Norwegens Ministerpräsident in Berlin: CCS macht den Unterschied

Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre lädt Deutschland ein, die CO2-Emissionen in Zusammenarbeit mit Norwegen mittels CCS-Technologie zu reduzieren. Finden Sie hier eine Aufzeichnung der Paneldiskussion.©DIHK/Jens Schicke

Berlin, 19. Januar 2022. Erdgas, dessen CO2-Anteil abgespalten und mittels CCS-Technologie unter dem Meeresboden gelagert wird, belastet das Klima viel weniger als Erdgas ohne CCS. Mit dieser nachgewiesenen Erkenntnis warb Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre bei einem Energie Round Table im Haus der Deutschen Wirtschaft in Berlin am 19. Januar für den Einsatz von blauem Wasserstoff in Deutschland und für eine enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Norwegen zur Erreichung der Klimaziele. Anlässlich des Besuches des norwegischen Ministerpräsidenten in Berlin, bei dem er unter anderem mit Bundeskanzler Olaf Scholz und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zusammentraf, hatte der DIHK zu einer Diskussionsrunde zum Thema „Decarbonizing the German industry: What’s needed, and can a fossil energy exporter like Norway be part of the solution? Cross-Border Cooperation to reach the “Grüne Null” eingeladen.

Norwegen will bis 2030 die CO2-Emissionen um 55 Prozent reduzieren und die Klimaneutralität bis 2050 erreichen. Die große Herausforderung bestehe nun darin, genug erneuerbare Energien zu produzieren, um Öl, Gas und Kohle langfristig zu ersetzen, erklärte Støre. Konkret lud er Deutschland ein, gemeinsam mit Norwegen ein Szenario zu entwickeln, nach dem blauer Wasserstoff, also Erdgas, von dem CO2 vorab abgespalten und unter dem Meeresboden gelagert wurde, aus Norwegen nach Deutschland geliefert wird. Kurzfristig werde Deutschland einen stabilen Zulieferer von Erdgas brauchen. Nun müsse aber eine neue Etappe der Energiekooperation eingeleitet werden, in der die Wassertoff-Option umgesetzt wird, sagte Støre. In der Vergangenheit habe Deutschland ein solches Szenario nicht ernsthaft in Erwägung gezogen. „Aber das Szenario, das wir vorschlagen, wird seit 40 Jahren getestet. Es ist eine Alternative, die mit der Hydrogen-Entwicklung einhergeht.“ Das Gas, das künftig für Gaskraftwerke in Deutschland verwendet wird, werde Gas sein, von dem bereits CO2 abgeschieden wurde.

In der Grafik werden die minimalen (orange) und maximalen (rot) Werte der jeweiligen Stromerzeugungsoptionen dargestellt. Die Variabilität ergibt sich aus den lokalen Strommixen und Auslastungsfaktoren.©Statista

Der Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, Patrick Graichen, reagierte verhalten auf die Offerte des norwegischen Regierungschefs. „Wenn man Kohlenstoff-Neutralität will, muss es grün sein. Auch CCS-Gas verursacht CO2-Emissionen“, sagte der Staatssekretär. Die deutsche Regierung habe hierzu eine klare Position: Geld werde nur in grünen Wasserstoff gesteckt. Alles, was mit blauem Wasserstoff zusammenhängt, sei keine Null-Emissions-Technologie. „Wann immer die Regierung Geld auf den Tisch legt, wird es um Null-Emissionen gehen. Wenn es einen Markt für blauen Wasserstoff gibt, weil die CO2-Preise hoch sind und sich private Firmen hier engagieren, werden wir dies nicht behindern.“

Aus seiner Sicht sei es interessanter, über Norwegen als Exporteur von grünem Wasserstoff, hergestellt aus Offshore-Wind, zu diskutieren. Darauf sollten beide Länder ihre Planung und ihre Infrastruktur ausrichten. „Wenn in der Zwischenzeit durch diese Pipelines blauer Wasserstoff fließt, ist das in Ordnung, aber das Ziel darf man nicht aus den Augen verlieren. Andererseits würde man das Leben der fossilen Energieträger verlängern. Infrastruktur, die jetzt geplant wird, hat den Fokus auf das Endziel“, so Graichen.

Die norwegische Umweltorganisation Bellona unterstützt den Einsatz der CCS. Diese Technologie bringe CO2 dahin zurück, wo es herkommt, sagte Erika Bellmann, Leiterin des deutschen Programms der NGO. Anders als in Deutschland gebe es in Norwegen keine Bedenken bezüglich der Sicherheit der Lagerung von Kohlendioxid unter dem Meeresboden. In Deutschland habe sich die Diskussion um die Anwendung von CCS bei der Kohleproduktion gedreht und CO2 sollte nahe an Ortschaften gespeichert werden. In Norwegen stünden ehemalige Erdgas-Lagerstätten zur Verfügung. Wichtig sei jetzt die Erarbeitung rechtlicher Rahmenbedingungen.

