Norwegische Eisenbahnreform: Teuer für den Staat – nutzlos für die Passagiere

Ein Schnellzug von Go Ahead unter dem Markennamen „Sørtoget“ unterwegs von Oslo nach Stavanger. Die extreme Divisionalisierung in Norwegen hat weder bei den Finanzen noch bei den Passagierzahlen zum Erfolg geführt.©Go Ahead

Oslo, 26. September 2022. Im Jahr 2016 wurde in Norwegen unter der Bezeichnung „Jernbanerevolusjon“ die in Europa weitreichendste Aufgliederung der Eisenbahn beschlossen. Dem Publikum wurde versprochen, die Reorganisation werde die Kosten der Eisenbahn senken und die Reisenden würden ein verbessertes Angebot erhalten. Tatsächlich führte diese Zerstückelung zu einem schwer durchschaubaren Geflecht von Zuständigkeiten und eine Personalvermehrung in der Administration.

Die bisherigen Norges Statsbaner (NSB) wurden in sechs Divisionen aufgeteilt:
– Die staatliche Eisenbahndirektion (Jernbanedirektoratet) hat die Gesamtverantwortung für den Zugverkehr und für die strategische Planung sowie die Entwicklung der Infrastruktur.
– Der staatliche Infrastrukturbetreiber Bane Nor hat die operative Verantwortung für die Verkehrsführung, den Betrieb, die Instandhaltung und den Ausbau der Bahnhöfe.
– Die staatliche Norske tog ist für das Leasing des staatlichen Rollmaterials an die Zugunternehmen verantwortlich, die im Auftrag des Staates fahren.
– Die staatliche Mantena wartet die Zuggarnituren im Einvernehmen mit den Eisenbahngesellschaften und vergibt Aufträge auch an weitere Werkstätten.
– Die staatliche Entur ist für den Verkauf von Zugtickets und digitale Dienste für alle öffentlichen Verkehrsmittel in ganz Norwegen verantwortlich.
– Vy, Flytoget, Go Ahead und SJ Nord sind für den Zugverkehr auf den Bahnstrecken verantwortlich.

Mehrere dieser Körperschaften haben weitere Zulieferbetriebe gegründet.

In den beiden letzten Jahre, in denen die NSB noch allein für den Personenzugverkehr verantwortlich zeichneten, 2017 und 2018, betrugen die durchschnittlichen Kosten pro Jahr für den Staat knapp 3,5 Milliarden NOK. Seit 2019 bis heute schießt der Staat für die Leistungen im Reisezugverkehr jährlich 4,25 Milliarden NOK zu. Tatsächlich ist also eine markante Kostenerhöhung zu verzeichnen. Diese wird sich fortsetzten, weil die erwartete Nachfragesteigerung ausbleibt. Der hauptsächliche Grund dafür sind die gestiegenen Ticketpreise. Und diese sind gestiegen, weil bei Ausschreibungen diejenigen Bahngesellschaften gewonnen, die die niedrigsten Offerten anboten.

Für viele Norweger ist die Eisenbahn zum Verkehrsmittel für Idealisten geworden, die bereit sind, mehr als für die günstigen Flugtickets der häufigen Flugverbindungen zu bezahlen. Das Versprechen, mehr Züge einzusetzen, hat bisher einzig SJ Nord eingelöst. Hinzu kommen fragwürdige neue Vorschriften. So ist es nicht erlaubt, dass Bahngesellschaften Fahrzeuge anderer Bahngesellschaften einsetzen dürfen, wenn eigene schadhafte Züge nicht genutzt werden können. Manche Verspätungen und Zugsausfälle wären sonst wie früher vermeidbar. 

Die neue Mitte-Links-Regierung hat versprochen, keine weiteren Ausschreibungen von Strecken vorzunehmen, nach den Wahlen dann aber teilweise einen Rückzieher gemacht. Im Raum Oslo soll eine Ausschreibung für Vy und Flytoget durchgeführt werden. Damit sollen zwei staatliche norwegische Eisenbahngesellschaften gegeneinander antreten. Ein effektiver Fahrzeug- und Personaleinsatz wird damit kaum möglich sein.

Jürg Streuli, Fachjournalist
juerg.streuli@swissonline.ch

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