Die Nord-Norgebanen kommt nicht

Die Ofotbanen von Bjørnfjell nach Narvik wird auch in Zukunft die nördlichste Eisenbahnlinie von Norwegen bleiben. Hier ein Touristenzug der norwegischen Arctic Train auf der Station Katterat.©Arctic Train

Oslo, 12. Mai 2021. Es gehört zu einem stetig wiederkehrenden Ritual: Viele Politiker, die im Norden von Norwegen wiedergewählt werden möchten oder sich erstmals um ein Mandat bemühen, sprechen sich für den Bau der Nord-Norgebanen aus. Ebenso in für norwegische Verhältnisse fast schriller Intensität wird das Projekt alle vier Jahre vor der Verabschiedung des Nationalen Verkehrsplans behandelt. In Erwartung einer Eisenbahnlinie gibt es in Tromsø einen Pub mit der Bezeichnung „Jernbanestasjon“. Aber diese Strecke wird auch in weiter Zukunft nicht gebaut werden und dennoch stets ein Thema bleiben. Der Aufwand für den zu erwartenden geringen Verkehr ist viel zu groß. 

Wenn heute von der Nord-Norgebanen gesprochen wird, ist von zwei verschiedenen Projekten mit Tromsø als Endstation die Rede: Erstens von einer Abzweigung von der Erzbahn Kiruna-Narvik bei Tornehamn am westlichen Ende des Torneträsk noch auf schwedischem Gebiet und somit ohne Anschluss an das norwegische Eisenbahnnetz außer nach Narvik. Die Linie würde zumeist außerhalb der zerklüfteten und bewohnten Küste nach Norden verlaufen. Diese Strecke würde eines der immer selteneren unberührten Naturgebiete Norwegens und ein Stammland der Samen durchschneiden. 

Die zweite Variante wäre die Fertigstellung des wahnwitzigen Polarbahn-Projektes der deutschen Okkupanten. Die im Zweiten Weltkrieg ausgeführten Bauarbeiten haben 2000 meist russischen und jugoslawischen Zwangsarbeitern einen grausamen Tod gebracht. Die Strecke sollte bis hinauf nach Kirkenes führen, konnte jedoch mit den damaligen technischen Mitteln nur bis Lønsdal als damals nördlichstem Abschnitt der Nordlandsbanen fertiggestellt werden. Nach dem Krieg haben die Norweger die Strecke nach Bodø weitergebaut. Nördlich von Fauske erinnern noch mehrere Bauruinen an diesen vergeblichen Gewaltakt. Eine Wiederaufnahme der Bauarbeiten an dieser Polarbahn bleibt auch in der heutigen Zeit sehr unwahrscheinlich. In Finnland hat die Regierung von Sanna Marin die Pläne für eine Eisenbahn von Rovaniemi nach Kirkenes eingestellt. Auch hier war das Projekt auf den erbitterten Widerstand der samischen Bevölkerung gestoßen.

Jürg Streuli, Fachjournalist
juerg.streuli@swissonline.ch

Lesen Sie hier einen Beitrag zur geplanten Polarbahn, die die deutschen Besatzer während des Zweiten Weltkrieges in Norwegen bauen wollten.

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