Mehr Organspenden in Norwegen dank neuem Verfahren – Zahl der Spender in Deutschland gesunken

In der Klinik OUS Rikshospitalet in Oslo werden alle Organtransplantationen in Norwegen durchgeführt.©Stiftelsen Organdonasjon.

Oslo, 11. Januar 2023. Nach fast zwei Jahren Pandemie und sinkenden Spenderzahlen gab es in Norwegen im vergangenen Jahr einen Aufschwung bei den Organtransplantationen. Insgesamt wurden 365 Spender gemeldet. Das entspricht 19,91 Prozent Spender pro Million Einwohner. Von 109 Spendern waren die Organe zur Spende geeignet. 382 Patienten erhielten ein neues Organ. Nach Angaben des Universitätsklinikums Oslo wurden 418 Organe transplantiert. In Deutschland ist die Zahl der Organspender nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) im vergangenen Jahr um 6,9 Prozent zurückgegangen. Gerade 869 Menschen spendeten nach ihrem Tod ein oder mehrere Organe. Das entspricht 10,3 Spendern pro eine Million Einwohner (2021: 11,2). Auch die Summe der entnommenen Organe, die für eine Transplantation an die internationale Vermittlungsstelle Eurotransplant gemeldet werden konnten, sank auf 2.662 (Vorjahreszeitraum: 2.905). Damit ging die Zahl der postmortal entnommenen Organe um 8,4 Prozent im Vergleich zu 2021 zurück. 

Füllen Sie jetzt und hier Ihren Organspenderausweis aus. Denken Sie daran: Vielleicht brauchen Sie oder Ihre Angehörigen und Freunde auch einmal ein Spenderorgan.

In Norwegen gilt die Widerspruchslösung, das heißt, alle Einwohner gelten automatische als Spender, wenn sie sich nicht dagegen aussprechen. In Deutschland ist eine Organspende nur dann zulässig, wenn der Verstorbene zu Lebzeiten eingewilligt hat oder, falls keine derartige Zustimmung vorliegt, die gesetzlich bestimmten Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen entscheiden. Während die Spenderzahlen in Deutschland sinken, kann Norwegen steigende Spenderzahlen vermelden.

„Obwohl dies eine Verbesserung gegenüber dem letzten Jahr ist, können wir feststellen, dass noch mehr Menschen geholfen werden könnte, wenn die Pandemie nicht gewesen wäre. Wir sehen, dass 18 potenzielle verstorbene Spender, die viele Organe hätten geben können, aufgrund einer Covid-Infektion nicht realisiert wurden. Dass die Infektionszahlen jetzt wieder steigen, beunruhigt uns“, sagt Aleksander Sekowski, Informationsleiter der Stiftelsen Organdonasjon.

Ein Teil des Anstiegs der Spenderzahlen im Jahr 2022 ist auf  cDCD (kontrollierte Spende nach Kreislauftod) zurückzuführen , eine neue Methode, die eine Organspende nach Kreislauftod, also dauerhaftem Herz- und Atemstillstand, ermöglicht. cDCD ist in Fällen anwendbar, in denen der Patient eine so umfangreiche Hirnschädigung hat, dass eine weitere Behandlung sinnlos ist. Angehörige erhalten Informationen zum Ablauf des Spendevorgangs. Die Einwilligung zur Spende wird wie sonst bei der Organspende geklärt. Fünf Minuten nach dem dauerhaften Herz- und Atemstillstand wird der Patient von einem Arzt für tot erklärt. Die Organe können dann entnommen werden.

Insgesamt sechs Verstorbene spendeten mit der Methode jeweils mehrere Organe: zehn Nieren, fünf Lebern und drei Herzen. cDCD wurde inzwischen in 24 der 28 Spenderkrankenhäuser des Landes implementiert. Für die anderen vier steht die Zulassung unmittelbar bevor.

Bisher liegen gute Erfahrungen mit der Methode vor – sowohl vom beteiligten Gesundheitspersonal als auch von den Angehörigen, teilt die Stiftung Organtransplantation mit.

