Norwegen kündigt öffentliche Untersuchung zum Einsatz von Kernenergie an

Das Unternehmen Norsk Kjernekraft AS will kleine modulare Kernreaktoren nutzen, um den wachsenden Strombedarf im Norwegen zu decken. Ein erster Kernkraftwerk soll zwischen Aure in Møre og Romsdal und Heim in Trøndelag errichtet werden.©Illustration Norsk Kjernekraft

Oslo, 21. Mai 2024. Das Unternehmen Norsk Kjernekraft AS will in Norwegen Kernkraft etablieren. Nach dem vorläufigen Plan soll eine erste Anlage im Taftøy Industriepark zwischen den Gemeinden Aure in Møre og Romsdal und Heim in Trøndelag errichtet werden. Das Kraftwerk soll aus mehreren kleinen modularen Reaktoren (SMR) bestehen, die zusammen bei einer vollständigen Realisierung der Anlage jährlich rund 12,5 TWh produzieren. Im November vergangenen Jahres benachrichtigte das Unternehmen das Energieministerium über die Pläne, verbunden mit dem Vorschlag eines Programms zur Untersuchung des Einsatzes von Kernenergie. Ein Bescheid mit einem Vorschlag für ein Untersuchungsprogramm ist der erste Schritt in einem möglichen Genehmigungsverfahren und löst damit verwaltungsrechtliche Anforderungen an das Verfahren aus. Das Energieministerium hat jetzt eine Untersuchung des Einsatzes von Kernenergie in Norwegen angekündigt.

Mehrere Parlamentarier aus verschiedenen Fraktionen haben sich in den vergangenen Monaten im Energie- und Umweltausschuss des Stortings für eine solche Untersuchung ausgesprochen. Es habe ein starkes Engagement gegeben, die Wissensbasis über die Kernkraft zu vergrößern, sagte Norwegens Energieminister Terje Aasland gegenüber norwegischen Medien. „Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass wir eine öffentliche Untersuchung zur Kernenergie einleiten wollen. Wir wollen alle Aspekte der Kernenergie beleuchten“, so Aasland. Die Fertigstellung einer solchen Studie, in der die sicherheitspolitische und geopolitische Lage, das Abfallproblem und die Aussichten für die verschiedenen Technologien wie Kernspaltung und Fusion beleuchtet werden sollen, könne ein bis zwei Jahre dauern. Gleichzeitig legte die Regierung nun eine von Norsk Kjernekraft erarbeitete Machbarkeitsstudie zur Konsultation vor.

In einer am 21. Mai 2024 veröffentlichten Stellungnahme teilt das Energieministerium mit: „Zum jetzigen Zeitpunkt reichen die Fachkenntnisse und Wissensbasis zur Kernenergie nicht aus, um die Frage einer möglichen zukünftigen Rolle der Kernenergie im norwegischen Energiesystem angemessen behandeln zu können. Das Ministerium weist darauf hin, dass heute bekannt gegeben wurde, dass die Regierung die Einrichtung eines öffentlichen Untersuchungsausschusses beabsichtige, der eine umfassende Prüfung und Bewertung verschiedener Aspekte einer möglichen künftigen Einführung der Kernenergie in Norwegen durchführen soll. Bevor eine Entscheidung darüber getroffen werden kann, ob Kernenergie im norwegischen Energiesystem relevant sein kann, muss eine solide Wissensbasis vorhanden sein.“

Norsk Kjernekraft wurde am 15. Juli 2022 von der M Vest-Gruppe mit Hauptsitz in Bergen gegründet. Die größten Eigentümer sind Trond Mohn, CEO der Frank Mohn AS, und Lars Moldestad, Geschäftsführer der PetroMena ASA. Espen Nordhus, Inhaber der Securis Investment Partners, gehört ebenfalls zu den Investoren. Norsk Kjernekraft will gemeinsam mit der Industrie kleine modulare Reaktoren in Norwegen bauen, die „netzunabhängig“ zuverlässige Energie, zum Beispiel für Rechenzentren, liefern. Mit dem Nickelwerk Glencore Nikkelverk in Kristiansand hat Norsk Kjernek eine Absichtserklärung über die Lieferung großer Mengen emissionsfreier Energie unterzeichnet. Mit dem finnischen Kernkraftbetreiber TVO Nuclear Services Oy („TVONS“) hat das Unternehmen eine Zusammenarbeit vereinbart.

