Jahresrede der Gouverneurin der norwegischen Zentralbank: Auch Geld basiert auf Vertrauen

Vertrauen war das Leitmotiv der Rede von Ida Wolden Bache, Gouverneurin der norwegischen Zentralbank Norges Bank, vor rund 300 Persönlichkeiten.©Norges Bank

Oslo, 15. Februar 2024. Norwegens Zentralbankchefin Ida Wolden Bache warnt vor zu frühen Zinssenkungen. In ihrer Jahresrede vor rund 300 Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die alle zwei Jahre in den Räumlichkeiten der norwegischen Zentralbank stattfindet, sagte Bache, dass sich der Preisanstieg wieder beschleunigen könne. Sie warb um Vertrauen, das Leitmotiv ihrer Rede, und lehnte eine Intervention zur Stärkung der norwegischen Krone ab. Mit Blick auf aktuelle Entwicklung des norwegischen Staatsfonds zeigte sie sich beunruhigt, dass der Fonds als politischer Akteur wahrgenommen wird.

Eine gut funktionierende Demokratie basiere auf Vertrauen – politischem Vertrauen und institutionellem Vertrauen. Geld basiere auch auf Vertrauen, sagte Wolden Bache. „Indem der Zentralbank die Aufgabe übertragen wird, für Währungsstabilität und ausreichende Autonomie zu sorgen, wird das Versprechen, den Wert des Geldes zu erhalten, glaubwürdiger. Aber diesem Versprechen müssen Taten folgen. In der heutigen Situation bedeutet das, die Inflation wieder auf den Zielwert zu bringen.“ Die externen Treiber der norwegischen Preise hätten nachgelassen. Das werde die Inflation künftig dämpfen. Gleichzeitig gebe es Faktoren, die dazu beitragen könnten, dass die Inflation in Norwegen trotz sinkender internationaler Inflation hoch bleibt. Das inländische Lohnwachstum habe zugenommen und erreichte im vergangenen Jahr den höchsten Stand seit 15 Jahren. 

Auch die Abwertung der Krone in den letzten eineinhalb Jahren habe dazu beigetragen, dass die Inflation in Norwegen hoch blieb. Als die Krone an Wert verlor, habe sich die Frage gestellt, ob die Bank mehr hätte tun sollen, um die Krone zu stabilisieren. Die Hemmschwelle für einen Eingriff in den Devisenmarkt zur Beeinflussung des Kronenkurses sei sehr hoch. Unter einem System variabler Wechselkurse müsse Norwegen akzeptieren, dass die Krone schwankt. „In gewissen Grenzen bietet ein schwankender Wechselkurs Spielraum, den wir zur Stabilisierung der wirtschaftlichen Entwicklung nutzen können. Ein schwankender Wechselkurs kann auch als Stoßdämpfer in einem Abschwung wirken und strukturelle Veränderungen unterstützen, wie beispielsweise nach dem Ölpreisverfall im Jahr 2014, als die Krone stark abwertete. Wenn die einzige Möglichkeit zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit darin bestanden hätte, über einen längeren Zeitraum hinweg niedrigere Lohn- und Preisinflation als bei unseren Handelspartnern zu verzeichnen, wie es ein festes Wechselkursziel erfordert hätte, hätten wir wahrscheinlich einen stärkeren Anstieg der Arbeitslosigkeit hinnehmen müssen.“ Das operative Ziel der Geldpolitik in Norwegen sei eine Inflation von nahezu zwei Prozent im Laufe der Zeit. Norges Bank konzentriere sich nicht nur auf die Inflation. Das Inflationsziel müsse flexibel sein, damit es auch zu einer hohen und stabilen Produktion und Beschäftigung beitragen kann.

Langfristig bestehe kein Konflikt zwischen niedriger Inflation und hoher Beschäftigung. Preisstabilität sei eine Voraussetzung für eine effizient funktionierende Wirtschaft. Auf lange Sicht könne Norwegen eine höhere Inflation nicht gegen eine höhere Beschäftigung eintauschen.

Kurzfristig könne es jedoch bei jeder Leitzinsentscheidung zu einem Konflikt zwischen diesen beiden Überlegungen kommen. Es müsse daher ein Kompromiss zwischen den Zielen einer niedrigen Inflation und einer hohen Beschäftigung gefunden werden. Norwegens Bank interpretiere den Auftrag so, dass sie der Beschäftigung auch in der aktuellen Situation, in der die Inflation deutlich über dem Zielwert liegt, erhebliches Gewicht beimessen müsse. Sollte diese sich so entwickeln, wie es jetzt erwartet wird, werde die Inflation auch dank des effektiven Zusammenspiels der Wirtschaftspolitik ohne einen starken Anstieg der Arbeitslosigkeit zum Ziel zurückkehren. 

Bezüglich des norwegischen Staatsfonds Government Pension Fund Global GPFG sieht Woden Bache die Zentralbank in einem Dilemmata. Der GPFG soll nicht als politischer Akteur wahrgenommen werden. Aber wenn die Zentralbank versuche, Einfluss auf Unternehmen zu nehmen, könne dies so aussehen. Eine Welt zunehmender Konflikte könnte die Grenze zwischen der wirtschaftlichen und der politischen Sphäre verwischen. Sie sehe bereits, dass in einigen Märkten verantwortungsvolle Investmentpraktiken politisiert werden.

Zum Abschluss ihrer Rede erklärte Wolden Bache: „Als Institution genießt die Norges Bank großes Vertrauen. Die Bank verwaltet riesige Vermögenswerte im Auftrag des norwegischen Volkes und verfügt über ein hohes Maß an Autonomie bei der Festlegung der Zinssätze.

Bei der Erfüllung der uns übertragenen Aufgaben treffen wir Urteile und Entscheidungen, die erhebliche Auswirkungen auf die Finanzen der Menschen haben können. Während die Zentralbanken in früheren Zeiten ihre Argumentation nicht klar darlegten, versuchen wir, so transparent wie möglich darüber zu informieren, wie wir unsere Mission erfüllen. Es ist wichtig, dass Sie – das Volk und die politischen Instanzen – uns einschätzen und bewerten können. Ebenso wichtig ist es, dass wir anderen zuhören und von ihnen lernen, auch wenn sie unsere Entscheidungen kritisch sehen.

Die Aufgaben der Norges Bank sind Teil eines größeren Ganzen. Ziel ist es, gemeinsam mit anderen Politikbereichen – der Finanzpolitik und der Lohnfindung – zu einem möglichst hohen Wohlfahrtsniveau unserer Bürger beizutragen.

Wir vertrauen darauf, dass die politischen Instanzen und die Sozialpartner ihre wirtschaftspolitischen Aufgaben verantwortungsvoll wahrnehmen. Im Gegenzug können Sie darauf vertrauen, dass wir unser Möglichstes tun, um die von Ihnen gesetzten Ziele zu erreichen.“

Lesen Sie hier die ganze Rede.

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