CCS-Konferenz in Bremen: Die Industrie wird nicht warten

70 CCS-Projekte in Europa/ USA, Kanada und Dänemark an der Spitze/ In Deutschland fehlen rechtliche Rahmenbedingungen zur Abspaltung, zum Transport und zur Speicherung von Kohlendioxid

Zwei Tage berieten CCS-Fachleute in Bremen auf der Messe Carbon Capture Technology EXPO über aktuelle Entwicklungen.©BPN

Bremen, 19. Oktober 2022. Während in Deutschland die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Abspaltung, die Lagerung und den Export von Kohlendioxid noch immer nicht gegeben sind, entwickeln sich die Projekte rund um die CCS-Technologie weltweit rasant. Die Industrie macht Druck, denn sie will lieber in Carbon Capture Storage (CCS) investieren, als in naher Zukunft teure CO2-Zertifikate zu kaufen. Am 19. und 20. Oktober trafen sich CCS-Experten auf der Carbon Capture Technology EXPO in Bremen, um über den Stand der Einführung der Technologie, über rechtliche Grundlagen und Finanzierung von CCS zu beraten. Norwegische Unternehmen konnten – in Partnerschaft auch mit deutschen Playern – einen großen Beitrag zum Wissenstransfer leisten. 

An der Ausstellung Carbon Capture Technology Expo am 19. und 20. Oktober in Bremen beteiligte sich nahezu das gesamte norwegische CCS-Netzwerk und deren europäische Partner. Kristin Vogt, Bremer Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa, eröffnete die Messe gemeinsam mit Norwegens Botschafter Torgeir Larsen.©Norwegische Botschaft in Berlin

Wer auch immer auf dem Podium referierte oder diskutierte – die mehr als zweihundert Plätze des Konferenzraums der Messe Bremen waren zwei Tage lang immer voll besetzt. Hinter den Plätzen und in den Gängen drängten sich die Zuhörer. Die Konferenz zur Carbon Capture Technology, die parallel zur Ausstellung stattfand, stieß auf großes Interesse. Den Auftakt des Konferenzprogramms machte Jan Theulen, Director Alternativ Ressources, Global Environmental Sustainability der HeidelbergCement AG. Der Zementhersteller hat große Ambitionen bezüglich der Reduzierung der CO2-Emissionen und verfolgt CCS-Projekte in NRW, in Belgien, in Norwegen und in Bulgarien. Wichtig zur Umsetzung der Vorhaben sei die Etablierung einer entsprechenden Infrastruktur. In Westeuropa werde diese bereits entwickelt, erklärt Theulen. Ein großes Potenzial zur Lagerung von CO2 sieht er in Osteuropa. Das Beispiel Bulgarien zeige, wie schell  diese Technologie – von der Industrie getrieben – akzeptiert und eingesetzt werden kann. Allerdings sollte man auch verstärkt darüber nachdenken, Kohlendioxid nicht nur zu lagern, sondern aufbereitet in verschiedenen Produktionsprozessen wieder zu verwenden. Dieser Prozess sei zwar ein sehr viel kapitalintensiver als die Speicherung, aber auch viel effektiver. 

Momentan gebe es noch eine große Lücke zwischen den Kosten und den verfügbaren Finanzen für den Einsatz dieser Technologie. Allerdings würden die Preise für CO2 ab 2026 enorm steigen, so dass das Thema CCUS an Bedeutung gewinne.

Bruno Gerrits am Stand des Global CCS Institute©BPN

 Bruno Gerrits, Client Engagement Manager Europa des Global CCS Institute, gab einen Überblick über den aktuellen Stand der CCS-Projekte weltweit. Allein in diesem Jahr wurden vier neue Fazilitäten in Betrieb genommen: in Kanada, China, Island und den USA. Elf Projekte sind im Bau. Damit werden 75 Millionen Tonnen neuer Kapazitäten geschaffen. Deutschland (mit dem Transport-Hub in Wilhelmshaven), Finnland und Timur Leste sind erstmals dem CCS-Netzwerk beigetreten. Die USA, Kanada und Dänemark sind die Länder mit dem fortgeschrittensten Projekten. 

