Deutsch-norwegische Beziehungen im Fast-Track-Modus

Interview mit Petter Ølberg, Botschafter des Königreiches Norwegen in der Bundesrepublik Deutschland

Fast fünf Jahre lang war Petter Ølberg Norwegens Botschafter in Deutschland. Am 1. April dieses Jahres endete seine Mission. Künftig wird er die norwegische Vertretung der Welthandelsorganisation WTO in Genf übernehmen. BusinessPortal Norwegen sprach vor seinem Abschied über seine Zeit in Deutschland, über die Entwicklung der deutsch-norwegischen Beziehungen, die Corona-Pandemie und die Dynamik der vergangenen Wochen. 

Herr Botschafter, wir haben im September 2017 nach Ihrem Antritt in Berlin unser erstes Interview geführt. Damals haben Sie eine lange Liste von deutsch-norwegischen Projekten aufgezählt, die Sie als Botschafter begleiten und mit umsetzen wollten. Wie fällt fast fünf Jahre später die Bilanz aus?

Petter Ølberg: Von diesen fünf Jahren hatten wir am Anfang zwei normale Jahre, in denen wir normal arbeiten konnten, mit Vollgas. Wir haben die norwegische Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse, deren Gastland Norwegen 2019 war, mit vorbereitet und zahlreiche Wirtschaftsveranstaltungen mit organisiert. Dann kam die Corona-Pandemie, und alles wurde heruntergefahren. Das hat diese Zeit natürlich geprägt. Es gab keine Besuche mehr, keine Events – alles wurde auf digitale Plattformen verlegt. 

In Anbetracht dieser besonderen Bedingungen hat sich in den vergangenen Wochen, seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine, mehr getan als in den vergangenen fünf Jahren zuvor. Die Notwendigkeit, dass sich Europa und Deutschland im Bereich Energie von Russland unabhängig machen müssen, hat die Mentalität in Europa wahnsinnig verändert, auch die der Deutschen. Entscheidungen werden schnell getroffen, speziell im Energie- und Verteidigungsbereich. Ich nenne nur ein Beispiel: Das Thema ‘norwegische Zulieferungen von Flüssiggas LNG nach Deutschland’ lag lange auf Eis. Und normalerweise braucht es auch viel Zeit – Jahre –, um ein solches Vorhaben umzusetzen. Jetzt gibt es ein Fast-Track-Verfahren, und Norwegen soll so schnell wie möglich nicht nur LNG liefern, sondern auch die Schiffe dafür bereitstellen. Auch wünscht Deutschland eine eigene Pipeline zwischen Norwegen und Deutschland für Wasserstoff. Dieses Tempo hat man von Deutschland nicht erwartet. Nach dem Besuch von Minister Robert Habeck im März in Oslo ergeben sich neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Norwegen und Deutschland, besonders im Energiebereich, aber nicht nur.

Aber die deutschen Regierung will vor allem in grünen Wasserstoff investieren, Norwegen dagegen präferiert momentan die Lieferung von blauem Wasserstoff, also Gas, von dem das CO2 abgeschieden wurde. Hat sich die Einstellung Deutschlands gegenüber blauem Wasserstoff verändert?

Petter Ølberg: Das Interesse der deutschen Regierung liegt weiterhin auf grünem Wasserstoff, aber man erkennt jetzt an, dass der Einsatz von blauem Wasserstoff eine Übergangslösung bietet.

Ab wann kann Norwegen blauen Wasserstoff liefern?

Petter Ølberg: Ursprünglich wollte der norwegische Energiekonzern Equinor Erdgas nach Deutschland liefern, hier das CO2 abspalten, es zurück nach Norwegen bringen und dort unter dem Meeresgrund speichern. Dieser Plan hat nicht funktioniert. Die norwegischen Unternehmen, die an diesem Prozess beteiligt sind, müssen umdenken. 

Die Technologie des Abscheidens und der Speicherung von Kohlendioxid unter dem Meeresboden wird ab 2025 vollständig zum Einsatz kommen. Es geht aber nicht nur um die Technologie, sondern vor allem um das Volumen. Die Produktion von blauem Wasserstoff muss sich lohnen, beispielsweise wenn man eine Pipeline baut, durch die der Wasserstoff nach Deutschland transportiert werden soll. 

Die ersten Schiffe können relativ schnell Wasserstoff beziehungsweise Ammoniak nach Deutschland bringen und dann den Umfang immer weiter ausbauen.

Die Signale von Robert Habeck waren eindeutig: Deutschland möchte eine Pipeline und Wasserstofflieferungen in großem Umfang sofort. Das steht auch so in der gemeinsamen deutsch-norwegischen Erklärung. Eine solch klare Ansage aus Deutschland gab es bisher nicht. Es wird eine Feasibility-Studie erstellt, um das Volumen zu eruieren und den Bau einer Pipeline zu bewerten. 

