30 Jahre Deutsche Einheit – ein Buch mit “Ach-so-war-das”-Effekt

Berlin/Hamburg, 27. Januar 2021. Pünktlich zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung erschien im vergangenen Jahr das Buch “30 Jahre Deutsche Einheit – eine Bilanz” von Kai-Axel Aanderud, Publizist und Medienproduzent mit einem Faible für Norwegen. Gleich auf den ersten Seiten räumt Aanderud mit einer Legende auf. Das geflügelte Wort “Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben”, das der sowjetische Partei- und Staatschef Gorbatschow bei seinem Besuch in der DDR am 7. Oktober 1989 Honecker angeblich mit auf den Weg gab, hat nicht Gorbatschow, nicht Gorbatschows Sprecher Gerassimow, haben auch nicht Journalisten erfunden. Helmut Ettinger, Haus- und Hofdolmetscher Honeckers, hat eine ziemlich holprige Übersetzung des russischen Dolmetschers einfach prägnant zusammengefasst und an den DDR-Staatsratsvorsitzenden weitergegeben. Und schon weiß man, worum es in dem Buch geht: Um Präzision, um Genauigkeit bei der Abfolge geschichtlicher Ereignisse sowie um Daten und Fakten zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten.

Auf 250 Seiten zeichnet Aanderud detailliert die Geschehnisse dies- und jenseits der deutschen Grenze in den Jahren 1989 bis 2020 nach und belegt diese mit 750 Quellen aus niedergeschriebenen Erinnerungen der Akteure der deutschen Einheit, Originalquellen oder aus Medienberichten. Welche Bürgerrechtler führten in der DDR welche Bewegung? Wer war im Bonner Establishment für, wer war gegen die Einheit? Wo war Kohl, als die Mauer fiel? Welche Ergebnisse brachten die ersten freien Volkskammerwahlen in der DDR? Wie wurde der Wunsch nach der Vereinigung von den Verbündeten aufgenommen? Wie wurde Angela Merkel zu “Kohl’s Mädchen”? Welche Rolle spielte die Treuhand? 

Leser, die die Einheit als politisch interessierte Bundes- oder DDR-Bürger miterlebt haben, erfahren in dem Buch nichts grundsätzlich Neues. Aber schon nach den ersten Seiten stellt sich ein “Ach-so-war-das”-Effekt ein. Viele Ereignisse nämlich haben die Zeitzeugen in diesen turbulenten Zeiten nur oberflächlich wahrgenommen. Zudem hat man zahlreiche Geschehnisse sowie die Namen vieler Akteure nach 30 Jahren aus dem Gedächtnis verdrängt. Insofern stellt sich beim Lesen eine gewisse Freude ein, wenn vergessenes Wissen zurückkehrt. Spätestens beim Kapitel über die Vorlage für das Politbüro des ZK der SED am 30.10.1989 von Gerhard Schürer, Chef der Plankommission, zur “Analyse der ökonomischen Lage der DDR mit Schlussfolgerungen”, wird es richtig spannend, insbesondere für wirtschaftlich interessierte Leser. Denn dann werden die “Schönredner der DDR” an die tatsächlichen Zustände erinnert: “Allein ein Stoppen der Verschuldung würde im Jahr 1990 eine Senkung des Lebensstandards um 25 bis 30 Prozent erfordern und die DDR unregierbar machen”, referierte Schürer.

Aanderud spart kein Thema aus, und insbesondere darin liegt der Wert des Buches. Da der Autor Anfang der 1990er Jahre die Wiedervereinigung als Leiter eines ostdeutschen Zeitungsverlages, den der Axel-Springer-Verlag übernommen hatte, hautnah miterlebte, kennt er die verschiedenen Facetten dieses Prozesses, die Stimmungen der DDR-Bürger ebenso wie die Diskussionen der bundesdeutschen Politiker und Eliten.  Er recherchiert umfassend und tief und präsentiert sich als Kenner der Einheitsgeschichte. Von der Rolle der Parteien und Bürgerbewegung im Einigungsprozess, den Feinheiten der Wirtschafts- und Währungsunion, den von Gorbatschow geforderten Preis für seine Zustimmung zur Vereinigung, dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte über RAF, Stasi und dem Aufkommen der Neonazi-Szene bis zu den Motiven westdeutscher Politiker, sich als Ministerpräsidenten der neuen Bundesländer zur Wahl zu stellen, demonstriert der Autor die Vielschichtigkeit des Einigungsprozesses.

