Bundespräsident Steinmeier in Oslo: Norwegen und Deutschland verbindet tiefe Freundschaft

Langjährige Freunde: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre während der Pressekonferenz.©Screenshot/regjreringen.no

Oslo, 5. November 2021. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist der erste ausländische Gast, den der neue norwegische Ministerpräsident Jonas Gahr Støre in Oslo empfängt. Zum Auftakt seines  zweitägigen Besuchs in Norwegen wurde er von Parlamentspräsidentin Eva Kristin Hansen begrüßt, danach zu einem Mittagessen von  König Harald V. und Königin Sonja empfangen.

Nach Gesprächen mit dem neuen Regierungschef Jonas Gahr Støre erläuterten Steinmeier und Støre die Prioritäten der künftigen Zusammenarbeit. An erster Stelle werde es darum gehen, Wege zu finden, um die Klimaziele von Paris zu erreichen, sagte Steinmeier auf einer Pressekonferenz. Bisher seien beide Länder vor allem durch die zuverlässige Versorgung mit Gas miteinander verbunden. Jetzt müsse die grüne Transformationsphase hin zu mehr Erneuerbarer Energie gemeinsam gestaltet werden. Es sei gut, Norwegen als Partner zu haben. Als weitere Themen der deutsch-norwegischen Kooperation nannte der Bundespräsident die Sicherheitspolitik, die Zusammenarbeit in der Nato und das Verhältnis zur EU. 

Støre hob Deutschland als wichtigsten Partner Norwegens in Europa hervor. Norwegen sei für Deutschland und Europa vor allem als Gaslieferant von Bedeutung. Das Thema Energie werde daher eine zentrale Rolle der weiteren Zusammenarbeit spielen. 

Steinmeier und Støre kennen sich aus gemeinsamen Zeiten als Außenminister. Zum Besuchsprogramm des Bundespräsident und seiner Frau Elke Büdenbender in Norwegen gehörte auch ein Besuch auf die Insel Utøya. Dort hatte vor zehn Jahren der Terrorist Anders Behring Breivik 77 Menschen getötet. Die Verteidigung der parlamentarischen Demokratie gegen den Terrorismus war Thema mehrerer Treffen und Diskussionen.

Als letzter Bundespräsident hatte Joachim Gauck Norwegen 2014 einen Staatsbesuch abgestattet.

Finden Sie hier die Rede des Bundespräsidenten anlässlich des Abendessens gegeben von Ministerpräsident Jonas Gahr Støre:

 „Unser Europa, aus der Erfahrung von Leiden und Scheitern geboren, ist der bindende Auftrag der Vernunft.“

Das ist der Auftrag, den uns Willy Brandt nicht weit entfernt von hier, in der Aula der Universität von Oslo, 1971 als frisch gekürter Friedensnobelpreisträger gegeben hat. Ein Auftrag für mehr Zusammenhalt, für eine friedliche, regelbasierte Ordnung auf dem gesamten Kontinent.

Als Willy Brandt damals seine Rede hielt, leuchtete hinter ihm Edvard Munchs monumentales Wandgemälde „Die Sonne“ in all seiner Strahlkraft.

Fünfzig Jahre später kommen wir als deutsch-norwegische Freunde in diesem einzigartigen Munch-Museum zusammen. Und nur sechs Stockwerke tiefer hängt das gleiche strahlende Meisterwerk: „Die Sonne“. Es erinnert uns an Brandts Worte – und damit an unsere Verantwortung, den bindenden Auftrag der Vernunft in die Tat umzusetzen. Es gibt keinen besseren Ort als diesen, um heute auf unsere Freundschaft anzustoßen.

Jonas, ich erinnere mich an einen weiteren gemeinsamen Museumsbesuch. Das war vor ziemlich genau 15 Jahren. Damals haben wir die Ausstellung „Nicht nur Lachs und Würstchen“ im Museum für Kommunikation in Berlin eröffnet. Anlass dafür waren hundert Jahre deutsch-norwegische Begegnungen. In Deiner Rede ging es zwar auch um Würstchen, vor allem aber um Freundschaft. Und genau darum soll es mir heute auch gehen.

