Außergewöhnlicher Preisanstieg für Lebensmittel – Norwegens Regierung sucht Erklärung

Der Preis für Käse ist im vergangenen Jahr in den Geschäfte sehr viel mehr gestiegen als auf Großhandelsebene. Die Regierung will nun wissen, wie das sein kann.©BPN

Oslo, 13. Januar 2022. Von 2021 auf 2022 wurde bei Lebensmitteln und alkoholfreien Getränken nach Angaben der Statistikbehörde SSB ein ungewöhnlich hoher und breiter Preisanstieg von 6,5 Prozent gemessen. Der Verbraucherpreisindex* für Lebensmittel und alkoholfreie Getränke legte um 11,5 Prozent zu. Um herauszufinden, ob tatsächlich die gestiegene Preise für Rohstoffe, Düngemittel, Transport und Energie Ursache des starken Preisanstieges sind oder ob die norwegischen Lebensmittel-Gruppen die Chance nutzten, um höhere Margen zu erzielen, trafen sich Industrieminister Jan Christian Vestre und Landwirtschafts- und Ernährungsministerin Sandra Borch am 12. Januar mit den wichtigsten Akteuren der Lebensmittelbranche: Coop, NorgesGruppen, Reitangruppen, Orkla, Nortura, NHO Mat og drikke und den Verband der Lebensmittellieferanten (DLF) zum Thema Preiserhöhungen bei Lebensmitteln. 

“Die Lebensmittelpreise sind im vergangenen Jahr stark gestiegen. Das beunruhigt uns. Es ist sehr wichtig, dass sich die Lebensmittelindustrie ihrer sozialen Verantwortung bewusst ist und dafür sorgt, dass die Preise für die Verbraucher nicht mehr als unbedingt erforderlich steigen”, sagt Industrieminister Jan Christian Vestre.

Die Regierung habe bereits mehrere Maßnahmen ergriffen, um den Druck auf die Lebensmittelpreise zu verringern. So decke sie einen Teil des Kostenanstiegs in der Landwirtschaft. “Wir erwarten, dass sich dies im Markt widerspiegelt und den Verbrauchern zugute kommt”, erklärte Landwirtschafts- und Ernährungsministerin Sandra Borch.

Um zu verstehen, was mit den Preisen auf dem Weg vom Produzenten zum Verbraucher passiert, will die Regierung die Wertschöpfungskette untersuchen und herausfinden, wo die höchsten Margen erzielt werden. In einer Pressemitteilung informieren die beiden Ministerin über drei neue Maßnahmen:

Margenstudie
Es gibt heute Beispiele, wo der Preisanstieg bei bestimmten Lebensmitteln für den Verbraucher höher ist als für den Hersteller oder Lieferanten. Die Studie untersucht, welche Margen die verschiedenen Teile der Wertschöpfungskette für Lebensmittel haben.

Untersuchung von Preissignalisierungen
Die norwegische Wettbewerbsbehörde wird von der Regierung beauftragt, die Folgen von Preissignalisierungen durch Lebensmittelunternehmen genauer zu untersuchen.

Untersuchung der Preisbildung im Lebensmittelhandel
Zweimal jährlich verhandeln die Lebensmittelakteure zum 1. Februar und zum 1. Juli Einkaufspreise, sogenannte „Preisfenster“. Die Untersuchung wird Erkenntnisse darüber liefern, wie sich die Art und Weise, wie die Akteure verhandeln, auf die Preisbildung auswirken kann, und mögliche Maßnahmen vorschlagen.

Petter Haas Brubakk, CEO der Unternehmerorganisation NHO Mat og Drikke, erklärte: „Wenn Lebensmittelproduzenten zeitweise einen Anstieg der Energiepreise um das Zehnfache erlebt haben, kann es niemanden überraschen, dass diese Kosten weiter hinten in der Wertschöpfungskette wieder auftauchen und schließlich beim Verbraucher landen.“ Die Regierung habe im Dialog mit der Wirtschaft zur Entwicklung der Energiekosten betont, dass Unternehmen in einem Markt auf eigene Kosten und eigenes Risiko agieren müssten und der Staat nicht direkt eingreifen könne, selbst wenn sich die Energiepreise vervielfachen. „Erhöhte Lebensmittelpreise sind somit auch eine Folge einer politischen Entscheidung. Die Regierung könne nicht erwarten, dass Unternehmen Verluste machen“, sagt Brubakk. Die Regierung solle sich davor hüten, andere für die Folgen der eigenen Regierungspolitik zu kritisieren. Die Regierung habe sich aktiv gegen eine umfassendere Stromförderung ausgesprochen. Dann dürfe sie sich nicht wundern, dass drastische Kostensteigerungen auch Auswirkungen auf den Markt haben. Sowohl norwegische Verbraucher als auch Unternehmen würden in dieser Situation etwas Besseres als ein „Schwarter-Peter-Spiel „erwarten.

