Norwegens scheidender Zentralbankchef: Strikt regelgebundene Wirtschaftspolitik passt nicht mehr

Jahres-Rede des Zentralbank-Gouverneurs Øystein Olsen vor dem Aufsichtsrat der Norges Bank am 17. Februar 2022©Norges Bank/Screenshot

Oslo, 17. Februar 2022. Norwegens Zentralbank-Gouverneur Øystein Olsen hat am 17. Februar seine zwölfte und letzte Rede vor dem Aufsichtsrat von Norges Bank gehalten. Er scheidet am 1. März aus dem Amt. Er sorgt sich um die steigende Inflation, die Entwicklungen auf dem Strommarkt und mahnt eine flexible Wirtschaftspolitik angesichts aktueller Herausforderungen an.

„Zwei Jahre nach dem Ausbruch der Pandemie können wir feststellen, dass sich die Aktivität in der norwegischen Wirtschaft deutlich erholt hat. Das Gleiche gilt für viele unserer Handelspartnerländer“, sagte Olsen. „Aber es könnte sich etwas ändern. Nach vielen Jahren niedriger Inflation sehen wir sowohl in Norwegen als auch bei unseren Handelspartnern wieder hohe Inflationszahlen. Ein wesentlicher Treiber der inländischen Inflation waren die ungewöhnlich hohen Strompreise im Winter, die zu hohen Stromrechnungen für Haushalte und Unternehmen geführt haben. Ein Großteil des Anstiegs dürfte nur vorübergehend sein, und die Strompreise werden voraussichtlich im Frühjahr sinken. Aber die Strompreise des Winters können als Frühwarnung dienen. Der grüne Übergang bedeutet wahrscheinlich, dass wir höhere und volatilere Energiepreise sehen werden, als wir es gewohnt sind.“

Inflationsdruck im Ausland gehe nicht nur von den Strompreisen aus. Auch die hohe Nachfrage, angeregt durch eine sehr lockere Wirtschaftspolitik, sei eine der Ursachen. Gleichzeitig hätten weltweite Unterbrechungen der Lieferkette zu Verzögerungen bei der Produktion einer Reihe von Waren geführt. Frachtraten und Rohstoffpreise seien in die Höhe geschossen und die damit verbundenen Kostensteigerungen würden auf andere Preise abgewälzt. Auch die Arbeitsmärkte hätten sich in vielen Ländern verschärft. Das Lohnwachstum in den Vereinigten Staaten habe sich nach vielen Jahren moderater Lohnerhöhungen für US-Arbeiter beschleunigt.

„Daher wächst international die Besorgnis darüber, ob die Inflation hoch bleiben wird, und mehrere Zentralbanken haben den Straffungszyklus früher als zuvor angekündigt begonnen“, so Olsen weiter.

Es sei möglich, dass der niedrige Preisanstieg der letzten Jahrzehnte vorbei ist, der mit der Verlangsamung der Globalisierung und einer alternden Bevölkerung zusammenhängt, betont Olsen. Eine niedrige und stabile Inflation sei ein Hauptziel der Norges Bank. Anhaltend hohe Inflation sei kostspielig für die Gesellschaft. Sie führe zu Unsicherheit über den Wert des Geldes und sei ein Planungshindernis. Gleichzeitig sei eine gewisse Inflation vorteilhaft, da sie wirtschaftliche Flexibilität bietet.

Olsen verwies darauf, dass die norwegische Zentralbank neben ihren Zentralbankaufgaben eine weitere wichtige Mission erfüllt, nämlich die Verwaltung des norwegischen Staatsvermögens, das im Government Pension Fund Global (GPFG) gehalten wird. Norwegen sei dank der starken öffentlichen Finanzen in einer glücklichen Lage. Aber beträchtliche Staatsvermögen brächten auch Herausforderungen mit sich, die angegangen werden müssen. „Mehr als 50 Jahre als Ölnation haben uns eine wichtige Sache gelehrt: Ölpreise sind volatil. Aus diesem Grund war es wichtig, den Erdölfondsmechanismus und die Fiskalregel zu etablieren. Es ist uns gelungen, die Staatshaushalte von stark schwankenden Öleinnahmen abzuschirmen.“

Zwar sei der Ölfonds auf 1.200 Billion NOK angewachsen, man müsse aber damit rechnen, dass er auch regelmäßig Geld verliert – etwa alle sechs Jahre. „Wir können uns vor einem solchen Ergebnis nicht schützen. Volatilität ist der normale Zustand von Aktien- und anderen Wertpapiermärkten“, unterstreicht Olsen. Solange die GPFG wächst, sei es verlockend, die Ausgaben gleichzeitig zu erhöhen. Es sei aber nicht so einfach, die Ausgaben in Jahren mit negativen Renditen zu reduzieren.

Olsen warnte vor dem übermäßigem Gebrauch von Ölgeld für öffentliche Ausgaben. In den letzten zwei Jahren lagen die Ausgaben über der langfristigen Richtlinie, weniger als drei Prozent des Petroleum Fund pro Jahr zu verwenden. Die Fiskalregel habe nach wie vor eine Funktion als langfristige Richtschnur für die Fiskalpolitik. Die Regel unterstütze die Idee des GPFG als Generationenfonds. Aber anstatt den 3-Prozent-Pfad anzustreben, wäre es klug, die Ausgaben für Erdöleinnahmen unter der erwarteten realen Rendite festzusetzen.

„Sonst laufen wir Gefahr, das Kapital der GPFG regelmäßig aufzufressen“, sagte der Zentralbank-Gouverneur. Er warnte davor, dass das Managementmodell mit Blick auf die Zukunft vor neuen Herausforderungen stehen werde. Welche Zukunftszenarien es auch immer gebe, die breite Diversifikation sollte weiterhin eine Säule der Strategie sein.

Aus den Entwicklungen der vergangenen Jahre und den schweren Schocks, die die Wirtschaft erschüttert haben, zog Olsen die Lehre, „dass eine strikt regelgebundene Wirtschaftspolitik nicht mehr passt.“ Für die Zinsfestsetzung bedeute dies, dass die Geldpolitik flexibel sein und Kompromisse zwischen den Inflationsaussichten und der Entwicklung von Produktion und Beschäftigung eingehen muss. Und die Fiskalregel könne nicht mehr von einem Jahr aufs andere als strenge Haushaltsrichtlinie dienen.

„Die Wirtschaftszyklen werden sich weiter verschieben, und wir müssen auf neue, unvorhergesehene Krisen vorbereitet sein. Die Hauptaufgabe der Zentralbank bleibt dieselbe: die Förderung der wirtschaftlichen Stabilität und die Gewährleistung des Vertrauens in das Geldsystem, sagte Øystein Olsen zum Abschluss seiner Rede.

Lesen Sie hier die ganze Rede inklusive Charts.

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