German-Norwegian Hydrogen-Forum: From Norway with love

Diskussionsrunde zum German Norwegian Hydrogen Forum mit Norwegens Industrieminister Jan Christian Vestre (Mitte) in Hamburg.©Julien Prause

Hamburg, 13. Juni 2022. Fünf Linienverkehre verbinden den Hafen Hamburg direkt mit den norwegischen Häfen Ålesund, Austevoll, Bergen, Bodø und Brevik – fünf Containerschiffe und ein Mehrzweck-Schiff. Das ist das Heute. Mit dem  Heute hielt sich Jan Christian Vestre, Norwegens Minister für Handel und Industrie, der am 13. Juni die Hamburg Port Authority HPA besuchte, den Betreiber des Hamburger Hafens, nicht lange auf. Ihn interessierte das Morgen: Die Pläne des Hamburger Hafens bezüglich des Einsatzes von Wasserstoff. 

Und tatsächlich hat die HPA diesbezüglich Großes vor. Im Hafen soll ein Green Hydrogen Hub entstehen, eine vollständige Wasserstoff-Wertschöpfungskette. Elf Unternehmen haben auf dem Gelände des Hafens bereits acht konkrete Wasserstoff-Projekte in Angriff genommen. Vestre hört den Erklärungen von Ingo Fehrs, Leiter der Abteilung Nachhaltigkeit und Umweltangelegenheiten, interessiert zu. Als Fehrs darauf hinweist, dass 75 Prozent des Wasserstoffs, den Deutschland künftig zur Energieerzeugung braucht, importiert werden müssen, ruft der Minister gut gelaunt dazwischen: “From Norway with love!” Denn seine Mission auf dieser eintägigen Reise nach Hamburg bestand darin, den deutschen Markt für norwegische Wasserstoff-Lieferungen aufzuschließen. Zwar heißt es in einer gemeinsamen deutsch-norwegischen Erklärung, die während des Besuchs von Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck in Oslo im März dieses Jahres unterzeichnet wurde, dass sich Deutschland Norwegen als künftigen Partner für die Produktion und Lieferung von Wasserstoff wünscht. Aber zum einen denken die Norweger da eher an blauen, also aus Erdgas hergestellten Wasserstoff, die Deutschen eher an grünen Wasserstoff aus erneuerbaren Energien. Und zum anderen lassen konkrete Vereinbarungen zwischen deutschen und norwegischen Unternehmen noch auf sich warten. Mit Firmen in Australien und Angola haben deutsche Importeure bereits Lieferungen von grünem Wasserstoff beziehungsweise grünem Ammoniak vereinbart.

Grün oder Blau, das ist hier die Frage

So fragt Vestre auch konkret danach, wie der Hafen grün und blau bewertet. Ingo Fehrs machte eine klare Aussage: Für ihn gilt die Emissionsschwelle, die Brüssel für nachhaltiges Wirtschaften in ihrer Taxonomie festlegt. 

“Und wie schaut es mit dem Transport von Wasserstoff aus? Was präferiert der Hafen – Pipeline oder Schiffe?”

“Als Hafenbetreiber bevorzugen wir natürlich Schiffe”, sagt Fehrs. “Aber wenn das Volumen stimmt, dann auch gern eine Pipeline.“

Auch der Hafen Hamburg arbeitet am Aufbau einer Wasserstoff-Wertschöpfungskette.©BPN

Für den Hafenbetreiber gibt es in Sachen Klimaschutz zwei Prioritäten: die Umstellung der Mobilität und damit zusammenhängend die Schaffung multimodaler Hydrogen-Tankstellen für Lokomotiven, Schiffe und Trucks sowie den Bau und die Entwicklung von mit Wasserstoff betriebener Schiffe. 