Die aktuellen Geschehnisse, der Krieg in der Ukraine, treibt auf der einen Seite den Ausbau erneuerbarer Energien voran, gleichzeitig erfahren Öl und Gas eine Renaissance. Wie wirkt sich das in Norwegen aus? 

Petter Ølberg: Um dieses Thema gibt es heiße Debatten. Die Regierung hat vor, angesichts des hohen Energiebedarfs neue Ölfelder zu öffnen. Die grüne Opposition weist vor allem darauf hin, dass eine solche Erschließung Jahre dauern würde. Außerdem binde der Ausbau der Öl- und Gasindustrie Expertise. Das heißt, Fachleute, die sich mit Offshore-Wind beschäftigen könnten, würden weiter in der Öl- und Gasförderung eingesetzt. Nach Meinung der Grünen sollte Norwegen alles auf Offshore-Wind setzen, damit wir in fünf Jahren Strom aus Wind liefern können. 

Aber gerade die Windenergie und auch die hohen Strompreise haben in den vergangenen Monaten in Norwegen zu Demonstrationen geführt. Kippt die Stimmung ?

Petter Ølberg: Das Problem der hohen Strompreise trifft die Norweger besonders hart, denn wir heizen mit Strom. Deshalb bekommen die Haushalte auch Zuschüsse, um soziale Verwerfungen zu vermeiden. 

Bei den Windparks, die an Land gebaut werden, ist die Stimmung in der Tat gekippt. Das Problem besteht darin, dass die Anlagen in einigen Fällen viel größer gebaut wurden als genehmigt. 

Die Haltung der Bevölkerung gegenüber Offshore-Wind, also Windparks auf See, ist anders. Sie stören nicht. Aber Stromkabel ins Ausland sind ein heikles Thema, mit dem Populisten Stimmung machen. Wir haben eigentlich genug Strom und haben auch gute Möglichkeiten, die Erzeugung von erneuerbarer Energie auszubauen. Bei Wasserkraftwerken kann man ein bisschen was machen, aber das große Potenzial liegt bei Offshore-Wind.

Der norwegische Energiekonzern Equinor baut auf der ganzen Welt Offshore-Windanlagen, aber nicht in Norwegen. Hier geht Norwegen sehr langsam voran.

Petter Ølberg: Bei Equinor wächst der Anteil der Windkraft, aber zu langsam. Außerdem sind die Bedingungen in der Nordsee schwieriger als in der Ostsee. Aber die Hauptursache liegt natürlich darin, dass aktuell die hohen Preisen die Öl- und Gasförderung attraktiver machen als den Ausbau der Windenergie. 

Norwegen hat eine neue Exportstrategie. Bis 2030 sollen die Exporte aus der Festlandwirtschaft, also der Industrie außerhalb von Öl, Gas und dem Bau von Plattformen, um 50 Prozent wachsen. Was bedeutet das für die deutsch-norwegischen Wirtschaftsbeziehungen?

Petter Ølberg: Norwegen ist traditionell ein Produzent von Rohstoffen. Die meisten Firmen stellen keine Fertigprodukte her, sondern haben sich als Unterlieferanten etabliert, auch für deutsche Unternehmen, die global unterwegs sind. Wir liefern Teile und technische Lösungen, die deutsche Firmen in ihre Exportprodukte einbauen. Hinzu kommt, dass 85 Prozent aller Unternehmen in Norwegen weniger als 15 Angestellte haben. Diese kleinen, meist sehr spezialisierten Firmen können nur als Unterlieferanten bestehen. 

Aber jede Regierung fordert immer wieder auf’s Neue, mehr Fertigprodukte im Land herzustellen und auch zu exportieren. 

Petter Ølberg: Das ist richtig, aber das haben wir bis auf wenige Ausnahmen nie geschafft. 

Warum nicht?

Petter Ølberg: Norwegen ist mit Rohstoffen gesegnet: Öl, Gas und Fisch. Und wir haben damit in der Vergangenheit sehr gutes Geld verdient. Alle Kraft wurde in diese Industrien gesteckt. Es gab keinen Anreiz zum Wechsel. 

Aber jetzt stehen wir vor einer anderen Situation, da Öl und Gas schnell heruntergefahren werden. Das Knowhow aus dem Rohstoffsektor müssen wir jetzt für andere Bereiche nutzen, beispielsweise für den Offshore-Wind oder in der Aqua-Industrie. Das sind Hightech-Sektoren. Die Turbinen können andere Unternehmen sicher besser bauen als die Norweger. Aber beim Einsatz von Steuerungssystemen oder Technologie in großen Meerestiefen insgesamt können wir Lösungen bieten, die andere Nationen nicht haben. Das betrifft auch neue Antriebe für Fähren und Schiffe. In Norwegen sind inzwischen mehrere Schiffe elektrisch unterwegs. Von diesem Know-How kann auch die Binnenschifffahrt in Deutschland profitieren. 

