Norwegen unter der Lupe

Diskussionsveranstaltung der Fachhochschule (FH) Bielefeld und des Arbeitgeberverbandes (AGV) Herford

Die Podiumsteilnehmer(v.l.): Prof. Lothar Budde, Tobias F. Svenningsen, Christoph von Marschall und Oliver Flaßkämper im Forum des MARTa Museums in Herford.©Anja Heidsiek

Herford, 23. Mai 2019. „Norwegen – ein faszinierendes Land setzt Maßstäbe für Europa“, lautete das Thema der vierten Veranstaltung der Reihe „Durch die Lupe betrachtet…“, zu der der Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik (IuM) der Fachhochschule (FH) Bielefeld und der Arbeitgeberverband (AGV) Herford am 23. Mai in das Museum für Kunst, Architektur und Design MARTa Herford eingeladen hatten. Christoph von Marschall, Diplomatischer Korrespondent der Chefredaktion „Der Tagesspiegel“, und Tobias F. Svenningsen, Gesandter der Königlich Norwegischen Botschaft, gaben den Auftakt zur Diskussion mit den Gäste aus Hochschule und Unternehmen mit ihrem Gespräch zu den Unterschieden und Gemeinsamkeiten beider Länder.

Von Marschall, der gleichzeitig als Moderator fungierte, formulierte das Veranstaltungsziel: „Wir möchten Norwegen näher kennenlernen!“. Seine Eingangsfrage an den Gesandten Svenningsen: „Wie funktioniert das? Norwegen, ein Land, das durch seine progressive und auf Zukunftstechnologien ausgerichtete Wirtschaftspolitik Maßstäbe für Europa setzt und dabei selbst kein Mitglied der EU ist? Wie genau gelingt dieser Spagat, was läuft anders – vielleicht besser – und könnte einiges davon auch ein beispielhafter Impuls für Deutschland sein?“

„Norwegen ist ein kleines Land. Es ist ein kurzer Weg von der Idee zur Umsetzung. Norwegen ist ein Land mit großer Änderungsbereitschaft. Ein Land der Umstellung. Man überlebt in der globalisierten Welt nur, wenn man sich anpasst, beziehungsweise zu Veränderungen bereit ist. Unser Motto lautet keinesfalls Norwegen zuerst! Wir sind offen, leben vom Export und Multilateralismus, das ist unsere Existenzgrundlage“, so Svenningsen, der seit einigen Jahren in Berlin lebt und damit den Vergleich zu Deutschland anstellen kann.

Mobilität, speziell E-Mobilität, ist ein großes Thema im Fachbereich IuM und damit auch für den Dekan Prof. Dr. Lothar Budde, der als Vertreter der Hochschul- und Wissenschaftslandschaft auf dem Podium im MARTa saß. Er wollte von seinem norwegischen Gegenüber wissen: „Die aus Deutschland stammenden Elektroautos der Marke Golf und BMW sind in Norwegen die meistverkauften überhaupt. Haben Sie eine Erklärung für diesen Erfolg, insbesondere vor dem Hintergrund, dass wir in Deutschland gerade mal einen Anteil von zwei Prozent Elektroautos an den Neuzulassungen verzeichnen können?“

„In Norwegen ist Energie von Anfang an erneuerbar, so dass die Energiewende dort kein Thema ist. Seit 100 Jahren gewinnen und nutzen wir Energie aus Wasserkraft. Es gibt einen Überschuss an Energie, nicht nur deshalb sind die Norweger große Exporteure. Wir könnten ohne Probleme den gesamten Verkehrssektor elektrifizieren. Darüber hinaus macht die Tatsache, dass Norwegen keine eigene Autoindustrie hat, manches leichter. Wir bieten bei der Anschaffung eines Autos mit Elektromotor mitunter so immense Steuervorteile, dass mittlerweile jeder zweite, der ein neues Auto kauft, sich für ein E-Auto entscheidet“, bringt es Svenningsen auf den Punkt.

Oliver Flaßkämper, Gründer der Priority AG, Aktionär und Vorstandsmitglied des AGV, machte als vierter Podiumsteilnehmer die Runde komplett. Ihn interessierten vor allem die Gründe für die Zufriedenheit der norwegischen Bevölkerung. In dem aktuellen „World Happiness Report“ stünde Norwegen auf Platz 3, während Deutschland sich in Sachen Gesamtzufriedenheit auf Platz 17 befände. „Liegt das Geheimnis unter anderem an dem weltgrößten Staatsfonds und der damit verbundenen wirtschaftlichen Freiheit sowie dem Verantwortungsgefühl des Staats gegenüber der Bevölkerung?“, möchte Flaßkämper wissen.

