Konsens im norwegischen Parlament über schrittweise Zulassung des Tiefsee-Bergbaus

Forscher des norwegischen Institut für Meeresforschung HI verlangen mehr Kenntnisse über die Natur im Untersuchungsgebiet.©Illustration: Mareano / HI

Oslo, 5. Dezember 2023. Anfang des Jahres hatte die norwegische Regierung vorgeschlagen, Teile des norwegischen Festlandsockels für den kommerziellen Abbau von Meeresbodenmineralien zu öffnen. Nach mehrwöchigen Verhandlungen im Parlament haben sich die vier großen Parteien Labour Party (AP), Konservative Partei (Høyre), Zentrumspartei (Sp) und Fortschrittspartei (Frp) nun darauf geeinigt, eine Öffnung zu unterstützen, allerdings mit strengeren Auflagen, wie die Partei Høyre mitteilt. Als „absolut verrückt“ bezeichnet der norwegische Naturschutzbund die Freigabe riesiger Gebiete für den Bergbau. WWF World Wide Fund for Nature bezeichnet die Entscheidung als die größte Schande in der Geschichte des norwegischen Meeresmanagements in der Neuzeit und als Sargnagel für Norwegens Ruf als verantwortungsbewusste Meeresnation. Die Umweltstifung Bellona kündigte eine Zusammenarbeit mit der EU an, um das Vorhaben zu stoppen. Das Norwegische Institut für Meeresforschung HI hat bereits 2021 in einer Folgeabschätzung darauf hingewiesen, dass es ein großen Wissensdefizit über die Ökosysteme in den Meeresgebieten gibt, die die Regierung für die Mineraliengewinnung erschließen will. Dies gelte sowohl im Wasser als auch insbesondere in den tieferen Bodenbereichen.

Gemäß der Vereinbarung der vier Parteien muss das Parlament nach der kommerziellen Mineralexploration und der Sammlung von Umweltdaten den Arbeitsplan für die ersten Mineralbetriebe genehmigen. Dies würde dem anfänglichen Prozess für Entwicklungs- und Betriebspläne (PDOs) im Erdölsektor ähneln, heißt es in der Pressemitteilung. Darüber hinaus würden die Behörden vor der Genehmigung eines möglichen Abbaus eine aktualisierte Wissensbasis über die Umweltauswirkungen des Meeresbodenabbaus, einschließlich der Fischerei und der Meeresumwelt, zusammenstellen.

Ein schrittweiser Prozess, der Umweltschutz und Vorhersehbarkeit für die Beteiligten seien gewährleistet. Der diesbezügliche Sprecher der großen Oppositionspartei, Abgeordneter Bård Ludvig Thorheim, erklärte, dass es für die Konservativen wichtig gewesen sei, die Umweltanforderungen während des gesamten Prozesses zu verschärfen und einen soliden Rahmen sicherzustellen.

Wie Høyre weiter mitteilt, werde die Nachfrage nach Mineralien in den kommenden Jahrzehnten erheblich steigen, um den Bedarf der Energie- und Klimawende zu decken. Meeresbodenmineralien stellten eine spannende Chance für Norwegen dar. Der Bergbau am Meeresboden könnte auch eine wichtige Rolle dabei spielen, die Versorgung westlicher Nationen mit kritischen Mineralien zu verbessern.

Die Parteien einigten sich darauf, strengere Anforderungen an die Umwelt und Umweltuntersuchungen zu stellen. Auch soll ein „Stopp-Punkt“ eingeführt werden, an dem die ursprünglichen Explorationspläne zur Genehmigung durch Parlament zurückgeschickt werden. Die Gewinnung werde nur dann gestattet, wenn künftige Erkenntnisse zeigen, dass sie nachhaltig und verantwortungsvoll durchgeführt werden kann, und nachdem die Regierung eine aktualisierte Wissensbasis über die Tiefseeumwelt vorgelegt hat.

Alle Parteien, die hinter der neuen Vereinbarung stehen, sind der Ansicht, dass die Öffnung von Gebieten notwendig sei, damit kommerzielle Akteure zusätzlich zu den vom Staat durchgeführten Kartierungen zu einer umfassenderen Kartierung der Geologie und Umweltbedingungen in norwegischen Meeresgebieten beitragen können. Nur so könnten ausreichende Erkenntnisse gewonnen werden, um festzustellen, ob eine rentable und umweltverträgliche Gewinnung von Mineralien aus dem norwegischen Meeresboden möglich ist.

Die Entwicklung von Projekten im Bereich des Mineralienabbaus auf dem Meeresboden werde den Prozessen in der norwegischen Öl- und Gasindustrie sehr ähnlich sein. Unternehmen, die sich für den Abbau interessieren, erhalten nach Antragstellung exklusive Rechte zur Exploration und potenziellen Gewinnung in bestimmten Gebieten.

„Wir glauben, dass Norwegen mit dem Rahmen, den wir jetzt beschlossen haben, die Messlatte für Umweltstandards sehr hoch legt. Ich hoffe und bin fest davon überzeugt, dass dadurch auch international hohe Maßstäbe für diese Art von Aktivitäten gesetzt werden“, heißt es in der Presseerklärung.

