Strategische Partnerschaft nutzt deutschen und norwegischen Unternehmen

Interview mit Michael Kern, Geschäftsführer der AHK Norwegen

Michael Kern, Geschäftsführer der AHK Norwegen©AHK Norwegen

Deutschland war im vergangenen Jahr Norwegens zweitwichtigster Handelspartner. Vor allem die deutschen Exporte nach Norwegen entwickelten sich dynamisch. Eine enge Zusammenarbeit besteht im Energiebereich. BusinessPortal Norwegen sprach mit Michael Kern, Geschäftsführer der AHK Norwegen, über den Stand und die Perspektiven der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Norwegen. 

Herr Kern, die deutschen Lieferungen nach Norwegen legten im vergangenen Jahr um 5,6 Prozent zu. Worauf ist dieses Wachstum zurückzuführen?

2019 hat Norwegen einige Großprojekte in Angriff genommen und hohe Bruttoanlageinvestitionen realisiert. Das hat sich positiv auf die deutschen Lieferungen ausgewirkt.

Der Zuwachs wurde vor allem mit der Festlandindustrie erreicht, also der Wirtschaft außerhalb der Öl- und Gasindustrie. Das Öl- und Gasgeschäft ist volatil, insofern bilden enge Beziehungen zur Festlandindustrie eine gute Basis, damit der Handel weiter floriert. 

Wird es in diesem Tempo weitergehen?

Mit dem Wachstumstempo der Bruttoanlageinvestitionen von immerhin sechs Prozent wie im Vorjahr ist in den nächsten Jahren eher nicht zu rechnen. Aber ein Wachstum wird es auf alle Fälle geben. Allein die Vorhaben zum Bau von schwimmenden Windkraftanlagen erfordern umfangreiche Investitionen.

Die deutsche Industrie, vor allem der deutsche Mittelstand, wird daran in hohem Maße teilhaben können, weil benötigte Produkte für solche großen Vorhaben, vor allem Maschinen und Anlagen, nicht durch eine eigene Produktion in Norwegen abdeckt werden. Wenn in Norwegen ambitionierte Projekte in Angriff genommen werden, besteht in der Regel die Notwendigkeit, ausländische Unternehmen einzubeziehen. 

Können Sie Beispiele nennen?

Im Transportplan der norwegischen Regierung sind hohe Investitionen für den Ausbau der Infrastruktur vorgesehen. Das bietet gute Chancen für deutsche Unternehmen. Meist stehen die Deutschen nicht in der ersten Reihe, sondern kommen als Zulieferer zum Zuge. Ich erinnere nur an den Großauftrag von Siemens zur Digitalisierung der norwegischen Eisenbahn. Beim Brücken- oder Tunnelbau sind deutsche Ingenieurbüros gefragte Partner.

In der anderen Richtung, also bei norwegischen Lieferungen nach Deutschland, dominieren nach wie vor die Gaslieferungen. Was passiert außerhalb der Öl- und Gasindustrie?

Das Interesse norwegischer Unternehmen an Deutschland ist stark gewachsen. Das spiegelt sich nicht unbedingt in Zahlen wider, betrifft aber wichtige Wirtschaftssektoren. Immer mehr norwegische Start-ups und Fintech-Unternehmen sind mit deutschen Unternehmen im Geschäft. Große Unternehmen wie Tomra Systems, Equinor, Norsk Hydro oder Statkraft, die bereits seit vielen Jahren in Deutschland tätig sind, weiten ihr Engagement aus. 

Aber auch kleine und mittelständische Unternehmen schauen sich an, welche Geschäftsmöglichkeiten es in Deutschland gibt. Norwegen bemüht sich sehr darum, seine Exportindustrie zu stärken. Das spüren wir an dem zunehmenden Interesse an Messeteilnahmen in Deutschland. 

Vorausgesetzt, dass es keine weiteren Verwerfungen in der Welt gibt, sehen wir eine erfreuliche Basis für den weiteren Ausbau der deutsch-norwegischen Handelsbeziehungen.

Wie sieht es bei den Direktinvestitionen aus?