Die tiefe Freundschaft, die unsere Länder verbindet, ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist das Ergebnis bewusster und aktiver Bemühungen. Sie ist das Werk von norwegischen und deutschen Frauen und Männern, die unsere Länder miteinander versöhnt haben. Damit meine ich nicht nur Politikerinnen und Politiker, sondern alle, die neugierig auf das jeweils andere Land waren und ihre Kultur miteinander geteilt haben. Unsere deutsch-norwegische Freundschaft ist menschengemacht.

Freunde teilen Freude aber auch Leid. Der abscheuliche Anschlag in Kongsberg hat uns alle erschüttert. Unsere Gedanken sind bei den Familien und Freunden der Opfer. Es betrübt mich, dass Norwegen zehn Jahre nach den schrecklichen Terroranschlägen von Utøya und Oslo erneut von Gewalt heimgesucht wird. Gleichzeitig bewundere ich die Kraft, mit der die Norwegerinnen und Norweger dem Hass und der Gewalt trotzen, die das gesamte Land und den ganzen Kontinent schockiert und in Trauer versetzt haben. Sie lassen nicht zu, dass der Terror unsere Werte der Demokratie, der Freiheit und der Solidarität verwundet. Auch die Ernennung von zwei Überlebenden der Anschläge von Utøya in Ministerämter ist Ausdruck der Wehrhaftigkeit unserer Demokratie.

Heute vor genau zehn Jahren wurde auch in Deutschland Licht auf ein dunkles Kapitel unserer Geschichte geworfen: Als der Nationalsozialistische Untergrund an diesem Tag enttarnt wurde, wurden auch der Hass und der hemmungslose Rassismus aufgedeckt, die in der Mitte unserer Gesellschaft Wurzeln schlagen konnten. Die widerwärtigen Morde des NSU sind Ausdruck einer Fremdenfeindlichkeit, die wir in Deutschland niemals dulden werden!

Norwegen und Deutschland sind weit mehr als nur gleichgesinnte Partner, die von gemeinsamen Interessen geleitet werden. Wir teilen gemeinsame Werte. Wir wissen, dass wir die globalen Herausforderungen unserer Zeit nur gemeinsam bewältigen können – unabhängig davon, ob es um die Pandemie, den Wettbewerb zwischen Großmächten oder den Klimawandel geht. Mit diesem gemeinsamen Verständnis setzen wir uns ehrgeizige und weitsichtige Ziele. Ein gutes Beispiel hierfür ist das sogenannte „grüne Kabel“ Nordlink. Seit Mai sind damit nicht nur unsere Länder über das weltweit längste Seekabel zur Stromübertragung miteinander verbunden – Nordlink leistet auch einen wichtigen Beitrag für eine erfolgreiche Energiewende.

Lieber Jonas, Du bist seit vielen Jahren ein wahrer Freund für mich. Unsere Polarexpedition 2007 bleibt mir in unvergesslicher Erinnerung. Unsere Schiffstour auf dem Arktischen Ozean und der Besuch der Forschungsstation auf der Insel Spitzbergen wurden von hitzigen Debatten in Regionen von beeindruckender Kälte begleitet. Ich denke gerne an unser Gespräch in der Hotelbar in Longyearbyen zurück, der nördlichsten Ortschaft der Welt. Und dank Dir weiß ich, dass die Studierenden dort schon im ersten Semester lernen, sich gegen Polarbären zu verteidigen.Lieber Jonas, Du spielst eine zentrale Rolle in den vertrauensvollen Beziehungen, ja der Freundschaft zwischen unseren Ländern. Du nimmst Willy Brandts „bindenden Auftrag der Vernunft“ sehr ernst. Nach unseren gemeinsamen Jahren als Außenminister freue ich mich darauf, nun wieder Seite an Seite mit Dir zusammenzuarbeiten – und natürlich auch mit Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren –, um unsere deutsch-norwegische Freundschaft weiter zu vertiefen – gerne auch bei Lachs und Würstchen!

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