Seit 2018 ist die Flotte der Hafenbehörde Teil eines internationalen Forschungskonsortiums, das den Prototyp eines Schiffes entwickelt, das die Emissionen um 97 Prozent reduzieren kann. Grundlage des Antriebs soll die Umwandlung von Methanol in Hydrogen bilden, was nach Angaben auf der Website der HPA eine extrem komplexe Konstruktion erfordert. Es ist also noch ein weiter Weg, bis die Service-Schiffe im Hamburger Hafen emissionsfrei fahren. Norwegen ist hier schon einen großen Schritt weiter. Jan Christian Vestre konnte stolz berichten, dass noch in diesem Jahr die weltweit erste Wasserstoff-Fähre “Hydra” auf der Verbindung Hjelmeland-Nesvik in Rogaland in Betrieb gehen wird. Ab 2025 verkehren zwei Wasserstoff-Fähren zwischen Bodø und den Lofoten. Der weltweit erste, mit grünem Wasserstoff betriebene Massengutfrachter wird bereits im kommenden Jahr vom Stapel laufen und ab 2024 entlang der norwegischen Küste zwischen Ostnorwegen und Südwestnorwegen fahren. Von Ost nach West transportiert der Frachter Getreide für Felleskjøpet Agri, auf dem Rückweg hat er Schotter und Kies für HeidelbergCement geladen. Natürlich berichtete Vestre auch davon, dass in seinem Land bereits 80 Fähren mit Batteriebetrieb im Einsatz sind. 

Ab 2024 wird der weltweit erste Massengutfrachter verkehren, der mit Wasserstoff betrieben wird. Gebaut wurde er von Egil Ulvan Rederi, Betreiber sind HeidelbergCement und Felleskjøpet Agri.©Egil Ulvan Rederi

Zweifellos steht Norwegen bei der Verwendung von Wasserstoff in der maritimen Industrie an der Spitze. Trotzdem bleiben Fragen offen: Worin sollen die norwegischen Schiffseigner investieren? Womit werden die großen Schiffe künftig angetrieben? Welche Technologien setzen sich durch? Wie entwickeln sich die Preise für Wasserstoff? Woher soll all die erneuerbare Energie kommen, die für die Herstellung von Wasserstoff gebraucht wird? Wie entwickelt sich die Nachfrage nach Wasserstoff?

Auch Ingo Fehrs bewegen diese Fragen, Antworten darauf hat auch er nicht. “Ich sehe die Aufgabe darin, Wasserstoff in den verschiedenen Bereich unter realen Bedingungen zu testen”, erklärt Fehrs. 

Vestre und Fehrs verabschieden sich in dem Bewusstsein: Das Potenzial für eine Zusammenarbeit zwischen der Hamburg Port Authority und norwegischen Einrichtungen ist riesig. Ob sich daraus eine Zusammenarbeit ergibt, wird sich zeigen.  

Grüne Transformation als wichtiger Bereich der Kooperation

Beim ersten German-Norwegian Hydrogen-Forum im Konferenzzentrum des Hotels Westin in der Elbphilharmonie, veranstaltet von  Innovation Norway und der norwegischen Botschaft in Berlin, lobte der Industrieminister die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Norwegen im allgemeinen. Die aktuellen weltweiten Entwicklungen, von den ambitionierten Klimazielen bis zum Überfall Russlands auf die Ukraine, hätten den deutsch-norwegischen Beziehungen einen großen Auftrieb gegeben, sagte Vestre in seiner Begrüßungsrede. Alle Themen bezüglich der grünen Transformation seien wichtige Bereiche der Kooperation –von Offshore Wind über CCS, Batterieproduktion, Elektrifizierung der Industrieprozesse, von Green Shipping bis zu Hydrogen. Wasserstoff komme dabei eine Schlüsselrolle zu. Und auch hier betonte Vestre, dass Norwegen blauen Wasserstoff in großen Mengen liefern kann. 

Das Interesse an dem Thema Wasserstoff ist riesig. 300 Firmenvertreter aus Deutschland und Norwegen nahmen an dem Forum teil und hörten aufmerksam zu, was Kollegen oder Konkurrenten in Sachen Wasserstoff planen, wie weit sie mit ihren Vorhaben gekommen sind und welche Fragen sie umtreiben.

