SSB-Bericht: Norwegens Wirtschaft im Aufwind

Thomas von Brasch präsentiert die Prognosen des Statistikamtes für die norwegische Wirtschaft bis 2024.

Oslo, 3. September 2021. Norwegens Statistikamt SSB sieht die norwegischen Wirtschaft im Aufschwung. Bei der Vorstellung der Konjunkturdaten für das zweite Halbjahr 2021 und der Prognosen für die norwegische und für die globale Wirtschaft bis 2024 wiesen die Forscher allerdings darauf hin, dass die Corona-Pandemie die Wirtschaft noch lange belasten werde. Sie erwarten, dass der Zinsanstieg wie von der Zentralbank angekündigt im September beginnt und sich bis 2024 schrittweise bis auf 1,75 Prozent fortsetzt.

Im Frühjahr und Sommer hätten niedrigere Infektionsraten, verstärkte Impfungen und Lockerungen der nationalen Beschränkungen zu einer Belebung der Wirtschaftstätigkeit beigetragen. Zwar habe die Delta-Variante des Coronavirus in letzter Zeit sowohl in Norwegen als auch international zu erhöhten Infektionsraten geführt, doch bei einem immer größer werdenden Anteil der geimpften Bevölkerung würden deutlich weniger Infizierte in Krankenhäuser eingeliefert. Für die Zukunft rechnet das Statistikamt daher mit einer Fortsetzung des Wirtschaftswachstums.

“Wir gehen davon aus, dass sich die Wiedereröffnung der Gesellschaft auch in Zukunft fortsetzen wird. Dementsprechend erwarten wir, dass das Wirtschaftswachstum im Jahr 2022 deutlich anziehen wird, und zwar insbesondere in vielen der Branchen, die am stärksten von Infektionsschutzmaßnahmen betroffen sind”, sagt Thomas von Brasch, Forscher des Stastistikamtes.

Im Juni lag das BIP des norwegischen Festlandes ungefähr auf dem Niveau vom Februar 2020, also vor Beginn der Pandemie . Die Aktivität liegt immer noch rund 2,5 Prozent unter dem, was Statistics Norway als Trendniveau für die Wirtschaft ansieht.

BNP der Festlandwirtschaft

Abweichung vom berechneten Trend-BNP in Prozent

Die Folgen der internationalen Rezession und der nationalen Maßnahmen zur Infektionsbekämpfung würden die norwegische Wirtschaft noch einige Zeit belasten. Erst im Jahr 2023 gehen die Prognosen von Statistics Norway davon aus, dass die Arbeitslosigkeit auf ein normaleres Niveau zurückkehren wird.

“Die Corona-Situation ist noch sehr unberechenbar. Es ist wahrscheinlicher, dass es schlechter als besser laufen wird, als die Prognose jetzt zeigt”, sagt von Brasch. Die Prognosen basieren auf Angaben der norwegischen Gesundheitsdirektion Ende August 2021, nach denen sich Norwegen in einer vierten Infektionswelle befindet, die Zahl der Krankenhauseinweisungen aber nicht hoch sind. 

“Die Arbeitskräfteerhebung (AKE) zeigte im zweiten Quartal dieses Jahres einen überraschend starken Anstieg sowohl der Beschäftigung als auch der Erwerbsbevölkerung. Gerade jüngere Menschen drängen jetzt auf den Arbeitsmarkt”, so von Brasch. Die Kombination aus Einreisebeschränkungen, die den Wettbewerb durch ausländische Arbeitskräfte dämpften, und einer erhöhten Nachfrage nach Arbeitskräften in einer Reihe von Dienstleistungsbranchen wie dem Beherbergungs- und Gaststättengewerbe kann daher laut Statistik Norwegen dazu beitragen, dass im Herbst noch mehr junge Menschen wieder einen Job bekommen.

Hoher Immobilienpreisanstieg im letzten Jahr

Die rekordtiefen Hypothekenzinsen und das teilweise erzwungene Sparen scheinen im vergangenen Jahr andere Faktoren wie moderates Einkommenswachstum und schwaches Bevölkerungswachstum dominiert zu haben, so die Feststellung der SSB. Im zweiten Quartal dieses Jahres waren die Hauspreise um mehr als zwölf Prozent höher als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. In den letzten Monaten habe es jedoch Anzeichen dafür gegeben, dass sich das Immobilienpreiswachstum verlangsamt.