Teilnehmer der Podiumsdiskussion, v.l.: Markus Graichen, Sopna Sury, Jonas Gahr Støre, Holger Lösch, Erika Bellmann©DIHK/Jens Schicke

Die Produktion von Wasserstoff sieht Bellmann allerdings kritisch. Der großflächige Einsatz von Wasserstoff zur Reduzierung der CO2-Emissionen könne nicht das Ziel sein, da die Produktion unrentabel ist. Sinnvoller für Deutschland sei der Ausbau von Netzverbindungen zwischen Nord und Süd. 

Sopna Sury, COO Hydrogen RWE Generation, unterstrich die Notwendigkeit der Schaffung politischer und rechtlicher Rahmenbedingungen zur Herstellung und Verwendung von Wasserstoff. Beim Ausbau der Infrastruktur sollte sichergestellt werden, dass Pipelines sowohl für blauen als auch für grünen Wasserstoff verwendet werden können. Bei der Finanzierung sei zu bedenken, dass grüner Wasserstoff noch immer sehr teuer ist. 

Auf die Frage, ob Norwegen die Lücke schließen kann, die die Kürzung russischer Gaslieferungen hinterlässt, sagte der Ministerpräsident, dass nicht die norwegische Regierung Gas liefert, sondern private Unternehmen, die das Maximum ihrer Kapazitäten bereits auslasten. Sie hätten ihre Produktion allerdings optimiert und lieferten ein wenig mehr. Nach Aussage des norwegischen Premierministers können sie das russische Gas nicht ersetzen. In diesem Zusammenhang stehe aber wieder die Frage, was in den kommenden Jahren passieren wird. „Wenn unsere Regierung die weitere Produktion von Öl und Gas plant, passiert das im Zusammenhang mit CCS. Bis 2030 sollen die Emissionen auf dem Kontinentalschelf um 50 Prozent reduziert werden. Wenn wir über die weitere Exploration reden, muss das im Zusammenhang mit CCS gesehen werden. Das bedeutet die Elektrifizierung der Plattformen. Und wir sehen den Einsatz von Gas zur Herstellung von Wasserstoff – das ist eng verbunden mit CCS.“

Norwegen will 2050 die erste vollständig elektrifizierte Land sein. Priorität bei der Elektrifizierung hat die Umstellung der Schiffsflotte. Investitionen in der norwegischen Schiffsindustrie sind auf den Einsatz von Ammoniak und Wasserstoff ausgerichtet. Diese Technologien seien auch für den Weltmarkt interessant. Der Ministerpräsident wies auch darauf hin, dass die Elektrifizierung der Flugzeugflotte, die auf kurzen Strecken vor allem im Norden Norwegens eingesetzt wird, vorangetrieben wird. Das werde neue Möglichkeiten eröffnen, die Klimaziele zu erreichen.

Beim Treffen mit dem deutschen Bundeskanzler betonte Olaf Scholz: „Ich sehe sehr großes Potenzial für die künftige Zusammenarbeit und wünsche mir eine noch bessere, tiefere, breitere Energiepartnerschaft mit Norwegen. Norwegen hat viel Kompetenz beim Thema ‚carbon capture and storage‘. Wir sind bei Offshorewind vorn dabei. Bei der Herstellung nachhaltigen Wasserstoffs können wir gut zusammenarbeiten.“

Norwegens Ministerpräsident äußerte auch gegenüber Olaf Scholz das Interesse Norwegens am Einsatz neuer Technologien, um CO2 aus Gas zu entfernen, es abzuscheiden. „Herr Bundeskanzler, ich wünschte mir wirklich, dass wir den Dialog weiter vertiefen, gerade hinsichtlich der energiepolitischen und industriellen Lösungen. Wir sind in einer industriellen Transformation. Jedes Mal, wenn Norwegen in einer industriellen Transformation ist, sind Deutschland, die Zusammenarbeit mit deutschen Technologien und diese Tradition, ein Teil der Lösung.

Auf dem Programm des Ministerpräsidenten in Berlin stand auch der Besuch der Architekturausstellung des norwegischen Architekturbüro Mad in Berlin. Das Büro hat den Wettbewerb für das künftig höchste Holzhaus Europas, WoHo, gewonnen, das in Berlin Kreuzberg entstehen soll.

Nach der Diskussionsrunde hatte Jutta Falkner, Herausgeberin des BusinessPortal Norwegen, die Gelegenheit, dem norwegischen Ministerpräsidenten das Buch „Gourmet-Nation Norwegen“ zu übergeben.©Olav Olsen

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