In Europa werden gegenwärtig 70 CCS-Projekte verfolgt, die sich  in verschiedenen Stadien befinden – mehr als doppelt so viele wie im vergangenen Jahr. Der EU Innovation Fund investiert in elf Projekte. Dänemark stellt für die nächsten zehn Jahre fünf Milliarden Euro für CCS-Vorhaben bereit. Im Vereinigten Königreich werden vier Projekte, die insgesamt ein Volumen von 20 bis 30 Millionen Tonnen CO2 jährlich abspalten und speichern sollen, bis 2030 mit einer Milliarde Pfund unterstützt. Die ersten vier Empfänger wurden Ende 2021 bekanntgegeben. In den USA wurde mit dem Inflation Reduction Act eine signifikante Erweiterung der staatlichen Unterstützung beschlossen. Aus verschiedenen Programmen sind mehr als zwölf Milliarden US-Dollar für die Unterstützung vorgesehen. Auch Japan und China gewähren Firmen, die die CCS-Technologie vorantreiben,  umfangreiche Unterstützung. Insgesamt haben mehr als 20 Länder weltweit CCS-Projekte in der Pipeline.

Obwohl die Aktivitäten im CCS-Bereich stark zunehmen – um die Klimaziele bis 2050 zu erreichen, müssten die Kapazitäten um das Hundertfache wachsen, erklärt Gerrits. 

Weit fortgeschrittene Projekte stellten Devin Shaw, Shell Caalysts & Technologies, und Julie Cranga, Technip Energies, vor. Ihre Unternehmen sind unter anderem an H2Teesside, dem weltweit größten Wasserstoffprojekt von BP, beteiligt. Es zielt darauf ab, ab 2027 1 GW CCUS-fähigen blauen Wasserstoff zu produzieren. Damit sollen bis zu zwei Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2) pro Jahr über die Northern Endurance, eine Partnerschaft zwischen BP, Eni, Equinor, National Grid, Shell and Total, eingefangen und gespeichert werden. Das entspricht der Erfassung der Emissionen aus der Heizung von einer Million britischer Haushalte.

Eivind Lie, Commercial Manager CCS, Low Carbon Solutions, Equinor, vor der Karte der geplanten Co2-Pipelines von Deutschland und den Niederlanden nach Norwegen.©BPN

Torbjørg Klara Fossum von Equinor erläuterte die Pläne ihres Unternehmens bezüglich CCS. Als Herausforderung für die Umsetzung der Vorhaben sieht sie die hohen Kosten. CCS-Projekte bedürfen öffentlicher Unterstützung. Wichtig sei auch die Standardisierung der Prozesse. Bisher werde jede Anlage individuell entwickelt. Die Industrie sei bereit zu investieren, erklärte Fossum. “Wir brauchen aber ein Commitment der Politik, um verlässlich planen zu können.”

Der Energiekonzern E.ON mit Sitz in Düsseldorf hat sich im Januar dieses Jahres an dem norwegischen Unternehmen Horisont Energi AS beteiligt. Die Unternehmen wollen bei der Entwicklung eines europäischen End-to-End-Dienstleistungsangebots zur CO2-Abscheidung, zum CO2-Transport und zur CO2-Speicherung sowie beim Aufbau von Produktions- und Wertschöpfungsketten für sauberen Wasserstoff und Ammoniak kooperieren. Entsprechend einer Kooperationsvereinbarung übernimmt E.ON die CO2-Abscheidung und -Verflüssigung, Horisont Energi den Transport und die Sequestrierung des Kohlendioxids. 

