Blick in die Zukunft der Energiebranche

Diskussionsrunde zur Rolle von Erdgas im Energie-Transformationsprozess@Norwegische Botschaft
Diskussionsrunde zur Rolle von Erdgas im Energie-Transformationsprozess©Norwegische Botschaft

Berlin, 12. Oktober 2017. Welche Energiequellen haben welchen Anteil am Energiemix der Zukunft? Welche Rolle spielt Erdgas in der Energiewende?  Welche Stolpersteine sind auf dem Weg zur Umsetzung des Pariser Klimaabkommens zu erwarten? Wann haben Elektroautos welche Anteil bei den Neuzulassungen? Wie wirkt sich die Digitalisierung auf die Entwicklung der Energiemärkte aus?

Zum 21. Deutsch-Norwegischen Energieforum am 12. Oktober in der Königlich Norwegischen Botschaft in Berlin wurde weit in die Zukunft geschaut. Über einhundert deutsche und norwegische Vertreter aus Unternehmen und Einrichtungen verfolgten eine auch kontrovers geführte Diskussion um die Frage: Was beeinflusst den Energiesektor von morgen?

Auf Deutschland bezogen dürften dies ganz aktuell die bevorstehenden Koalitionsgespräche sein, stellte Norwegens Botschafter Petter Ølberg in seiner Begrüßungsrede fest. Während in Norwegen im Zuge der Regierungsbildung keine Veränderungen bezüglich der Klimaziele erwartet werden, sei das Ergebnis in Deutschland wenig voraussehbar. Ølberg bot an, dass Norwegen bei einigen Problemen, die in Deutschland im Zusammenhang mit der Energiewende, der Elektromobilität oder dem Aufbau der Energie-Infrastruktur von Nord nach Süd gelöst werden müssten, Teil der Lösung sein könne. Norwegen bleibe ein verlässlicher Gaslieferant, so der Botschafter. Gegenwärtig seien gerade ein Drittel der Öl- und Gasreserven in Norwegen bereits gehoben. Das Land sei in der Lage, sehr viel mehr Energie abzugeben als bisher. Mit der Inbetriebnahme des Stromkabels NordLink und des Windparks Arkona vor der Küste der Insel Rügen, an dem sich der norwegische Energiekonzern Statoil beteiligt, würde die Bedeutung der erneuerbaren Energien in der norwegisch-deutschen Partnerschaft weiter wachsen.

Nachfrage nach Erdgas wird wachsen
Erdgas wird im Energiemix der Zukunft noch lange Zeit, auf alle Fälle bis Mitte 2030, eine bedeutende Rolle spielen. Das berechnete der World Energy Council in allen drei Szenarien des “Global Outlook of Natural Gas 2016“, den Carsten Roller, Executive Director des Weltenergierates, Deutschland, vorstellte. Der Verbrauch von Erdgas wird danach bis 2040 vor allem in China und im Mittleren Osten wachsen. Für die Europäische Union wird der Import von Flüssiggas (LNG) immer wichtiger. 2040 werden nur noch 47 Prozent des weltweit verbrauchten Erdgases durch Pipelines fließen, LNG wird 53 Prozent der Nachfrage nach Erdgas bedienen.

Eine wachsende LNG-Produktion erwartet der World Energy Council vor allem in Australien und in den USA. Die Produktion in Katar bleibt nach Angaben des World Energy Council bis 2035 stabil.

Die zunehmende Bedeutung von Erdgas konnte Frode Leversund, CEO des norwegischen Erdgas-Operators Gassco, mit konkreten Zahlen belegen. 2015 und 2016 hatte das Unternehmen jeweils einen Exportrekord zu verzeichnen. Auch für dieses Jahr rechnet Gassco mit einem weiteren Rekord bei den Erdgaslieferungen nach Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Belgien. 2040 werde die Nachfrage nach norwegischem Erdgas zwei- bis viermal größer sein als heute, sagte Leversund. Es sei für Norwegen kein Problem, diese Nachfrage zu bedienen, denn bisher seien zwei Drittel der Reserven noch nicht gefördert. Darüber hinaus sei die durchschnittliche Produktionszeit der Felder dank neuer technologischer Entwicklungen um zwölf Jahre gestiegen. Die Erdgasproduktion in Norwegen sei eine großartige Technologiestory, so der Gassco-Chef.

