Rainer Seele zu hohen Gaspreisen: „Absurde Vorwürfe gegenüber Russland“

Deutschland war mit hochrangigen Managern auf der St. Petersburger Internationalen Gasforum vertreten. ©SPIGF

Moskau, 8. Oktober 2021. Die hohen Gaspreise, die den europäischen Unternehmen und privaten Verbrauchern gegenwärtig zu schaffen machen, waren ein Hauptthema auf dem St. Petersburger Internationalen Gasforum (SPIGF), das vom 5. bis 8. Oktober in St. Petersburg, Russland, stattfand. Insbesondere die Vorwürfe, die die EU-Kommission im Zusammenhang mit der Preissteigerung gegen Russland erhob, empörten die Branchenkenner. „Die Vorwürfe in Richtung Moskau, seine Partner zu erpressen, um die Ostseepipeline Nord Stream 2 schneller mit Gas zu füllen, sind haltlos und absurd“, erklärte Rainer Seele, bis September 2021 CEO des österreichischen Öl- und Gasunternehmens OMV und Präsident der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK), auf einem Panel zur Zukunft der deutsch-russischen Energiebeziehungen.

„Gazprom verhält sich zu 100 Prozent vertragstreu und hat jeden einzelnen Kubikmeter geliefert, der bestellt war.“, sagte Seele, „Unsere Partner in Russland können nichts dafür, dass der Herbst sehr kalt ist, die Konjunktur in den asiatischen Märkten recht stark anspringt und damit Nachfrage nach Energieträgern entsprechend steigt.“ Seele war lange Jahre CEO von Wintershall Dea und der OMV, zwei der fünf europäischen Unternehmen, die Nord Stream 2 mit finanzieren. Die österreichische OMV ist seit vielen Jahren mit mehreren Projekten in der Exploration und Produktion von Öl und Gas in Norwegen tätig.

„Wer an kostengünstigem Gas für deutsche und europäische Haushalte und Industriebetriebe interessiert ist, sollte auf Kooperation statt auf Konfrontation mit Moskau setzen“, so Seele. „Meine Erfahrung war immer, dass derjenige, der mit Russland im vernünftigen Tonfall redet, auch gute Chancen hat, über die vertraglich festgelegten Mengen hinaus zusätzliches Gas zu bekommen.“

Seele verwies auch auf den Vorteil langfristiger Verträge für Pipelinegas. „Die Liberalisierung das Gasmarktes durch die Europäische Union und die Entkoppelung vom Ölpreis haben mit dazu beigetragen, dass wir zwar ein paar Jahre recht günstiges Gas hatten, nun aber eine drastische Kostensteigerung, weil zu sehr auf die Spotmärkte für Flüssiggas und das freie Spiel von Angebot und Nachfrage gesetzt wurde“, sagt Seele. „Langfriste Lieferverträge für Pipelinegas grenzen durch ihre Berechenbarkeit der Risiken ein, unter deren Folgen jetzt die europäische Industrie und Millionen privater Haushalte leiden.“

Deutschland verbraucht rund 87 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr. Mehr als die Hälfte (55 Prozent) davon stammt aus Russland, der Rest hauptsächlich aus Norwegen und den Niederlanden. Derzeit leiden die Europäische Union und die dort tätigen Industriebetriebe unter hohen Rekord-Gaspreisen, die sich seit Jahresbeginn mehr als verzehnfacht haben.

Norwegen dagegen kann 2021 mit Rekordeinnahmen für exportiertes Gas rechnen. Analysten erwarten, dass Equinor in diesem Jahr mehr als 70 Milliarden NOK verdienen wird, nachdem die Gaspreise in die Höhe geschossen sind und die Ölpreise zum ersten Mal seit drei Jahren 80 USD pro Barrel überschritten haben. Die Marktlage sei „völlig auf den Kopf gestellt“, zitiert das Medienportal e24.no den Ölexperten Oddvar Bjørgan von Carnegie. Er schätzt, dass Equinor einen bereinigten Gewinn nach Steuern von 8,6 Milliarden US-Dollar erzielen wird, den höchsten seit 2011, als der Ölpreis bei 110 US-Dollar pro Barrel lag.

Der norwegischen Energiekonzern Equinor und seine Partner haben vom norwegischen Ministeriums für Erdöl und Energie Ende September dieses Jahres die Genehmigung erhalten, die Förderung auf den Feldern Oseberg und Troll für das Gasjahr ab dem 1. Oktober jeweils um eine Milliarde Kubikmeter zu erhöhen. Damit wird die Förderung für Oseberg von fünf auf sechs Milliarden Kubikmeter und für Troll von 36 auf 37 Milliarden Kubikmeter im kommenden Gasjahr ab 1. Oktober ausgebaut. Das zusätzliche Gas soll auf den europäischen Markt geliefert werden.

Deutschland war auf der Konferenz unter anderem mit Ulf Heitmüller, Vorstandsvorsitzender der VNG AG, Leipzig, Mario Mehren, Vorstandsvorsitzender der Wintershall Dea GmbH, Reiner Hartmann, Leiter der Repräsentanz der Uniper Global Commodities SE, Timm Kehler, Geschäftsführer der Zukunft Gas GmbH, und deutschen Spitzenmanager von Großunternehmen aus dem Energiebereich, darunter Linde und Siemens, vertreten.

Das St. Petersburger Internationale Gasforum (SPIGF) findet in diesem Jahr zum zehnten Mal statt. Es ist eine der weltweiten größten internationalen Konferenzen zum Thema Gas.

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