Norddeutschland mit erster Wasserstoff-Strategie in Deutschland

Michael Westhagemann, Wirtschaftssenator in Hamburg, stellte die Norddeutsche Wasserstoff-Strategie vor, die die norddeutschen Länder Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein bereits 2019 verabschiedet haben. Es geht ausschließlich um den Aufbau einer grünen Wasserstoff-Wirtschaft. Von blauem Wasserstoff, wie Norwegen ihn anbieten kann, ist in der Strategie nicht die Rede. Elektrolyseure mit einer Kapazität von 100 MW seien bereits in Betrieb, 700 bis 800 MW sollen in den nächsten Jahren dazugebaut werden. Jedes Projekt, das im Norden bisher in Angriff genommen wurde, erhält Fördergeld. 

Ein attraktives Angebot 

Grete Tveit, Senior Vice President Low Carbon Solutions des norwegischen Energiekonzerns Equinor ASA, bot den deutschen Unternehmen CO2-Speicherkapazitäten im Umfang von 130 Gigatonnen an. Damit könnte Deutschland sein Kohlendioxid über 150 Jahre unter dem Meeresboden des norwegischen Festlandsockels und in der Barentssee verschwinden lassen. Eine Pipeline, die blauen Wasserstoff nach Deutschland transportiert, könne schon 2028 in Betrieb gehen. Aber noch fehlten langfristige Verträge, fehlten die Kunden. Equinor ist an über 40 Projekten im Zusammenhang mit der CO2-Abscheidung und -Speicherung beteiligt. Beim größten Projekt, Northern Lights, entwickelt das Unternehmen gemeinsam mit Shell und Total die Infrastruktur für den Transport und die Speicherung von CO2 auf dem norwegischen Schelf. 

CO2-Empfangsterminal auf dem Gelände des Industriegebiets Naturgassparken in der Gemeinde Øygarden in Westnorwegen.©Northern Lights

In Deutschland ist Equinor unter anderem an der Initiative H2morrow beteiligt. Das Duisburger Stahlwerk der thyssenkrupp Steel Europe AG soll in einigen Jahren mit blauem Wasserstoff versorgt werden und seine Emissionen damit beträchtlich reduzieren. Allerdings sei mit dem Produktionsstart von klimaneutralem Stahl erst ab dem Jahr 2027 zu rechnen. Außerdem müssten für eine endgültige Investitionsentscheidung deutsche und EU-Behörden noch die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen, teilen die drei Unternehmen mit. Die Unsicherheiten sind groß, um die Zukunft planen zu können. Wie die CCS-Expertin erklärte, brauche man für alle Projekte eine Vorlaufzeit von fünf bis zehn Jahren und daher auch langfristige Verträge. Die Kunden sollten deshalb von staatlicher Seite unterstützt werden, um das Risiko zu minimieren, so ihr Vorschlag.

Eine Wasserstoff-Brücke von Australien nach Deutschland

Der Energiekonzern E.ON kann bereits auf langfristige Verträge verweisen. Gabriel Clemens, CEO von Green Gas E.ON, erläuterte, welche Rolle sowohl blauer als auch grüner Wasserstoff in den Plänen seines Unternehmens spielen.

Mit dem belgische Unternehmen Tree Energy Solutions (TES), das einen großen europäischen Energy Hub in Wilhelmshaven errichten will, hat E.ON im März dieses Jahres eine strategische Partnerschaft vereinbart, um eine vollständige H2-Wertschöpfungskette zu implementieren und in großem Umfang grünen Wasserstoff nach Deutschland zu importieren. Mit dem australischen Unternehmen  Fortescue Future Industries ging E.ON eine Partnerschaft ein, um nicht mehr und nicht weniger als Europas größter Lieferant und Vertreiber von grünem erneuerbarem Wasserstoff zu werden. Fortescue, das sich selbst ​​’australischer Entwicklungsriese für erneuerbare grüne Energie‘ nennt, will ab 2030 jährlich fünf Millionen Tonnen Wasserstoff produzieren und per Schiff nach Deutschland exportieren. E.ON will den Wasserstoff dann an seine 50 Millionen Kunden als Ersatz für Gas in Heizungs- und Industrieprozessen verteilen. Die beiden Unternehmen werden im Geiste des im Juni 2021 auf der G7 angekündigten australisch-deutschen Wasserstoffabkommens zusammenarbeiten, teilt Fortescue mit. “Zwei große internationale Unternehmen schließen sich zusammen, um eine „Wasserstoffbrücke“ von Australien nach Deutschland und in die Niederlande zu bauen, basierend auf gemeinsamen Werten und der gemeinsamen Fähigkeit, die Größenordnung eines solchen Projekts zu realisieren”, heißt es in einer Pressemitteilung. Allerdings hat Fortescue noch nicht mit der kommerziellen Produktion begonnen, und das Problem des tragfähigen Transports muss auch noch gelöst werden. Auch dem Leverkusener Chemiekonzern Covestro hat der australische Konzern  Fortescue Future Industries 100.000 Tonnen grüner Wasserstoffäquivalente pro Jahr zugesagt. Die Lieferungen sollen 2024 starten.