Übrigens verdient Norwegen heute das meiste Geld nicht etwa mit Öl und Gas, sondern mit den Renditen aus den Anlagen des norwegischen Ölfonds Government Pension Fund Global. Aber auch hier müssen wir uns auf Veränderungen einstellen. Der Chef des Ölfonds warnt vor schweren Zeiten, die den Aktienmärkten bevorstehen. 

In Deutschland und auch in anderen Ländern gehört die Botschaft zum Team Norwegen. Worin besteht Ihre Aufgabe in dieser Institution? 

Petter Ølberg: Die Botschaft ist das Verbindungsglied zwischen Politik, Wirtschaft und Verwaltung. Die meisten Akteure von Team Norway haben ganz spezielle Aufgaben: Innovation Norway, Norwegian Energy Partners, der Norwegian Seafood Council. Wir sind eher ein Generalist und unterstützen die Aktivitäten der anderen Partner. Im vergangenen Jahr habe ich noch den IT-Verband IKT Norge dazugeholt. Damit haben wir jetzt auch die Kompetenz im Bereich Digitalisierung im Team, mit der wir verschiedene Maßnahme zusammenführen können. Digitalisierung spielt in der Zusammenarbeit mit Deutschland eine große Rolle. 

Können Sie ein Beispiel nennen?

Petter Ølberg: Norwegische Behörden sind im Bereich Digitalisierung sehr gut aufgestellt. Sehr viel mehr Dienstleistungen als in Deutschland werden digital angeboten. Die Verwaltungen in Deutschland interessieren sich stark für unsere Lösungen, und wir haben immer wieder deutsche Delegationen im Land, die wissen wollen, wie unsere öffentliche Verwaltung funktioniert. Oft ist das Ergebnis solcher Besuche aber nicht befriedigend. Man findet unsere Lösungen toll, sagt aber gleichzeitig: In Deutschland geht das nicht. 

Engen Kontakt gibt es zur hessischen Landesregierung. Insbesondere der hessische Rechnungshof ist auf gutem Weg, Lösungen im Bereich Digitalisierung aus Norwegen zu übernehmen. 

Was ist konkret aus den Projekten geworden, die bei Ihrem Antritt als Botschafter auf der deutsch-norwegischen Agenda standen: der U-Boot-Deal, das Stromkabel, der Windpark Arkona, Norwegen als Gastland auf der Buchmesse, Tiefseebergbau, Digitalisierung, Wasserstoff?

Petter Ølberg: Während meiner Zeit in Deutschland gab es für die Botschaft im wirtschaftlichen Bereich drei Prioritäten: Energie, maritime Industrie und Digitalisierung. Trotz Corona-Pandemie sind wir in allen drei Bereichen gut vorangekommen. Die U-Boote werden gebaut, das Stromkabel NordLink ist verlegt und liefert Strom, der Windpark Arkona liefert Strom, die Frankfurter Buchmesse hat der norwegischen Verlagswirtschaft gute Aufträge beschert, im Tiefseebergbau wird gemeinsam geforscht und  über Digitalisierung und Wasserstoff habe ich gesprochen. 

Auch im politischen und humanitären Bereich haben wir in den vergangenen Jahren zahlreiche Projekte mit Deutschland umgesetzt, beispielsweise bei der Schaffung der Globalen Koalition zur Prävention von Epidemien und Pandemien (Cepi) sowie der Impfallianz CAVI. Mit Deutschland arbeiten wir auch gut bei Hilfsprojekten in Afghanistan zusammen. 2017 wurde Norwegen von Deutschland als Gast des G-20-Gipfel eingeladen und konnte seine Gesundheits- und Bildungsprojekte für die ärmsten Länder der Welt vorstellen. 

Kulturell ist – abgesehen von der Corona-Zeit – sehr viel gelaufen. Der Weg auf die Bühnen dieser Welt führt für norwegische Musiker über Deutschland. 

Was wird Ihnen fehlen, wenn Sie Deutschland verlassen?

Petter Ølberg: Als ich 2017 als Botschafter nach Deutschland kam, hatte ich hier ja bereits einige Jahre gelebt. Damals habe ich gesagt: Es ist einfach, in Deutschland Norweger zu sein. Das habe ich einmal mehr während meiner Amtszeit erfahren. Ich liebe die deutsche Mentalität. Die Deutschen werden mir fehlen. 

Auch das Essen?

Petter Ølberg: Ja, auch das Essen. Kalbsleber, Bratwurst, Schweinshaxe und  Fischbrötchen – all diese bodenständigen Dinge kennt man in Norwegen nicht. Es gibt also genug Gründe, immer wieder nach Deutschland zu kommen. 

Vielen Dank für Das Gespräch. 

Das Interview führte Jutta Falkner.

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