Peter Basche, Project and Business Development Carbon Solutions at E.ON Energy Projects, sieht den Transport von CO2 als eine große Herausforderung. Keiner wisse, wann und ob es Pipelines für Kohlendioxid geben werde, so Basche. Er erklärte “Wir werden nicht auf Pipelines warten!” Auch der Einsatz von Zügen und Trucks werde in Betracht gezogen. Es brauche Mut und Geld, um CCS-Projekte voranzubringen. Auf die Frage aus dem Publikum, ob die E.ON-Aktionäre den gleichen Humor bezüglich der Finanzierung besitzen wie Basche antwortete der CCS-Experte: Vor zwei Jahren habe sein Unternehmen noch nicht nach CCS geschaut. Mit der Kooperation mit Horizont habe der Vorstand dieses Geschäftsfeld akzeptiert. Es gebe durchaus Projekte, die sich rechnen. In anderen Bereichen werde man warten, aber keine Zeit verschwenden. 

Christian Hauglum, Vice President Hydrogen & EFuel von Aker Solutions, United Gingdom@bpn

Janno Rasten von Aker Solutions ging vor allem auf die Bedeutung von Hubs für die Entwicklung einer Wertschöpfungskette für CCS ein. Um die Herausforderung zu bewerkstelligen, seien größere Einheiten notwendig. “Ich glaube an Cluster”, sagte Rasten. Außerdem führten strenge Vorgaben zum Erfolg. Norwegen führte 1991 eine Steuer auf CO2-Emissionen ein. Das war der Start für die Entwicklung der Abspaltung und Speicherung von Kohlendioxid, zuerst in der Öl- und Gasindustrie. 

Andreas Möller, Commercial Manager Europa, Carbon Management & Hydrogen von Wintershall Dea, erinnerte daran, dass Deutschland der größte Emittent von Kohlendioxid in Europa ist, es aber keine Erlaubnis für die Lagerung von CO2 gebe und das Londoner Protokoll, das den Export erlaubt, in Deutschland noch immer nicht ratifiziert sei. Norwegen, Dänemark, Großbritannien, die Niederlande dagegen wollen Lager implementieren. Deutschland fehle die rechtliche Basis, um die CCS-Technologie entsprechend voranzutreiben. Spätestens 2027/2028 müssten Investitionsentscheidungen fallen, um bis 2050 einen positiven Effekt für das Klima zu erreichen. Wintershall Dea und HES Wilhelmshaven Tank Terminal haben Anfang Oktober eine Absichtserklärung zur gemeinsamen Entwicklung eines CO2-Hubs am HES-Tanklager in Wilhelmshaven unterzeichnet. Zu diesem Hub, genannt CO2nnectNow-Hub, soll Kohlendioxid geliefert werden, das in industriellen Prozessen in Deutschland abgeschieden wird. Von dort soll es dann per Schiff und später per Pipeline, die Wintershall Dea zusammen mit Equinor bauen will, zu geologischen Formationen in der norwegischen und dänischen Nordsee zur dauerhaften Lagerung transportiert werden. Ab 2028 sollen jährlich mehr als zehn Millionen Tonnen CO2 von Wilhelmshaven zu Offshore-Lagerstätten exportiert werden.

Möller hofft, dass sich die Sicht in Deutschland bezüglich CCS schon bald ändert. “Wenn die Regierung CCS für wichtig hält, dann kommt das auch”, sagte Möller. Er nannte als Road Map für eine erfolgreichen Weg zur Reduzierung der CO2-Emissionen mittels CCS:
– die Regierung entscheidet, dass CCS gebraucht wird;
– der Export von CO2 wird erlaubt;
– für Investitionen in CCS-Projekte werden konkrete Konditionen benannt.

Christina Martavaltzi, Lead Advisory Services, und Rune Teigland, Senior Technologist des Technology Center Mongstad.©BPN

Damit werde man die Emittenten überzeugen, dass CCS ein besserer Weg sei zur Reduzierung der Emissionen als der Kauf von Zertifikaten. 

Torsten Porwol, Managing Director  der CO2 Management AS, bemängelte, dass sich die Community in einer CCS-Blase bewege. Er empfahl, die EU mehr in die CCS-Projekte zu integrieren. Großbritannien habe einen Zehn-Punkte-Plan. Hier gebe es Klarheit für die Industrie, die entsprechend weit vorangeschritten ist. Daran sollten sich andere Länder orientieren. 
Jutta Falkner

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