In einer Diskussionsrunde zur Bedeutung von Erdgas in der Energiewende waren sich alle Teilnehmer einig, dass Erdgas eine wichtige Rolle im Energiemix spielen müsse. Olav Skalmeraas, Vizepräsident und Leiter der Berliner Repräsentanz von Statoil, zeigte sich überzeugt, dass es keine Reduzierung von Treibhausgasen ohne die Ablösung von Kohle durch Erdgas geben werde. Es seien noch viele Möglichkeiten vorhanden, die Effizienz von Erdgas zu erhöhen. Der Leiter des Bereiches Corporate Communications der DEA Deutsche Erdoel AG, Uwe-Stephan Lagies, forderte die Erdgasunternehmen auf, offener zu kommunizieren, dass Erdgas die Brücke für den Übergang zu einer Welt ohne fossile Brennstoffe sein muss. Aufgabe der Branche sei es zu zeigen, dass die Infrastruktur für die weitere Versorgung mit Erdgas vorhanden sei.

Kontrovers diskutierten die Energieexperten die Perspektive der Umwandlung von Erdgas in Wasserstoff. Gassco-Chef Leversund sieht diese Technologie eher skeptisch. Der größte Markt für Erdgas sei mit 50 Prozent der Heizungsmarkt. Eine Umstellung auf Hydrogen würde hohe Investitionen in die Ausrüstungen erfordern, zu denen die Kunden wahrscheinlich nicht bereit wären.

Elektro-Mobilität bestimmt die Zukunft

Auch die Zukunftsaussichten der Elektromobilität schätzen die Referenten der Konferenz unterschiedlich ein. Dr. Andreas Schröter, Vizepräsident der DNV GL, eines der weltweit führenden Zertifizierungsunternehmen, prognostizierte ein massives Wachstum der Elektroautos. Der Technolgy-Outlook 2025 des Unternehmens, der alle fünf Jahre erscheint, sieht für Europa den Anteil von Elektroautos an den neu zugelassenen Fahrzeugen bereits 2050 bei 50 Prozent, in den USA wird dieser Anteil 2030 realisiert und weltweit 2035. Die Batteriekosten gehen nach dieser Quelle in den kommenden Jahren extrem nach unten. Dr.-Ing. Tore Lied Tönnesen, Manager Innovations der BMW Group, hält diese Anteil für zu hoch. In der EU werde dieser Anteil eventuell 2030 erreicht. Auch könne von einer Reduzierung der Batteriekosten nicht die Rede sein. Ohnehin seien dies aber nicht die Fragen, die BMW bezüglich künftiger Entwicklungen umtreibe. Die große Frage sei: Werden in Zukunft überhaupt noch Autos gekauft oder dominiert die Share Economy das Verhalten der nächsten Generation? Nach Tönnesens Meinung gebe es keinen Zweifel daran, dass die Autos zunehmend elektrisch betrieben und auch mit Strom aus erneuerbaren Energien betankt werden, aber auch andere Entwicklungen wie die weitere Reduzierung des Benzin- oder Diesel-Verbrauches müssten bei der Planung berücksichtigt werden. Der unterschiedliche Grad der E-Auto-Durchdringung in den verschiedenen Ländern habe auch mit der unterschiedlichen Lebensweise der Menschen zu tun. In den USA zum Beispiel leben 52 Prozent der Bewohner in Häusern, in der EU 28 Prozent, in China aber nur zehn Prozent.

Für Vidar Myrer, Commercial Manager Energy des norwegischen Unternehmens eRate AS, ist die E-Mobilität als Teil der Digitalisierung von Interesse. Die heutige Entwicklung müsse vom Kunden aus betrachtet werden. Der Trend gehe dahin, Pakete für den Haushalt zu schnüren. Bot das Unternehmen anfangs digitale Abrechnungslösungen von E-Mobilität an, so kämen heute immer mehr Bereiche hinzu: TV, Telekommunikation, Versicherungen, Mautabrechnung, Parken und vieles mehr.