In Norwegen hat E.ON Anfang dieses Jahres eine 25-prozentige Beteiligung an dem norwegischen Start-up Horisont Energi AS erworben und gleichzeitig eine strategische Zusammenarbeit vereinbart, um europaweit Dienstleistung für die Abscheidung, den Transport und die Speicherung von Kohlendioxid (CCS) anzubieten sowie Wertschöpfungsketten und die Produktion von sauberem Wasserstoff und Ammoniak aufzubauen. Horisont Energi ist einer der wichtigsten Player in Norwegen im Bereich CO2-Transport- und -Speicherlösungen. CEO und Gründer Bjørgulf Haukelidsæter Eidesen stellte die Projekte des Unternehmens in Hamburg vor: ​​In Markoppneset in der Gemeinde Hammerfest baut das Unternehmen mit Partnern eine Großanlage zur Herstellung von Arctic Blue Hydrogen™. Blauer Wasserstoff kann direkt in Nordnorwegen ausgeliefert oder als blauer Ammoniak transportiert werden, sodass er lokal in blauen Wasserstoff umgewandelt werden kann.

In der Barentssee richtet das Unternehmen seinen ersten Kohlenstoffspeicher mit einer Kapazität von etwa über 100 Millionen Tonnen ein. 36 Millionen Tonnen seien bereits reserviert. Die Lagerstätte, genannt Polaris, befindet sich in mehreren hundert Metern Tiefe, versunken im tiefblauen Polarmeer. Partner ist der Energiekonzern Equinor.

Odd-Arne Lorentsen, CTO des norwegischen Unternehmens Gen2 Energy, hat keine geringeren Ambitionen, als in Deutschland eine grüne Wasserstoffkette aufzubauen, indem der Wasserstoff in Container verpackt per Schiff nach Rotterdam und dann per Zug oder Truck zum Kunden nach Deutschland transportiert werden soll. In der Region Mosjøen will das Unternehmen zwei Produktionsanlagen für die großtechnische Produktion und Terminals für den Versand von grünem Wasserstoff bauen. 

Grüner Stahl für grüne Autos

Die Salzgitter AG will ihre Stahlproduktion dekarbonisieren, indem Stahl künftig mit grünem Wasserstoff und erneuerbaren Energien anstatt mittels Hochöfen auf Kohlenstoffbasis hergestellt wird. Dafür werden in Salzgitter Wasserstoffelektrolyseure, Direktreduktionsanlagen und Elektroöfen errichtet. Schrittweise will der Stahlproduzent den CO2-Ausstoß so um mehr als 95 Prozent senken. 2033 soll der Umbau abgeschlossen sein, erklärt Martin Zappe, Programmdirektor SALCOS® (Salzgitter Low CO2 Steelmaking). Der Wasserstoff soll selbst hergestellt werden, später können die Mengen von außerhalb kommen. Auf die Klimaziele Deutschlands hätte dieses Projekt eine große Wirkung, so Zappe. Immerhin verursache der Stahlriese vier Prozent der deutschen CO2-Emissionen. Zappe ist überzeugt, dass sich mit der Automobilindustrie genügend Abnehmer für den grünen Stahl finden werden. Ein erster Vertrag mit Volkswagen zur Abnahme von grünem Stahl ab 2025 ist bereits unterzeichnet.                                                                                                                                                               

Der staatliche norwegische Energiekonzern Statkraft, der in Norwegen alle Wasserkraftwerke betreibt und damit Europas größter Erzeuger erneuerbarer Energie ist, will in einem Konsortium bestehend aus den in Ost- und Nordfriesland ansässigen Unternehmen GP JOULE, Terravent Investments und Brons Group im Energiepark Emden 100 Prozent grünem Wasserstoff herstellen und damit den Nahverkehrs- und Transportsektor auf grüne Beine stellen. 

