Herbsttagung der AHK Norwegen: Zeitenwende auch in den deutsch-norwegischen Beziehungen

Begrüßung zum Herbsttreffen der AHK Norwegen im Heinemannspeicher der Gebr. Heinemann in Hamburg©Gebr. Heinemann

Hamburg, 23. September 2022. Etwa einhundert deutsche und norwegische Firmenvertreter trafen sich am 21. und 22. September in Hamburg zur Herbstversammlung der AHK Norwegen. Das Hamburger Unternehmen Gebr. Heinemann SE & Co KG stellte in diesem Jahr die Räumlichkeiten für die Tagung im  Heinemannspeicher, einem früheren Lagerhaus und heutigen Bürogebäude, zur Verfügung. 

Eines war schon kurz nach Beginn der Tagung klar: Die Zeit für Gespräche war viel zu knapp bemessen. Nach zwei Jahren Corona bedingter Pause und einer durch den russischen Angriff auf die Ukraine bedingte völlig veränderte wirtschaftliche und politische Weltlage war das Bedürfnis, sich über die aktuelle Situation auszutauschen, besonders groß. Die Möglichkeit, wieder physisch zusammen zu sein, werde auch den deutsch-norwegischen Wirtschaftsbeziehungen neuen Auftrieb verleihen, erklärte Michael Kern, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der AHK Norwegen zu Beginn der Herbsttagung. Kern berichtete über die Tagung Deutsch-Norwegischer Energiedialog, der einen Tag zuvor in Oslo stattgefunden hat, und hob mit Blick auf die Gastgeber Gebrüder Heinemann die Tradition der Familienunternehmen als Erfolgsfaktor für die deutsche Wirtschaft hervor. Zwei der Inhaber, Claus und Max Heinemann, stellten das 1879 gegründete Familienunternehmen vor. Mit dem Business im globalen Travel Retail Markt erwirtschaftete die Firma im vergangenen Jahr einen Umsatz von 2,1 Milliarden Euro. im Vor-Corona-Jahr 2019 waren es 4,6 Milliarden. Das Unternehmen hat 500 eigene Duty-Free-Shops und beliefert 140 Flughäfen in 90 Ländern. Kunden sind darüber hinaus unter anderem Kreuzfahrtschiffe, Airlines, Freihandelszonen und Botschaften. In Norwegen hat die Firma fünf Joint Ventures mit dem Flughafenbetreiber Avinor, die 800 Mitarbeiter beschäftigen.

V.l.: Detlef Palm (Honorarkonsul), Dr. Detlef Wächter, deutsche Botschaft Oslo, Max Heinemann, Gebr. Heinemann, Ulrike Haugen, Präsidentin der AHK Norwegen, Claus Heinemann, Gebr. Heinemann, Jon Hansen. Gesandter, norwegische Botschaft, und Michael Kern, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der AHK Norwegen.©Gebr. Heinemann

Stefan Matz, Bereichsleiter der Hamburg Invest Wirtschaftsförderungsgesellschaft mbH, HIW, präsentierte Hamburg als Wirtschaftsstandort, insbesondere für norwegische Unternehmen. Gegenwärtig sind etwa 60 norwegische Firmen mit Tochtergesellschaften oder Repräsentanzen in Hamburg tätig. Etwa 700 Hamburger Unternehmen unterhalten Geschäftsbeziehungen zu norwegischen Firmen. Zu den aktivsten deutsch-norwegischen  Institutionen gehören nach Angaben von Matz der Peer Gynt Club und die norwegische Seemannskirche

Der erste Workshop der Herbsttagung wurde in Form eines Matchmaking im World Café Style absolviert. Ramona Schulze, stellvertretende Abteilungsleiterin Fiskal & Personal der Deutsch-Norwegischen Handelskammer Services AS, beantwortete Fragen der Teilnehmer zu den rechtlichen Rahmenbedingungen für deutsche Unternehmen in Norwegen. Hier ging es bereits sehr ins Detail, da die Firmenvertreter aus Deutschland bereits über langjährige Erfahrungen im Geschäft mit Norwegen verfügten.