Norwegen hat eine lange Geschichte in der Technologie der Kernenergie. Ab 1951 installierte Norwegen als das sechste Land der Welt Kernreaktoren, die allerdings ausschließlich zu Forschungszwecken genutzt wurden. Drei Reaktoren wurden in Kjeller und ein Reaktor in Halden errichtet. JEEP II in Kjeller wurde im Frühjahr 2019 und der Halden-Reaktor im Sommer 2018 geschlossen, während die beiden anderen Reaktoren bereits in den 1960er Jahren vom Netz gingen. Atomkraft war nie Teil der norwegischen Stromversorgung. Derzeit laufen umfangreiche Arbeiten im Zusammenhang mit der Stilllegung der Anlagen und dem Umgang mit den radioaktiven Abfällen.

In Himdalen (Gemeinde Aurskog-Høland in Viken) gibt es eine nationale Deponie für schwach- und mittelradioaktive Abfälle. Bei den Abfällen in Himdalen handelt es sich um Betriebsabfälle aus den Nuklearanlagen des Forschungsinstituts IFE sowie um radioaktive Quellen aus der Industrie, dem Gesundheitswesen und den Streitkräften. Die Deponie wurde 1998 eröffnet. Statsbygg ist Eigentümer der Deponie, während IFE für den Betrieb verantwortlich ist.

Eine Umfrage von Ipsos zeigt, dass die Zustimmung zum Einsatz von Kernkraft in Norwegen stark gestiegen ist. Immer mehr Norweger sehen Kernenergie als eine bevorzugte Energiequelle. Die Unterstützung von Solar- und Windenergie ist stark zurückgegangen.

Nachhaltigen Energiequellen, die sich Norweger laut einer ISPOS-Umfrage 2011 und 2021 wünschten

Am 22. Mai unterzeichneten die National Nuclear Security Administration des Energieministeriums der Vereinigten Staaten von Amerika und das norwegische Außenministeriums eine Gemeinsame Erklärung zur Minimierung von hoch angereichertem Uran. Wie das Ministerium mitteilt, arbeiten die beiden Institutionen seit vielen Jahren zusammen und haben seit der Internationalen Konferenz für nukleare Sicherheit im Jahr 2020 bedeutende Fortschritte bei der Beseitigung der letzten verbleibenden Bestände von hochangereichertem Uran in Norwegen erzielt. Noch in diesem Jahr wollen die Behörden mit der ersten Phase der landesweiten Herabmischung der norwegischen Bestände zu niedrig angereichertem Uran beginnen. Dafür soll das Mobile Melt-Consolidate-System so bald wie möglich in einer Weise in Norwegen eingesetzt werden, die mit dem norwegischen Rechtsrahmen vereinbar ist, um Norwegen letztendlich die Aufnahme in die Liste der Staaten zu ermöglichen, die frei von hochangereichertem Uran sind.

NNSA und MFA bekräftigen ihre gemeinsamen Ziele, diese und andere Kooperationsaktivitäten voranzutreiben, die die nukleare Sicherheit und das nukleare Nichtverbreitungsregime stärken. 

In Norwegen betreibt das IFE seit mehreren Jahren Forschungen zu kleinen modularen Kernreaktoren. Im vergangenen Jahr wurde ein Kernforschungszentrum Nukleærsenteret gegründet, das Norwegens Fachwissen in der Kernphysik und Kernchemie erweitern soll.

Größtes und internationalstes Forschungsprojekt zur Kernenergie ist das Halden-Projekt. Es wurd 1958 mit dem Ziel ins Leben gerufen, Forschungsarbeiten zur Verbesserung der Sicherheit von Kernkraftwerken durchzuführen. Der Schwerpunkt lag viele Jahre auf der Brennstoff- und Materialforschung am Halden-Reaktor. Seit den 1970er Jahren hat sich zudem ein neuer Forschungsbereich herausgebildet, der sich mit der Sicherheit im Betrieb beschäftigt, wobei der Schwerpunkt auf der Interaktion zwischen Mensch, Technik und Organisation (HTO) liegt. Obwohl die Forschungsaktivitäten im Bereich der Brennstoff- und Materialforschung nach der Abschaltung des Halden-Reaktors im Jahr 2018 nun beendet sind, werden die Forschungsaktivitäten im Bereich des sicheren Betriebs fortgesetzt. Gegenwärtig sind zwölf Länder am HTO-Projekt beteiligt.

Finden Sie hier eine Studie „Von Worten zu Taten – eine erste Machbarkeitsstudie zu
Atomkraft in Norwegen“.

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