“Wir gehen daher davon aus, dass die Wohnimmobilienpreise in den kommenden Monaten auf dem aktuell hohen Niveau bleiben werden, was im Jahresdurchschnitt 2021 ein Wachstum von bis zu zehn Prozent bedeutet. Ein zukünftig leicht moderater Anstieg der Hypothekarzinsen dürfte das Immobilienpreiswachstum langfristig dämpfen.”

Der starke Anstieg der Wohnimmobilienpreise habe den Wohnungsbau rentabler gemacht, die Wohnungsinvestitionen seien gestiegen und würden nach Berechnungen auch im nächsten Jahr weiter steigen. Dies werde dazu beitragen, das Wachstum der Hauspreise in den kommenden Jahren einzudämmen. Bereinigt um das Wachstum des Verbraucherpreisindexes dürften die realen Wohnimmobilienpreise bis 2024 unverändert bleiben, teilt SSB mit.

Die Arbeitslosigkeit ist immer noch auf einem hohen Niveau, verglichen mit dem, was als normal gilt. Bevor die Pandemie die Wirtschaft traf, lag die Arbeitslosigkeit bei rund 3,7 Prozent. Nach monatlichen saison- und unterbrechungsbereinigten Zahlen der LFS lag die Arbeitslosigkeit im April, Mai und Juni dieses Jahres im Durchschnitt bei 4,9 Prozent. Die Berechnungen zeigten, dass die Arbeitslosigkeit 2021 im Jahresdurchschnitt bei 4,7 Prozent liegt und 2023 dann auf rund 4,2 Prozent sinken wird.

Der zugrunde liegende Preisanstieg, gemessen am 12-Monats-Wachstum des steuerbereinigten Verbraucherpreisindex ohne Energieprodukte (VPI-ATE) stieg im Juli um 1,1 Prozent. „Erhöhte Importpreise und Arbeitskosten werden die zugrunde liegende Inflation in Zukunft nach oben ziehen, und die Inflation wird voraussichtlich bis 2024 bei rund 2,0 Prozent bleiben”, sagt Thomas von Brasch.

Steigende Energiepreise würden den Verbraucherpreisindex in diesem Jahr um 1,9 Prozentpunkte erhöhen, während reduzierte Steuern das Wachstum um 0,5 Prozentpunkte drücken würden.

Die norwegische Zentralbank Norges Bank ist der Corona-Krise mit Zinssenkungen begegnet und der Leitzins liegt seit etwas mehr als einem Jahr bei Null Prozent. “Der Nullzins spiegelt eine Wirtschaft in der Krise wider. Mit zunehmender Wirtschaftstätigkeit und weiterer Öffnung der Gesellschaft ist es wahrscheinlich, dass die Zinsen vom derzeit ungewöhnlich niedrigen Niveau angehoben werden”, so von Brasch.

Der erste Zinssprung werde wie in der vorherigen Prognose im September erwartet. Im nächsten Jahr könne es noch zu drei weiteren Zinserhöhungen kommen, und die Zinserhöhungen würden sich voraussichtlich 2023 und 2024 fortsetzen. Bei dieser Zinsentwicklung werde es noch zwei Jahre dauern, bis der Leitzins wieder auf 1,5 Prozent zurückkehrt, das Niveau von vor der Schließung im März 2020.

Der Aufschwung international geht weiter

Der Forscher Roger Hammersland hat die Prognose zur internationalen Wirtschaftsentwicklung vorgestellt.  “Wir rechnen in den kommenden Jahren mit einer weiteren Erholung der Wirtschaftstätigkeit unserer Handelspartner, die jedoch etwas schwächer ausfallen dürfte als beim letzten Mal. Dies ist hauptsächlich auf Komplikationen im Zusammenhang mit der Verbreitung der Delta-Variante zurückzuführen. Da unsere wichtigsten Handelspartner die Kontrolle über das Virus erlangen und ein zunehmender Anteil der Bevölkerung eine Immunität entwickelt, rechnen wir im Jahr 2023 mit einer internationalen Normalisierung des Konjunkturzyklus”, sagt Roger Hammersland.

Finden Sie hier den Bericht der SSB zu ökonomischen Trends mit der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung für das zweite Quartal 2021

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