„Wir finden es sehr erfreulich, dass cDCD nach mehrjährigen Diskussionen, Untersuchungen und teils uneingeschränkter Kritik nun auf den Weg gebracht wird. Das seien Organe, die früher verschwendet wurden und jetzt Leben retten“, sagt Sekowski.

Auch für alle Patienten, die auf ein Organ warten, gibt es in Norwegen positive Nachrichten: Die Zahl der Wartenden auf den Listen ist etwas zurückgegangen. Am letzten Tag des Jahres standen 403 Patienten auf der Warteliste für ein neues Organ. Ende 2021 waren es 488. In Deutschland stehen etwa 8.500 Menschen auf der Warteliste für ein Spenderorgan.

„Die Wartelisten gehen etwas auf und ab, sind aber immer noch zu hoch. Wir müssen den Anteil der Bevölkerung erhöhen, der zur Organspende ja sagt, und nicht zuletzt alle, die positiv sind, dazu bringen, ihre Meinung zu teilen“, sagt Sekowski.

Im vergangenen Jahr gab es in norwegischen Krankenhäusern in 72 Prozent der Fälle, in denen eine Spende relevant war, eine Zusage. Gleichzeitig sagen 81 Prozent der Befragten in einer Umfrage vom vergangenen Herbst (Norstat, im Auftrag der Stiftung Organspende), dass sie der Organspende positiv gegenüberstehen.

„Diese Diskrepanz könnte darauf zurückzuführen sein, dass mehr als 30 Prozent der Befragten, die einer Spende positiv gegenüberstehen, nichts aktiv unternehmen, um ihre Position zur Organspende zu äußern. Dann ist es die Familie, die diese Entscheidung im Krankenhaus treffen muss, wenn die Tragödie passiert ist. Unser Appell lautet: Informieren Sie die Familie über Ihre Position und füllen Sie den Donorkort™ aus“, sagt Sekowski.

In Norwegen gilt die gesamte Bevölkerung als potenzieller Spender. Ist der Wille eines Verstorbenen bekannt, gilt dieser. Wenn der Verstorbene eingewilligt hat (beispielsweise mit einem Spenderausweis), können Angehörige eine Spende nicht ablehnen. Ist dies nicht der Fall, versucht das Gesundheitspersonal gemeinsam mit den Angehörigen herauszufinden, den Willen des Verstorbene herauszufinden. Wenn kein Grund zur Annahme besteht, dass die betreffende Person einer Spende negativ gegenüberstand, kann die Spende durchgeführt werden. 

Die nächsten Angehörigen werden immer in den Spendenprozess einbezogen – unabhängig vom System. Kein Arzt oder medizinisches Personal in Norwegen werde daran beteiligt sein, eine Spende gegen den Willen der Familie zu „erzwingen“, wenn der Wille des Verstorbenen unbekannt ist, heißt es auf der Website der Stiftung.

In Deutschland war im Jahr 2022 bei der Hälfte der möglichen Organspenden, die nicht realisiert werden konnten, eine fehlende Einwilligung hierfür der Grund. Gleichzeitig ist auffällig, dass diese Ablehnung der Organspende in weniger als einem Viertel der Fälle auf einem bekannten schriftlichen (7,3 Prozent) oder mündlichen (16,3 Prozent) Willen der Verstorbenen basierte. In 42 Prozent erfolgte die Ablehnung aufgrund des vermuteten Willens der Verstorbenen, 35 Prozent der Ablehnungen beruhten auf der Einschätzung der Angehörigen nach ihren eigenen Wertvorstellungen, da ihnen nicht bekannt war, was die oder der Verstorbene zum Thema Organspende gewünscht hätte. 

Finden Sie hier das norwegische Gesetz über die Spende und Transplantation von Organen, Zellen und Gewebe.

Finden Sie hier Zahlen und Fakten zur Organspende in Norwegen (in nrwegischer Sprache).

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