Viel Spaß hatten die Teilnehmer am Workshop Interkulturelles Management mit Uta Schulz (Mitte).©BPN

Immer wieder gern wird bei Wirtschaftsveranstaltungen mit Auslandsbezug über Interkulturelles Management diskutiert – so auch auf der AHK-Herbsttagung. Uta Schulz, Inhaberin der SveTys – Interkulturelles Management, hatte Cartoons zu typisch deutschen oder typisch norwegischen Verhaltensweisen vorbereitet, die die Betrachter interpretieren sollten. So kam die Runde schnell ins Gespräch – letztlich konnte jeder seinen Beitrag zu den Besonderheiten der jeweils anderen Nationalität leisten. 

Ole Christiansen Projektleiter, Hamburg Invest Wirtschaftsförderungsgesellschaft mbH, HIW, stand für Fragen bezüglich der Geschäftsmöglichkeiten für norwegische Unternehmen in Hamburg zur Verfügung,  May Sandra Isaksen, Vice President, DNB Bank ASA, Filiale Deutschland, erläuterte die aktuelle Situation beim Treasury Management in Europa. 

Ulrike Haugen im Gespräch mit Jon Hansen und Detlef Wächter©BPN

Zur Abendveranstaltung moderierte Ulrike Haugen, Präsidentin der AHK Norwegen, ein Gespräch mit Jon Hansen, Gesandter der Norwegischen Botschaft in Berlin, und Dr. Detlef Wächter, deutscher Botschaft in Oslo, zu den aktuellen Beziehungen zwischen beiden Ländern. Jon Hansen beschrieb die aktuelle Situation mit den Worten: “Früher wurde langfristig geplant. Jetzt passiert alles auf einmal, und das noch ganz schnell”.  Die deutsch-norwegischen Beziehungen seien noch nie so eng gewesen wie jetzt. Dabei stehe die Energiepolitik im Mittelpunkt. Die Botschaft arbeite in diesem Bereich vor allem mit den großen Unternehmen zusammen, deren Tätigkeit Einfluss auf die politische Situation habe. Diese Unternehmen würden sehr intensiv über die Zukunft nachdenken. Zahlreiche Szenarien zur weiteren Entwicklung der Energiewirtschaft lägen auf dem Tisch, sowohl bei deutschen als auch bei norwegischen Unternehmen.

Botschafter Detlef Wächter geht davon aus, dass vor allem zwei Fragen künftig die Beziehungen zwischen Deutschland und Norwegen prägen werden: Wie kommen wir aus der aktuellen Gaskrise heraus und wie erreichen wir die Klimaziele? “Wir werden eine neue Partnerschaft mit Norwegen haben, in der die Sicherheitspolitik, Erneuerbare Energien, Wasserstoff und CCS im Mittelpunkt stehen”, sagte der Botschafter. Ausführlich ging er auf die veränderte sicherheitspolitische Lage ein. Mit dem Beitritt Schwedens und Finnland zu NATO hätte das Verteidigungsbündnis eine 1.400 Kilometer lange zusätzliche Grenze mit Russland. Norwegen bekomme damit ein Hinterland. Das verändere die strategische Position Norwegens. Norwegen werde seine maritime Position ausbauen und wie Deutschland auch stärker in die Streitkräfte investieren, was sich auf die Beziehungen zu Deutschland auswirken werde. Die Kooperation im Rüstungsbereich werde nach dem U-Boot-Deal weiter ausgebaut. Angebote deutscher Unternehmen für Panzerwaffen und Übersee-Boote lägen auf dem Tisch. Es werde mehr gemeinsame militärische Übungen geben. Im Norden Europas gebe es ebenso eine Zeitenwende wie in Deutschland.  Der Botschafter betonte, dass kaum ein Land so enge transatlantische Beziehungen habe wie Norwegen. Für die Zukunft sieht Wächter daher eine noch engere Zusammenarbeit zwischen Washington, Brüssel, Oslo und Berlin. 