Besonders interessant wird es, wenn sich Aanderud einzelnen Geschehnissen und Figuren zuwendet, beispielsweise Rudolfine Steindling und dem Verschwinden von SED-Geldern. Wenn er über die Verkäufe der Treuhandanstalt beispielsweise im Medienbereich schreibt, legt er den Finger auf die Wunde der Ostdeutschen: “Noch bevor das Bieterverfahren beginnt, werden zwei ehemalige SED-Dickschiffe zur großen Verwunderung der Branche in aller Eile verkauft: Die ‘Freie Presse’ in Chemnitz, mit einer Auflage von 607.000 Exemplaren auflagenstärkste Regionalzeitung der DDR, geht für umgerechnet 100 Millionen Euro an den ‘Rheinpfalz’-Verleger Dieter Schaub in Helmut Kohls Geburtsstadt Ludwigshafen, die ‘Freiheit’ (später Mitteldeutsche Zeitung”, 530.000 Exemplare) in Hans-Dietrich-Genschers Geburtsstadt Halle (Saale) an den FDP-nahen Kölner Verleger Alfred Neven DuMont.”

Aanderud legt mit “30 Jahre deutsche Einheit – eine Bilanz” eine spannende Dokumentation von der friedlichen Revolution 1989 in der DDR bis in die unmittelbare Gegenwart im vereinten Deutschland vor – reich und liebevoll bebildert. Eine Bilanz allerdings zieht er nicht. Auch im letzten Teil des Buches, das sich mit dem Leben im heutigen Osten Deutschlands befasst, bewertet Aanderud nicht, sondern lässt die Fakten sprechen. Er selbst bleibt der Geschichtsschreiber. Bilanz lässt er andere ziehen, beispielsweise Wolf Biermann: ”Was Helmut Kohl damals versprach, blühende Landschaften, war eine Untertreibung. Wer sich nicht über die Friedliche Revolution und das geeinte Deutschland freuen kann, mit dem möchte ich nicht einmal übers Wetter reden.” Das letzte Wort überlässt er dem Vize-Chefredakteur von “The Pioneer” Goron Repinski, der sich zum Bau der Giga-Batteriefabrik von Elon Musk in Brandenburg äußert: “Elon Musk geht damit offiziell die drei Utopien des Unternehmertums an: die Erschließung des Weltraums, die Untertunnelung der Erde und die Wiederbelebung Brandenburgs.”

Jutta Falkner

Der Autor:
Kai-Axel Aanderud M.A., geboren 1958 in Kiel, studierte Geschichts-, Politik- und Wirtschaftswissenschaften in Kiel, Oslo und Heidelberg. Anschließend war er in den ZDF-Redaktionen Zeitgeschichte, heute und heute-journal tätig. Von 1986 bis 1988 volontierte er im 1. Jahrgang der Journalistenschule Axel Springer und erlebte als politischer Redakteur im Berliner Ullstein-Verlag Existenz und Fall der Mauer. Als Management Trainee wurde Aanderud in der Verlagsleitung der nach der “Wende” vom Axel Springer Verlag erworbenen früheren LDPD-Zeitung Der Morgen in Ost-Berlin und danach im Büro des Zeitungsvorstandes in Hamburg tätig. Nach 1995 verantwortete er als Verlagsleiter die Elektronischen Medien der Bauer Media Group. Als Unternehmensberater war er u.a. für das Studio Babelsberg in Potsdam tätig. Heute arbeitet Aanderud als Publizist und Produzent in seiner eigenen Medienagentur. Ehrenamtlich engagiert sich Aanderud als Präsident des Peer Gynt Clubs, Member of the Advisory Council von Norwegians Worldwide und Mitglied des German Norwegian Business Council.
30 Jahre Deutsche Einheit – eine Bilanz ist im September 2020 im Verlag Maximilian Verlag GmbH & Co KG erschienen.

About businessportalnorwegen

View all posts by businessportalnorwegen →

× Featured

Löschdecke für Elektroautos: Feuerwehren in Schleswig-Holstein nutzen norwegische Lösung