Deutsche Direktinvestitionen sind im Vergleich zum Handel unterrepräsentiert. Einige deutsche Unternehmen, die schon viele Jahre hierzulande aktiv sind, haben in der Vergangenheit große Investitionen getätigt und stecken auch weiterhin Kapital in ihre norwegischen Tochterunternehmen. Aktuell sehen wir aber größere Übernahmen oder Beteiligungen nur bei Windparkprojekten.

Norwegen und Deutschland bezeichnen sich gegenseitig als strategische Partner. Worauf basiert diese Partnerschaft?

Diese strategische Zusammenarbeit basiert auf gemeinsamen Werten und auf Verlässlichkeit. Norwegen ist für Deutschland ein absolut verlässlicher Partner. Welch hohen Stellenwert die Zusammenarbeit mit Deutschland für Norwegen hat, zeigt sich darin, dass die norwegische Regierung im vergangenen Jahr ihre Deutschlandstrategie aktualisiert hat, in der die Felder der Zusammenarbeit klar definiert und mit verschiedenen Maßnahmen unterlegt sind. Es gibt eigentlich kaum einen Bereich, in dem Deutschland und Norwegen keine gemeinsamen Ziele verfolgen und Vorhaben realisieren – angefangen von der Zusammenarbeit in humanitären Fragen, der Energie-, Klima- und Umweltpolitik, der Aus- und Weiterbildung, der Verteidigung, der Gesundheitswirtschaft und vieles mehr. Noch in diesem Jahr wird das Stromkabel „NordLink“, das Deutschland und Norwegen verbindet, seinen Testbetrieb aufnehmen. Die Vereinbarung über den möglichen Kauf von U-Booten wird beide Länder noch enger zusammenbringen. 

Am 6. März wird übrigens die norwegische Außenministerin Ine Marie Eriksen Søreide auf unserer Mitgliederversammlung in Oslo über die Umsetzung der Deutschlandstrategie sprechen. 

Wie profitiert die Wirtschaft von der engen Zusammenarbeit der beiden Länder auf politischer Ebene?

In jedem dieser Kooperationsfelder ist die Wirtschaft involviert. Vor allem in den Bereichen Klima, Energie und Umwelt können beide Länder in hohem Maße voneinander profitieren. 

Norwegen hat ambitionierte Ziele zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes und zur Elektrifizierung der Gesellschaft. Deutsche Unternehmen und Institute verfügen über zahlreiche Technologien, die helfen können, die grünen Transformation und die Unabhängigkeit von der Öl- und Gasindustrie voranzubringen.

Norwegen hat einen großen Wissensvorsprung im maritimen Bereich und bietet Know-how und Technologien, die auch in Branchen außerhalb der Offshore-Industrie in Deutschland genutzt werden können. 

Ein großes Thema ist die Abscheidung und Lagerung von Kohlendioxid, kurz CCS genannt. HeidelbergCement ist bereits an einem Demonstrationsprojekt beteiligt. 

Die Vereinbarung über den möglichen Kauf von U-Booten sowie weiterer Systeme sieht die Lieferung sowohl von deutschen als auch von norwegischen Unternehmen in großem Umfang vor. Sie umfasst auch die Wartung der U-Boote in Norwegen, was entsprechende Investitionen voraussetzt und damit wiederum Chancen für deutsche Zulieferer bietet. 

Insgesamt bieten die Themen, die beide Länder für vorrangig halten, in den nächsten Jahren eine Menge Potenzial für die Zusammenarbeit. 

Wo liegen die Schwerpunkte der AHK Norwegen in den nächsten Jahren?

Wir werden uns weiterhin verstärkt mit der maritimen Industrie und der Meereswirtschaft befassen und das Thema angesichts der Möglichkeiten und Herausforderungen, die der Technologietransfer im Offshore-Bereich bietet, weiter ausbauen. Unser Schwerpunktthema für die nächsten zwei Jahre wird „Ocean Technology” sein. Darüber hinaus unterstützen wir Unternehmen insbesondere in den Bereichen Umwelt- und Energiewirtschaft, Digitalisierung, Infrastruktur und Gesundheitswirtschaft.

Wir wird das untermauert?

Wir informieren unsere Mitgliedsunternehmen über Geschäftsmöglichkeiten in den einzelnen Branchen und beraten und unterstützen sie auch direkt auf der Suche nach Geschäftspartnern in Deutschland und Norwegen.