„Es ist absolut verrückt, riesige Gebiete für den Bergbau freizugeben, wenn wir keine Ahnung von den Konsequenzen haben. Das sind sehr schlechte Nachrichten für das Leben in der Tiefsee und widersprechen professionellen Ratschlägen“, erklärt Truls Gulowsen, Vorsitzender des norwegischen Naturschutzverbundes.

Das Gebiet, das freigegeben werden soll, liege tief in der Mitte des Nordatlantiks zwischen Norwegen, Island, Grönland und Spitzbergen. Dies könnte der größte Natureingriff aller Zeiten in Norwegen sein, in unserer letzten echten Wildnis, einem Gebiet von der Größe von drei Vierteln der norwegischen Landfläche, schreibt der Naturbund. In den Gebieten bestehe Potenzial für Sulfide und Krusten, und es gebe hydrothermale Quellen, aus denen sie Mineralien gewinnen möchten, Mineralien, die unter anderem in der Elektronik verwendet werden können. „Das ist reiner Risikosport. Man weiß nicht, was der Meeresboden tatsächlich enthält, die Technologie existiert nicht und selbst die Rentabilität ist so ungewiss, dass selbst ‚Tiefsee-Akteure‘ wie Equinor desinteressiert sind“, sagt Gulowsen. Es handele sich um ganz besondere Ökosysteme, die noch wenig erforscht sind. Die Akteure wüssten nicht, welche Konsequenzen das Graben hier für das Leben weiter oben in den Nahrungsketten haben kann.

Das norwegische Institut für Meeresforschung hat bereits 2021 im Verlauf der Konsultationen zur Eröffnung der Gebiete für den Meeresbergbau einen Bericht über die Folgeabschätzung des Bergbaus auf dem Meeresboden veröffentlicht. Darin wird auf mangelndes Wissen sowohl über die Meeresökosysteme als auch über die Extraktionstechnologie und darüber, was im Extraktionsprozess freigesetzt wird, hingewiesen, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf fehlenden Modellen für die Partikelverteilung, den Arten der Partikelemissionen, den mikrobiologischen Bedingungen und dem gefährdeten Lebensräume liegt. „Wir wissen zu wenig über die Gebiete, die für den Bergbau in Betracht gezogen werden“, sagt Forscher Terje van der Meeren. Die Technologie zur Gewinnung von Meeresbodenmineralien werde höchstwahrscheinlich zu Partikelemissionen sowohl am Boden als auch in den freien Wassermassen führen. Dies könne zu einer ausgedehnten Ausbreitung führen, die Auswirkungen auf das biologische Leben in großen geografischen Gebieten jenseits der eigentlichen Gewinnung haben kann. HI empfiehlt, eine Folgenabschätzung im ökosystembasierten Management nach Grundsätzen zu verankern, die unter anderem in den Empfehlungen der Internationalen Meeresbodenbehörde ISA niedergelegt sind.

Der Argumentation des HI folgt auch der WWF World Wide Fonds für Natur. „Die Tiefsee ist der größte Kohlenstoffspeicher der Welt und unsere letzte unberührte Wildnis mit einer einzigartigen Tierwelt und wichtigen Lebensräumen, die es sonst nirgendwo auf der Erde gibt. Den Öffnungsprozess zu beschleunigen und eine potenziell disruptive Branche zuzulassen, ohne die großen Wissenslücken zu schließen, könnte katastrophale Folgen haben“, Peter Haugan. Ein kleiner Lichtblick bestehe darin, dass Umweltkenntnisse zusammengestellt werden müssen, bevor eine Extraktion stattfindet. 

Der Verband der Öl- und Gasindustrie begrüßt die Einigung. „Es ist sehr gut, dass nun eine breite Mehrheit den von der Regierung vorgeschlagenen Öffnungsprozess unterstützt. Er bietet Vorhersehbarkeit, die für Unternehmen wichtig ist, die in eine potenzielle neue Industrie auf dem norwegischen Festlandsockel investieren möchten“, sagt Håkon Knudsen Toven, Leiter der Abteilung Meeresbodenmineralien bei Offshore Norway. Wenn die Welt im Jahr 2050 den Netto-Nullpunkt erreichen soll, würden viel größere Mengen an Metallen und Mineralien benötigt, als die Welt heute verbraucht. Wenn wir wissen, dass China bereits über 50 Prozent des Marktes kontrolliert, sollte es ein erklärtes Ziel sein, diese Dominanz zu reduzieren, und es ist gut, dass das Storting politische Verantwortung übernimmt. Wir haben nicht genug Wissen über die Tiefsee. Deshalb sei diese Eröffnung so wichtig.“

Kartierungen gehen davon aus, dass sich auf unserem Meeresboden möglicherweise Mineralien wie Kupfer, Zink, Kobalt, Lithium, Silber und Gold im Wert von mehreren Milliarden Kronen befinden.

Finden Sie hier einen Überblick über Mineralien auf dem norwegischen Festlandsockel (Stand 2021).

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