Der norwegische Düngemittelkonzern Yara International will den Produktionsprozess in seiner Düngemittelfabrik in Porsgrunn vollständig elektrifizieren und hat dafür bereits mit dem Bau einer Ammoniakfabrik begonnen. Mit dem Einsatz von Ammoniak will Yara jährlich 800.000 Tonnen an CO2-Emissionen einsparen. Das Tochterunternehmen Yara Growth Ventures ist eines von fünf großen internationalen Schwergewichten, das kürzlich 170 Millionen NOK in das norwegische Technologieunternehmen Hydrogen Mem-Tech investierte. Hydrogen Mem-Tech verfügt über eine Technologie, die in Norwegen entwickelt wurde und eine neue norwegische Industrie anzustoßen will, mit der die Verwendung von Wasserstoff und Ammoniak gesteigert werden kann.

Mit frischem Kapital unter anderem von den Düngemittelkonzern Yara kann das Trondheimer Unternehmen Hydrogen Mem-Tech in den kommenden Jahren ein deutliches Wachstum ermöglichen.©Yara international

Eine Pipeline direkt vom Windprojekt Sørlige Nordsjø nach Europa

Aker Offshore Wind AS ist ein norwegischer Offshore-Windentwickler, der auf den Bau von Anlagen in tiefen Gewässern und auf schwimmende Energiesysteme spezialisiert ist. Im Februar dieses Jahres hat das Unternehmen in Hamburg ein Büro eröffnet. Die neue Vertretung soll Offshore-Windprojekte identifizieren und entwickeln und sie mit anderen Unternehmen kombinieren, um den Übergang zu grüner Energie voranzutreiben. Gemeinsam mit Statkraft und BP hat Aker Offshore Wind ein Angebot zur Entwicklung von Offshore-Windenergie im norwegischen Lizenzgebiet Sørlige Nordsjø II (SN2) eingereicht. Außerdem strebt das Unternehmen eine Zusammenarbeit mit Aker BP an, um die Industrialisierung von Offshore-Windenergie voranzutreiben und dadurch eine Möglichkeit für eine groß angelegte Elektrifizierung des norwegischen Festlandsockels zu schaffen. Die beiden Projekte zielen darauf ab, eine Power-Hub-Infrastruktur und eine Energieinsel für den Stromexport nach Kontinentaleuropa zu realisieren. Wie Holger Matthiesen, SVP Europe, erklärte, sollte eine Wasserstoff-Pipeline direkt von Norwegens großem Windprojekt nach Europa gebaut werden. Schottland plane sogar schwimmende Elektrolyseure, um die Windenergie gleich an Ort und Stelle zu nutzen. 

Das Unternehmen ZEG Power AS und der strategische Partner Coast Center Based CCB arbeiten zusammen, um im CCB Energy Park, Kollsnes, erhebliche Kapazitäten für die Produktion von sauberem Wasserstoff aus Gas aufzubauen, die durch die ZEG-Technologie mit integrierter CO₂-Abscheidung ermöglicht werden. Die ersten industriellen Anlage zur Herstellung von Wasserstoff aus Erdgas mit integrierter CO2-Abscheidung ist als Pilotanlage im Energy Park bereits zu besichtigen.

Wasserstoff – die verpasste Chance der Energiewende?