Um nur einige Beispiele zu nennen: Wir werden uns am European Industry Forum on Decarbonization beteiligen, das am 12. März im Næringslivets Hus in Oslo stattfindet. Dies ist eine gute Gelegenheit, um die bilaterale Zusammenarbeit in den Bereichen CCS und Wasserstoff weiter voranzubringen. Außerdem setzen wir den Deutsch-Norwegischen Energiedialog 2020 am 29. April fort, und wir planen und betreuen im September den deutschen Pavillon auf der internationalen Energiemesse ONS in Stavanger. 

Über alle Branchen hinweg haben wir das Thema der Aus- und Weiterbildung im Fokus. Konkret geben wir Erfahrungen unserer Mitglieder und Kunden weiter, unter anderem des Technologieunternehmens Freudenberg SE. Im zweiten Halbjahr wird es mehrere Veranstaltungen und Delegationsreisen zum Thema Gesundheitswirtschaft geben.

Wir wollen auch stärker als bisher in den Regionen tätig sein, speziell in Bergen oder Ålesund, wo es maritime Zentren gibt. 

In jüngster Zeit verstärken sich die Proteste der Umweltbewegung in Norwegen. Das haben auch deutsche Investoren im Bereich Windenergie erfahren. Die Öl- und Gasförderung steht stark in der Kritik. Zwei Verbände klagten gegen die Vergabe von Lizenzen in der Barentssee. Wie wirkt sich das auf das Verhalten deutscher Unternehmen aus?

Natürlich besteht eine Diskrepanz: Die Windräder stehen in der norwegischen Landschaft, der Strom wird teilweise exportiert. Einerseits produziert das Land Strom ausschließlich aus erneuerbaren Energien, andererseits exportiert es in großem Umfang fossile Rohstoffe, die dann im Ausland einen großen CO2-Ausstoß verursachen. Aus diesen Widersprüchen ergibt sich eine besondere Verantwortung, die Norwegen für den Klimaschutz weltweit übernehmen muss. Das ist allen klar. Die jüngsten Initiativen der Öl- und Gasförderer, allen voran Equinor, die CO2-Emissionen bei der Förderung stark zu reduzieren und schließlich auf null zu setzen, zeigen, dass sich die Unternehmen dieser Verantwortung bewusst sind.

Bei den Protesten gegen den Bau von Windparks gab es keine rechtlichen Probleme. Aber die Initiativen verzögerten das Projekt, was zu zusätzlichen Kosten führte. 

Dass auch in der norwegischen Gesellschaft Fragen des Klimawandels und des Umweltschutzes konträr diskutiert werden, ist nur zu verständlich. Ich denke, deutsche Unternehmen haben hier keine Befürchtungen. 

Worauf müssen deutsche Firmen achten, die sich in Norwegen engagieren wollen?

Deutschen Unternehmen muss klar sein, dass Norwegen kein Mitglied der EU ist. Das Land ist eng an die EU angebunden und gehört über den Europäischen Wirtschaftsraum zum EU-Binnenmarkt. Aber es gibt eine Reihe von Besonderheiten, vor allem bei den Gesundheits- oder Sicherheitsanforderungen im Baubereich und bei der Registrierung von Unternehmen oder Mitarbeitern.  

Auch die Tatsache, dass die Behörden in Sachen Digitalisierung sehr viel weiter sind, stellt so manches deutsche Unternehmen vor Herausforderungen. Termine mit Ämtern werden grundsächlich online vereinbart. Man muss sich also rechtzeitig kümmern. Wir stehen den Unternehmen bei all diesen Fragen mit der geballten Kompetenz unserer Mitarbeiter gern zur Seite. 

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jutta Falkner.

Zur Person:

Michael Kern ist seit 1. Juni 2019 Geschäftsführer der AHK Norwegen. Er war in den vergangenen 20 Jahren bereits als AHK-Geschäftsführer an verschiedenen Standorten, vorrangig in Ost- und Mitteleuropa, tätig. Bevor er zur AHK Norwegen wechselte, stand er neun Jahre lang an der Spitze der AHK in Polen. Davor arbeitete er als Geschäftsführer der AHK Slowakei und Tschechien. In das Netzwerk der deutschen Auslandshandelskammern trat Michael Kern als Praktikant der Deutsch-Norwegischen Handelskammer in Oslo.


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