Die eigentliche Herausforderung der Transformation hin zu einer CO2-freien Zukunft der Energieträger bestehe im Management der multi-dimensionalen strukturellen Veränderung, sagte Dr. Felix Christian Matthes vom Öko-Institut e.V.. Die Technologien seien vorhanden, die Kosten könne sich die Gesellschaft leisten. Auch Matthes stellte verschiedene Entwicklungsszenarien im Bereich Energie unter Berücksichtigung der verschiedenen Unsicherheiten vor.

Vom Versorgungs- zum IT-Unternehmen
Über Geschäftsmöglichkeiten norwegischer Versorgungsunternehmen im europäischen Markt sprach Harald von Heyden, Direktor Zentral- und Westeuropa des norwegischen Unternehmens Agder Energi. Norwegen verfügt heute über 37 Prozent der europäischen Wasserreserven. Mit Kabeln durch die Nordsee sollen künftig Deutschland, Großbritannien, die Niederlande und Dänemark mit Strom aus Norwegen versorgt werden. Der Gesamtexport wird ab 2020 jährlich 16 TWh betragen. Agder Energi betreibt heute 48 Wasserkraftwerke. Herausforderungen für Versorger seien die Netzstabilität, die Durchlässigkeit der Netze und die Volatilität der Märkte. Smarte Netze und intelligente Märkte seien die Lösung, Flexibilität sei der Schlüssel. Als erfahrenes Versorgungsunternehmen könne Agder Energi Deutschland bei der Energiewende unterstützen.

Das norwegische Unternehmen Nord Pool beschäftigt sich mit der Integration der Strommärkte in Europa und operiert heute in 15 europäischen Märkten. Wie Pietro Rabassi, Director Central European Marktes, sagte, habe sein Unternehmen 1996 den weltweit ersten internationalen Strommarkt zwischen Norwegen und Schweden etabliert. Inzwischen haben sich weitere Länder, unter anderem Deutschland, angeschlossen. Im kommenden Jahr soll die Initiative „Cross Border Intraday“, XBID-Projekt, gestartet werden, eine gemeinsame Initiative zur Schaffung eines integrierten grenzüberschreitenden Intraday-Binnenmarktes.

Der norwegische Aluminiumhersteller Norsk Hydro hat ambitionierte Klima-Ziele. Bis 2020 soll der Lebenszyklus der Produkte emissionsfrei ablaufen. Schon heute ist das Unternehmen nach Google der größte Abnehmer von Windenergie. Darüber hinaus spiele das Receycling eine große Rolle, um dieses Ziel zu erreichen, erläuterte Thomas Mock, Director Public Affairs der Hydro Aluminium Rolled Products GmbH, Grevenbroich. Aluminium sei das Metall der Zukunft – eine Energiebank.

„Disrupt or be disrupted!“ – unter dieses Motto stellte Thorsten Heller, CEO des norwegischen Unternehmens greenbird Integration Technology AS, seinen Vortrag zu Fragen der Unternehmensintegration zur Unterstützung der digitalen Transformation. Versorgungsunternehmen würden sich mehr und mehr zu IT-Firmen wandeln. Der Weg verlaufe vom Operator zum Integrator, von großen Datenmengen zur schnellen Datenübertragung, vom Energiekonsumenten zum Lifestyle-Integrator, von der Versorgung zur Datensteuerung.

Insgesamt gab die Diskussion um die Energiemärkte der Zukunft einen guten Einblick, wie sich die verschiedenen Akteure auf die kommenden Veränderungen vorbereiten, welche Herausforderungen sie sehen und in welchem Maße sie die Prozesse mit gestalten.

Das Deutsch-Norwegische Energieforum wurde von der Königlich-Norwegischen Botschaft und Innovation Norway organisiert.JF

Kontakt:
Gerda Geyer, Innovation Norway
Gerda.geyer@innovationnorway.no

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