Parlamentarische Debatte in Norwegen um hohe Verluste von Equinor in den USA

Die Aktivitäten des norwegischen Energiekonzerns in den USA. Das Unternehmen hat in den Vereinigten Staaten in den vergangenen 20 Jahren 200 Milliarden NOK verloren. ©Equinor

Oslo, 26. Mai 2020. Tina Bru, Norwegens Ministerin für Petroleum und Energie, will dem norwegischen Parlament Storting einen Bericht über die aktuellen Entwicklungen des norwegischen Energieunternehmens Equinor in den Vereinigten Staaten vorlegen. Equinor hat im vergangenen Jahr hohe Verluste in den USA eingefahren, die zu intensiven Diskussionen über das ausländische Engagement des Konzerns, aber auch über die Aufsichtspflicht des Staates führten. Equinor gehört zu 67 Prozent dem norwegischen Staat. 

“Die Aktivitäten von Equinor in den USA haben viel negative Aufmerksamkeit erhalten. Ich habe bereits Fragen aus dem Storting zu dieser Angelegenheit beantwortet, und es ist verständlich, dass dieser Angelegenheit erhebliche politische Aufmerksamkeit geschenkt wird. Ich habe mich daher entschlossen, das Storting zu bitten, eine mündliche Erklärung abgeben zu dürfen”, sagt Bru. Darin will sie über verschiedene Aspekte der Geschäftstätigkeit von Equinor in den USA und die Besitzpraxis des Ministeriums für Erdöl und Energie informieren.

Die Tageszeitung Dagens Næringsliv hatte vor einigen Tagen darüber berichtet,  dass das Unternehmen in den USA in den letzten 20 Jahren durch Investitionen 200 Milliarden NOK verloren hat.

Bru beantwortete in der vergangenen Woche vor dem Parlament Fragen zu den hohen Verlusten. 

Der Abgeordnete Lars Haltbrekken von der Sozialistischen Linkspartei (Sosialistisk Venstreparti SV) sprach die Ministerin auf riesige Sponsorengelder für Truthähne und teure Autos für das Management an. Die Verluste des Konzerns in Höhe 218 Milliarden NOK würden dem Ausbau des größten Infrastrukturprojektes Norwegens im Straßenbau entsprechen, dem Bau einer fährenfreien Autobahn E39 entlang der norwegischen Küste. 

Haltbrekken wollte wissen, ob die bei Equinor aufgedeckten Probleme ein rein amerikanisches Problem seien oder ob diese Unternehmenskultur auch in anderen Ländern von Equinor praktiziert werde. Außerdem fragte er danach, wie sichergestellt wird, dass dies nicht noch einmal passiert.

“Was in den Vereinigten Staaten mit den großen Verlusten passiert ist, war kein gutes Geschäft. Die andere Seite dieses Falls ist, dass eine schlechte interne Kontrolle aufgedeckt wurde, eine Unternehmenskultur, von der wir in keiner Weise glauben, dass sie ein Unternehmen in norwegischem Besitz praktizieren sollte”, sagte Bru.

Dem Ministerium sei nicht bekannt gewesen, dass es in den Vereinigten Staaten Herausforderungen hinsichtlich der internen Kontrolle und der Unternehmenskultur gab. Equinor haben bei einem Eigentümergespräch mit der Ministerin beteuert, dass es in anderen Ländern keine solchen Probleme gebe. Bru betonte, dass diese in den USA praktizierte unorthodoxe Art, Geschäfte zu machen, nicht in einem großen staatlichen, halbprivaten Unternehmen wie Equinor akzeptiert werden könne.

Bru verteidigte die Eigentümerstruktur von Equinor. Es sei gut, ein führendes Technologie- und Energieunternehmen mit Hauptsitz in Norwegen zu unterhalten, das eine höchstmögliche Rendite bringt. Erst im vergangenen Jahr habe der Staat Dividenden und Steuern in Höhe von 90 Milliarden NOK von Equinor erhalten. Für Norwegen sei dies gleichmäßig ein gutes Geschäft.

Eine weitere Frage zielte darauf ab, ob der Staat stärker in das Geschäft von Equinor eingreifen wolle, um das Unternehmen noch mehr zu einem erneuerbaren Motor zu machen, das heißt über das hinaus, was das Unternehmen selbst heute bereits umsetzt.

Einer direkten Einmischung in die Geschäfte lehnt Bru ab. Wo man investieren sollte, liege in der Kompetenz des Unternehmens und nicht in der Politik, sagte die Ministerin. Sie vertraue darauf, dass das Unternehmen auch in Zukunft kluge Entscheidungen treffen werde.

Sie stellte auch richtig, dass die hohen Verluste hauptsächlich vom Rückgang der Ölpreise verursacht wurden. Dies sei auf Investitionen zurückzuführen, die zwischen 2007 und 2011 getätigt wurden, einer Zeit sehr hoher Ölpreise. Dann seien die Buchwerte dieser Vermögenswerte nach dem Rückgang der Ölpreise gefallen, und erhebliche Abschreibungen seien vorgenommen worden. 

Equinor ist seit 1987 auf dem amerikanischen Markt tätig. Die USA stellen einen Kernbereich der Geschäftstätigkeit dar. Hier realisiert das Unternehmen die größte internationale Produktion außerhalb Norwegens. Equinor ist der fünftgrößte Öl- und Gasproduzent im US-Golf von Mexiko. Außerdem verfügt das Unternehmen über eine starke Position im Bereich Windenergie.

Equinor will sein Geschäft in den USA künftig als separates operatives Segment innerhalb von Exploration and Production International ausweisen. Damit soll Equinor für das Geschäft in den USA die gleichen Finanzinformationen wie für die Berichtssegmente in Norwegen liefern. Auf der Hauptversammlung des Unternehmens am 14. Mai erklärte CEO Eldar Sætre, dass Equinor ab dem zweiten Quartal 2020 die Ergebnisse der Rechnungslegung, das bereinigte Ergebnis vor und nach Steuern, Investitionen, etwaige Abschreibungen und Wertaufholungen sowie die Entwicklung des Anlagevermögens aus dem US-Geschäft melden wird. Equinor werde auch die Angemessenheit einer möglichen Etablierung der Vereinigten Staaten als vollständig unabhängiges Berichtssegment genauer prüfen.

Im Zuge der Verluste ist in Norwegen eine Diskussion um die Rolle des Staates als Eigentümer entbrannt. Der Staat ist mehrheitlich im Besitz von über 70 Unternehmen.

Lesen Sie hier mehr über staatliches Eigentum in Norwegen.

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