Insgesamt 18 Unternehmensvertreter präsentierten in Hamburg ihre Vorhaben in Sachen Wasserstoff – grünem oder blauem. Schon dieser eine Tag hat gezeigt, wie viele Projekte bestehen, wie viele Wasserstoff-Wertschöpfungsketten aufgebaut werden sollen, die nicht nur um die Finanzierung konkurrieren, sondern auch um Zulieferer, Timing, Standorte, Emissionsintensität, Risikoakzeptanz, Reinheit und Kunden. So gut wie alle Vorhaben erhalten öffentliche Gelder. Ein Markt zum Einsatz von Wasserstoff hat sich noch nicht entwickelt. Trotzdem gehen alle davon aus, dass Wasserstoff eine wichtige Rolle bei der grünen Transformation spielen wird. 

Allerdings ist die derzeit produzierte Menge kohlenstoffarmen und erneuerbaren Wasserstoffs sehr gering. Eine Prognose, die die norwegische Zertifizierungsgesellschaft DNV einen Tag nach dem German-Norwegian Hydrogen Forum vorgelegte hat, geht davon aus, dass Wasserstoff bis 2050 nur fünf Prozent des weltweiten Energiebedarfs decken wird – 15 Prozent müssten es sein, um dem Null-Emissionspfad zu folgen. Fünf Prozent bedeuten weltweit mehr als 200 Millionen Tonnen Wasserstoff als Energieträger. Davon wird ein Fünftel Ammoniak, ein weiteres Fünftel E-Fuels wie E-Methanol und sauberer Flugbenzin, der Rest reiner Wasserstoff sein. In Europa macht der Wasserstoff bis 2050 wahrscheinlich elf Prozent des Energiemixes aus.

Der blaue Wasserstoff, den Norwegen gern in großen Mengen nach Europa verkaufen würde, dem einige Länder, unter ihnen Deutschland, aber skeptisch gegenüber stehen, spielt nach der Voraussage der DNV kurzfristig eine größere Rolle. Er wird 2030 etwa 30 Prozent der Gesamtproduktion ausmachen. Aber seine Wettbewerbsfähigkeit wird abnehmen, wenn die Kapazität erneuerbarer Energien zunimmt und die Preise sinken. Bis Mitte des Jahrhunderts wird grüner Wasserstoff mit einem Anteil von 72 Prozent die dominierende Produktionsform sein. Dafür wird ein Überschuss an erneuerbarer Energie benötigt, der eine Elektrolyseurleistung von 3.100 Gigawatt erfordert. Das ist mehr als das Doppelte der heute insgesamt installierten Erzeugungskapazität aus Sonne und Wind. 

©Hydrogen Forecast to 2050

Die weltweiten Ausgaben für die Produktion von Wasserstoff für Energiezwecke werden bis 2050 6,8 Billionen US-Dollar betragen, mit zusätzlichen 180 Milliarden US-Dollar für Wasserstoffpipelines und 530 Milliarden US-Dollar für den Bau und Betrieb von Ammoniak-Terminals. 

Nicht nur die harten Faktoren erschweren den Aufbau von Wasserstoff-Wertschöfpungsketten. Die meisten der auf der Konferenz vorgestellten Projekte sind keine tragfähigen Geschäftsmodelle, sondern hängen am Tropf von staatlichen oder EU-weiten Förderprogrammen. All die Fragen, die Norwegens Industrieminister Jan Christian Vestre den Deutschen stellte, die das Publikum an die Panelisten richtete, die die Referenten in den Raum warfen, die in den Kaffeepausen diskutiert wurden – sie müssen schleunigst beantwortet werden. Die Politik muss verbindliche Rahmenbedindungen schaffen, sonst droht Wasserstoff tatsächlich die große verpasste Chance der Energiewende zu werden, wie es die DNV auf ihrer Website des Hydrogen Forecast to 2050 formulierte. Norwegen hat großes Interesse an einer Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen im Bereich Wasserstoff. Deshalb haben norwegische Institutionen zu dieser Konferenz eingeladen – From Norway with love!

Jutta Falkner

Lesen Sie hier den Hydrogen Forecast to 2050.

Finden Sie  hier Informationen zur Unterzeichnung einer Kooperationsvereinbarung der fünf norddeutschen Bundesländer mit der Wirtschaftsförderagentur Innovation Norway.

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