V.l.: Prof. Rolf Naumann (Prodekan des Fachbereichs IuM an der FH Bielefeld) , Judith Peltz (Leiterin des International Offices der FH Bielefeld), Tobias F. Svenningsen (Gesandter der Königlich Norwegischen Botschaft), Maximiliane Scheidt, Geschäftführerin der Herforder Elektomotoren-Werke GmbH & Co.KG, Jan Ottensmeyer, Geschäftsführer der AGOFORM GmbH, Wolfram Jacob (Geschäftsführer AGV Herford), Oliver Flaßkämper, (Gründer der Priority AG, Aktionär und Vorstandsmitglied AGV), Christoph von Marschall, (Diplomatischer Korrespondent der Chefredaktion „Der Tagesspiegel“) und Prof. Lothar Budde (Dekan des Fachbereichs IuM an der FH Bielefeld).©Anja Heidsiek

„Ich habe diesbezüglich einige vielleicht ursächliche und grundsätzliche Mentalitätsunterschiede ausmachen können. Ein Beispiel ist, dass die Natur Norwegens und deren Schätze allen gehören. Deshalb gehen auch 90 Prozent der Öl- und Gaseinnahmen in den norwegischen Staatsfond. Erwirbt man ein Stück Land, so gehört einem zwar das Land, aber nicht die Naturschätze, die es mit sich bringt. Kauft man ein Haus am See, können alle den Zugangssteg zum Wasser nutzen. All das führt zu Vertrauen in den Staat, das wiederum nimmt Zukunftsängste und führt vermutlich zu höherer Zufriedenheit.“, folgert Svenningsen. Darüber hinaus seien die Norweger weniger ängstlich. Sie zahlen bereitwillig höhere Steuern in der Überzeugung, dass sie etwas vom Staat zurückbekommen. Es würden viel mehr Daten miteinander geteilt. Das Gefühl eines Big-Brother Staates gibt es nicht. So könnte man bei Interesse auch einsehen, was der Nachbar verdient oder an Steuern abführt. “In Deutschland undenkbar“, so Svenningsen weiter. Auch aus diesem Grund sei der flächendeckende Einzug der Digitalisierung leicht gewesen. Die Bargeldquote läge mittlerweile bei unter 20 Prozent.

Im weiteren Verlauf der Gespräche kristallisierte sich heraus, dass auch die starken Traditionen sowie die Einführung eines Ethikrates in den erfragten Zusammenhängen eine große Rolle spielen. „Norwegen versteht sich als Land des Friedens und der Menschenrechte. Wir investieren ausschließlich in nachhaltige und moralisch vertretbare Projekte. Um dies bewerten und beurteilen zu können, wurde der Ethikrat ins Leben gerufen. Unter anderem sitzen auch Philosophen in diesem Gremium. Das Finanzministerium folgt den Empfehlungen des Rates. In Tabak, Waffen oder Kohle wird beispielsweise nicht investiert“, fasst Svenningsen zusammen.

In der Abschlussrunde zeigte sich IuM-Dekan Prof. Budde begeistert von der Beweglichkeit und der Offenheit des Landes und schlug den Bogen zum Hochschulsystem. Das Interesse an Hochschulkooperationen mit Norwegen sei sehr groß. Zur Unterstützung hatte er Judith Peltz, Leiterin des International Offices an der FH Bielefeld und Expertin im Bereich des länderübergreifenden Austausches, zu einem Statement eingeladen: „Die FH Bielefeld pflegt bereits seit Jahrzehnten die Kooperation mit einer Hochschule an der Westküste Norwegens. Allerdings sind die von norwegischer Seite zur Verfügung gestellten Austauschplätze rar gesät und der Andrang der Studierenden groß. Norwegen nimmt am Erasmus-Programm teil und damit sind auch die Bachelor- und Masterprogramme kompatibel. 60 Prozent der Studierenden sind weiblich. Mit Bewunderung schauen wir auch auf das Zentralregister aller norwegischen Hochschulen. Das Bewerbungsverfahren wird dadurch ungemein erleichtert. Darüber hinaus werden zahlreiche englischsprachige Studiengänge angeboten, ganz zur Begeisterung unserer Studierenden“, berichtete Peltz.

Diese Angaben fanden prompt Bestätigung aus dem Plenum: „Herr Svenningsen, wie sehen unsere Chancen auf dem norwegischen Arbeitsmarkt aus?“, möchten einige der im Publikum sitzenden Studierenden der FH Bielefeld wissen.  „Deutsche Zuwanderer sind bei uns seit jeher gefragt und willkommen“, so die Antwort des Gesandten der norwegischen Botschaft. Diese positive Antwort nutzte Moderator und Podiumsteilnehmer von Marschall: „Unser für heute formuliertes Ziel war es, Norwegen besser kennen und verstehen zu lernen…“, mit Blick auf ein bejahendes Publikum resultierte er: „…und das ist uns gelungen!“.
Tanja Hage

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