NorgesGruppen, einer der größten Lebensmittelhändler Norwegens, erklärt den außergewöhnliche Preisanstieg bei Lebensmitteln in einer Pressemitteilung mit dem große Kostensteigerungen in der gesamten Lebensmittel-Wertschöpfungsketten, vor allem mit den großen Preiserhöhungen der Lieferanten und dem rekordverdächtig teuren Strom. “Unsere Botschaft an die Regierung ist, dass wir einen starken Anstieg der Kosten in allen Teilen der Wertschöpfungskette sehen. Sowohl die Lieferanten als auch die Shops erleben, dass die Kosten durch die Decke gehen. Dies führt zu steigenden Lebensmittelpreisen, aber wir profitieren immer noch weniger von dieser Situation. Ich denke, ich spreche für alle in der Lebensmittelbranche, wenn ich sage, dass wir die Situation, in der wir uns jetzt befinden, gern vermieden hätten. Wir verstehen, dass viele Menschen die Preiserhöhung als sehr anspruchsvoll empfinden”, erklärt CEO Runar Hollevik.

Der CEO nutzte das Treffen mit den beiden Ministern auch, um die Regierung zu drängen, insbesondere in drei Bereichen Unterstützung zu leisten: bei den Energiepreisen, den Landwirten und durch die Sicherung freier Handelsverhandlungen. Er riet der Regierung ausdrücklich von einer politischen Einmischung in die freien Verhandlungen zwischen den Lieferanten und den Ketten ab. Hintergrund dieser Anmerkung ist die Tatsache, dass in Norwegen zweimal jährlichen Verhandlungen zwischen den Lieferanten und den Lebensmittelketten stattfinden, bei denen die Lieferanten die Möglichkeit haben, ihre Preise zweimal im Jahr auf der Grundlage nachweisbarer Kosten an die Lebensmittelketten anzupassen. Dies geschieht jeweils zum 1. Februar und 1. Juli. In diesen beiden Monaten steigen die Lebensmittelpreise am meisten.

Der Verbraucherpreisindex (CPI-12-Monats-Index) des Forschungsinstitut NIBO legte für Lebensmittel und alkoholfreie Getränke im vergangenen Jahr um 11,5 Prozent zu. Er stieg für
– Fleisch um 13,5 Prozent, 
– für Fisch um 13,6 Prozent;
– für Milchprodukte um 10,6 Prozent;
– für Eier um 11,4 Prozent;
– für Obst und Gemüse um 10,2 Prozent und 
– für  Sonstiges (Backwaren, Getränke etc.) um 9,9 Prozent.

Der Großhandelspreisindex für Milchprodukte weist ach NIBO-Angaben für 2022 einen Anstieg von 6,9 Prozent auf. Den größten Anstieg gab es bei Butter mit 9,3 Prozent, während der Index für Milch/Joghurt/Sahne, Käse und andere Milchprodukte um 6,9 Prozent auf 6,7 Prozent zulegte Prozent und 5,9 Prozent. Der Großhandelspreisindex für Geflügel stieg 2022 um 16,2 Prozent. Der Großhandelspreisindex für Fleisch (Rind, Lamm und Schwein) stieg um 15,5 Prozent, wobei Rinder um 13,6 Prozent und Schweine um 16,8 Prozent zulegten, Lamm legte um 15,9 Prozent zu.

Insgesamt stieg der Erzeugerpreisindex für Fleisch um 14,9 Prozent, wobei der Index für Rind um 12,6 Prozent, für Lamm um 20,8 Prozent und für Schwein um 15,6 Prozent zulegte.

Finden Sie hier auf der Website der norwegischen Statistikbehörde weitere Informationen zum Preisanstieg in der norwegischen Wirtschaft.

*Als Basisjahr für den Lebensmittelpreisindizes gilt das Jahr 2015. Die präsentierten Verbraucherpreisindizes sind eine Kombination aus Indizes, die speziell von Statistics Norway bestellt werden, und Indizes, die Statistics Norway selbst veröffentlicht. Die Indizes auf dieser Seite werden monatlich aktualisiert.

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