Am zweiten Tag der Herbsttagung bot die AHK Norwegen Workshops zu folgenden Themen:
– Ansätze zur Steigerung der Nachhaltigkeit im Einzelhandel/ Tax Free;
– Enerigeunabhängigkeit für produzierende Unternehmen;
– Dekarbonisierung: Impulse von Unternehmen;
– Deutsch-norwegische Kooperation in der maritimen Industrie;
– Offshore Wind / Deutsch-norwegische Energiezusammenarbeit.

Im Workshop Dekarbonisierung erläuterte die Vertreterin des norwegischen Aluminiumkonzerns Hydro ASA den Weg des Unternehmens hin zu Emissionsfreiheit im Jahr 2050. Das Problem gegenwärtig: 40 Prozent der Produktionskosten entfallen auf Elektrizität. Außerdem ist die Aluminiumproduktion zu 50 Prozent von Importen abhängig. Über 90 Prozent davon kommen aus China. Mit dem Einsatz neuer Technologien, der Abscheidung und Speicherung von CO2 sowie mit Recycling soll es gelingen, den CO2-Fußabdruck zu verringern. 

Diskutiert wurde die Frage, wie politische Vorgaben dazu führen können, Unternehmen zu mehr Energieeffizienz und zum Einsatz erneuerbarer Energien zu drängen. Solange Vorgaben des Staates bei der öffentlichen Beschaffung nur in einem Land gültig sind, werde die Wettbewerbssituation verzerrt. In Norwegen beispielsweise darf die öffentliche Hand nur noch emissionsfreie Fähren neu beschaffen. Bereits 70 solcher Fähren sind im Einsatz. Auch Ausschreibungen in der Windindustrie sollten darauf abzielen, dass der Einsatz von grünem Stahl, der heute noch teuer ist, nicht aus Kostengründen unterbleiben kann. 

Die Unternehmensvertreter waren sich einig, dass europaweite Regeln eingeführt werden müssten. Banken könnten zur Erreichung von Klimazielen beitragen, indem beispielsweise Unternehmen mit einem überzeugenden Klimaplan bessere Kreditbedingungen erhalten. Wichtiges Kriterium für die Kreditvergabe sei auch das Receycling. Schiffe dürften nach ihrer Ausmusterung nicht auf einem Schiffsfriedhof in Bangladesh landen.  

Im Workshop Deutsch-norwegische Kooperation in der maritimen Industrie verständigten sich die Teilnehmer darüber, wie kleine Zulieferer für die Schiffsindustrie, besser miteinander vernetzt werden können. In dieser Branche seien vor allen sehr spezialisierte Unternehmen aktiv, die weniger als zehn Mitarbeiter haben. Norwegen sei diesbezüglich ein closed shop. Norwegische Firmen würden ihre Technologie gut schützen. Man sollte sich aber gegenseitig vorwärts treiben. Gebraucht werde ein europäisches Supercluster für Unternehmen, die Ausrüstungen für die Schiffsindustrie zuliefern. 

Auf dem Simulator im Fraunhofer-Center für Maritime Logistik und Dienstleistungen CML hatten die Teilnehmer Gelegenheit, ihre Fähigkeiten als Schiffskapitän zu testen.©BPN

Im Anschluss an die Diskussionen hatten die Teilnehmer Gelegenheit, in den Labors im Fraunhofer-Center für Maritime Logistik und Dienstleistungen CML in Hamburg aktuelle Entwicklungen im Bereich autonome Schifffahrt, Hafentechnologie, Simulationen, See-Transport und nautische Lösungen kennenzulernen.

Ein Teil der Teilnehmer gönnte sich am Abend ein Konzert in der Elbphilharmonie mit Mahlers Liedern aus “Des Knaben Wunderhorn” und Schostakowitsch’s Sinfonie Nr. 5. Ein krönender Abschluss.

Jutta Falkner

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