Windkraftgegnern gemacht?

Natürlich gibt es Leute, die die Energiewende grundsätzlich oder auch aus ideologischen Gründen ablehnen und dafür lokale Projekte in Geiselhaft nehmen. Aber das ist kein Massenphänomen. Eine grundlegende Anti-Haltung erleben wir nicht. 

Wichtig sind die guten Beziehungen zu den Gemeinden und eine transparente Informationspolitik. Wir stellen uns frühzeitig den Fragen der Bevölkerung, tauschen uns über unsere Planungen an den Standorten aus und nehmen Feedback auf. Darüber hinaus nutzen wir entsprechend des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes die Möglichkeit, die Gemeinden finanziell am Geschäft zu beteiligen. Zwei Euro fließen pro Megawattstunde an die Gemeinden. Und bei einem typischen Projekt sind das schon einmal einige 100.000 Euro pro Jahr. Das überzeugt natürlich auch viele Bürger. 

In den vergangenen Monaten hat die Regierung Strategien veröffentlicht und einige Gesetze auf den Weg gebracht, um die regulatorischen Rahmenbedingungen für den Ausbau der erneuerbaren Energien zu verbessern und die Energiewende voranzutreiben. Wo sehen Sie noch dringenden Handlungsbedarf?

Im Bereich Wind und Solar hat die Politik im Grunde ihre Hausaufgaben gemacht. Das muss jetzt lokal umgesetzt werden. Jetzt ist eher die breite Bevölkerung gefragt, die Akzeptanz auch lokal zu zeigen. 

Ein wichtiges Thema ist für uns die Flexibilität von Kraftwerken. Die Ausarbeitung einer Kraftwerksstrategie und des Kraftwerkssicherungsgesetzes haben sehr lange gedauert.

Auch im Wasserstoffbereich läuft alles sehr langsam. Es wäre auch gut, wenn es für den Wasserstoffhochlauf Instrumente gäbe, um eine Abnahme zu garantieren.

Wie könnte das aussehen? 

Zum Beispiel könnten die Differenzkosten zwischen Wasserstoff und Erdgas bezahlt werden. Es könnte aber auch eine Quote vorgegeben werden, dass eine bestimmte Menge an Wasserstoff verpflichtend aus erneuerbaren Energien produziert wird. Eine entsprechende Regulierung gibt es auf europäischer Ebene. Wenn diese hart in Deutschland umgesetzt würde, wäre das schon eine gute Garantie.

Aber da würde sich der norwegische Öl- und Gaskonzern Equinor nicht so sehr darüber freuen, der ja eher erst einmal seinen blauen Wasserstoff in Deutschland als Brückenlösung verkaufen will.

Ja, richtig. Die Regulierung auf europäischer Ebene ist aber wie sie ist. Und in dieses Geflecht aus den Interessen der Bundesregierung, des norwegischen Staates und der beteiligten Unternehmen haben wir keinen Einblick.

Statkraft bietet zu 97 Prozent grünen Strom an. Wie wollen Sie die restlichen drei Prozent aus den Gaskraftwerken in sauberen Strom verwandeln, damit Ihr Unternehmen sozusagen Netto Null produziert?

Die könnten wir natürlich verkaufen, dann hätten wir sofort einhundert Prozent CO2-Freiheit. Aber die Welt würde dadurch nicht besser werden. 

Die Kraftwerksstrategie sieht ja die Umrüstung von Gaskraftwerken auf Wasserstoff vor – ab 2035. Spätestens dann sollten die notwendige Infrastruktur, die Technik und der regulatorischen Rahmen vorhanden sein. Wenn das früher kommt, umso besser.  Aber es sind noch erhebliche Hürden zu nehmen. 

Allerdings sind die Gaskraftwerke nicht das größte Übel für die Umwelt. Große CO2-Einsparungen durch Wasserstoff lassen sich im Stahlsektor, bei Raffinerien und in der Düngemittelproduktion erzielen. Diese Bereiche müssen zuerst angegangen werden.

Wie merkt man, dass Statkraft Deutschland ein norwegisches Unternehmen ist?

Da gibt es die Außensicht und die Innensicht. Wir profitieren von diesem Elcheffekt – alles, was auf Norwegen projiziert wird, funktioniert auch für uns, weil wir als Teil der norwegischen politischen Kultur gesehen werden: eine liberale Wirtschaft, eine stabile Gesellschaft, freundliche Leute, intakte Natur, transparente Governance, hohe Ansprüche an die Unternehmensführung, funktionierende Antikorruptionsrichtlinien.

Nach innen unterscheiden wir uns von deutschen Unternehmen wahrscheinlich durch unsere flachen Hierarchien und unsere sehr moderne Art der Führung. Homeoffice beispielsweise war bei uns nicht erst seit Corona ein Thema. Wir hatten es nicht in der Breite, aber im Prinzip waren wir darauf vorbereitet. Homeoffice war in Norwegen nicht unbekannt.

In den vergangenen Jahren gab es jede Menge Innovationen im Energiebereich. Halten Sie es möglich, dass bis 2050 neue Technologien zur Energieerzeugung und Speicherung hinzukommen, an die heute noch niemand denkt?

Ich würde sagen, es gibt keine totalen Durchbrüche, die noch einmal eine ganz neue Technik nach vorn bringen würden. Wir haben jetzt schon einen Baukasten, der sehr stark ist und noch besser werden wird. Photovoltaik wird weiter billiger werden. Batterien im Strommarkt sind im Augenblick noch eine Nische. Sie werden sicherlich in fünf Jahren ein Massenphänomen sein. Die Windturbinentechnik wird besser und billiger werden und der ganze Wasserstoffsektor wird sich in den nächsten zehn bis 20 Jahren gut entwickeln. Damit haben wir eigentlich die Toolbox, um auf Net Zero zu kommen. 

Und welches Tool mögen Sie ganz persönlich am meisten? 

Schwierige Frage. Wir brauchen natürlich alles, deshalb habe ich gar nicht den Luxus, mir das auszusuchen. Die schönsten Energieerzeuger sind natürlich Wasserkraftwerke. Ich war kürzlich in unserem Pumpspeicherkraftwerk zwischen Hildesheim und Göttingen – in Erzhausen. Das ist eine super Anlage. Die Leistungsfähigkeit, die Flexibilität, die Technik, die seit jetzt 60 Jahren dort steht, sind faszinierend. Unsere Wasserkraftwerke in Dörverden oder das Werrawerk sind historische Schätze. Das Kraftwerk Dörverden ist seit 110Jahren in Betrieb, das Werrawerk seit genau 100 Jahren.

Leider können wir in Deutschland keine weiteren Wasserkraftwerke bauen. Die Topografie gibt das nicht her. 

Vielen Dank für das Gespräch. 

Das Interview führte Jutta Falkner.

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