Restaurant Under in Norwegen von der Natur zurückerobert

Das Restaurant Under in Südnorwegen entwickelt sich zu einem künstlichen Riff.©Timon Koch

Lindesnes, Juli 2022. Drei Jahre nach dem Bau des Unterwasser-Restaurants Under in Lindesnes in Südnorwegen hat die Unterwasserwelt den Betonklotz in ihr Leben integriert. Wie neue Unterwasseraufnahmen des deutschen Fotografen Timon Koch zeigen, die das Architekturbüro Snøhetta kürzlich veröffentlichte, ist die Betonhülle fast vollständig von Seetang umgeben und fungiert als künstliches Riff. „Wir sind begeistert zu sehen, wie die geplanten Integrationen zum Leben erweckt werden und wie die Natur das Gebäude vollständig erobert“, heißt es in einer Pressemitteilung von Snøhetta.

Under, Europas erstes Unterwasserrestaurant, wurde in enger Zusammenarbeit mit Meeresbiologen entwickelt. In den letzten Jahren konnten die Meeresbiologen das Unterwasserleben und das Verhalten der Fische aus nächster Nähe untersuchen, was zu einzigartigen Erkenntnissen und sogar zur Wiederentdeckung von Arten führte, die als veraltet galten. 

Under, was auf norwegisch sowohl “Unter” als auch “Wunder” heißt, liegt an der Südspitze des Landes im kleinen Ort Båly in der Region Lindenes. 2020, nur ein halbes Jahr nach der Eröffnung, hat das Restaurant seinen ersten Michelin-Stern erhalten – das höchste Gütesiegel der Gourmet-Köche. 

Wer über die Fähre Hirtshals-Kristiansand nach Norwegen einreist, sollte die Gelgenheit für einen Besuch nutzen. Von Oslo aus ist man mit dem Auto fünf bis sechs Stunden unterwegs. Doch auch diese Fahrt lohnt sich.  

©Timon Koch

Under wurde vom norwegischen Architekturbüro Snøhetta entworfen, einem der renommiertesten Architekturbüros der Welt. Zu den Vorzeigeprojekten der norwegischen Architekten zählen unter anderem die neue Bibliothek von Alexandria, die norwegische Oper in Oslo und der Pavillon des National September 11 Memorial and Museum in New York.

Under ist zur Hälfte ins Meer gebaut und reicht bis fünf Meter unter die Wasseroberfläche. Im Laufe der Zeit wird es sich vollständig in die Meeresumwelt integrieren. Das Gebäude wurde in eine Betonschale mit einer groben Oberfläche eingekapselt, an der sich Muscheln festsetzen können. So verwandelt sich der untergetauchte Monolith zu einem künstlichen Muschelriff. Das Gebäude wurde an Land gebaut und dann mit einem extra entwickelten Lastkahn an Ort und Stelle geschleppt und dort versenkt. Bei dieser Aktion kamen unter anderem die Erfahrungen der norwegischen Öl- und Gasindustrie zum Tragen. 

Schon das architektonische Konzept zeigt, dass Under mehr sein soll als eine coole Location für weltweit anreisende Gourmets. Der Bau wurde konzipiert, um eine nachhaltige Bewirtschaftung der Meeresressourcen zu fördern, sodass die Gäste nur ein Teil der Gleichung sind. 

Ein Team des Norwegischen Instituts für Bioökonomieforschung (NIBIO) nutzt Under als permanente Basis, um die Unterwasserwelt direkt vor dem Fenster des Restaurants zu untersuchen. Das gesamte Gebäude ist mit Sensoren und Überwachungstechnologie ausgestattet, um das Meeresleben in dieser Ecke Norwegens zu erforschen. Die Wissenschaftler interessieren sich unter anderem dafür, wie Fische in der Umgebung auf Audiosignale reagieren. Erste Entdeckungen können die Forscher bereits vorweisen: Das NIBIO-Team fand eine Quallenart, die in der Gegend noch nie zuvor beobachtet wurde.

Im Kontrast zur rauen Betonschale ist das Interieur des Restaurants mit warmer Eiche ausgestattet. Die Materialien wurden nicht nur wegen ihrer Ästhetik ausgewählt, sondern auch, weil sie ein gutes Raumklima schaffen. Die moderne Pumpentechnologie für die Heizung nutzt die stabile Temperatur am Meeresboden, um das Gebäude das ganze Jahr über zu heizen und zu kühlen.

Im Restaurant bietet ein elf Meter breites Fenster einen Blick auf das Leben unter dem Meer. Zwar faszinieren hier keine farbenfrohen Korallen oder exotische Kreaturen – aber auch gewöhnliche Fische wie Pollack oder Hering einmal nicht nur an der Ladentheke zu betrachten, sondern in ihrer natürlichen Umgebung zu erleben, macht Freude.

Seit seiner Eröffnung im Jahr 2019 haben Tausende Norweger und Gäste aus aller Welt das Restaurant besucht. Preise von 250 Euro pro Menü und noch 160 Euro für die Weinbegleitung schrecken die Besucher nicht ab. Die Plätze sind über ein halbes Jahr im Voraus ausgebucht. Ob das einzigartige, halb im Meer versunkene Gebäude die Besucher lockt oder der Däne Nicolai Ellitsgaard, der als Chefkoch von Under den Michelin-Stern errungen hat, ist unklar. Die Michelin-Bewerter jedenfalls meinen, die hochwertige Küche mit kreativen, originellen Gerichte, die von norwegischen Klassikern inspiriert ist, sei  einen Zwischenstopp wert. 

Bei der Bewirtung der Gäste geht es aber nicht nur darum, die Geschmacksnerven von Genießern mit innovativen Gerichten zu wecken. Bei Under sollen die Besucher die Vielfalt der Nahrungsangebote aus dem Meer entdecken. Nicolai Ellitsgaards Küche ist auch ein Labor, in dem er ausprobiert, welche Rohstoffe, die auf Schiffen oft als Abfall über Bord geworfen werden, als Basis für Delikatessen genutzt werden können oder welche Algenarten sich für welche Speisen am besten eignen. 

So ist Under sehr viel mehr als nur ein Sterne-Restaurant. Es zeigt, wie Meeresforschung, Architektur und Gastronomie im Einklang funktionieren können und gutes Essen dabei nicht auf der Strecke bleibt.

Quelle: „Gourmet-Nation Norwegen. Von Königskrabben, Kochweltmeistern, Fiskepudding, Käfigen und Kuttern“, Verlag Falkner Business Publishing GmbH, Berlin.

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