Deutsche Wirtschaft an den Themen der Zeit

Angela Merkel und Erna Solberg bei der Besichtigung der neuen Hydro-Produktionsanlage für Aluminiumbleche©Hydro
Angela Merkel und Erna Solberg bei der Besichtigung der neuen Hydro-Produktionsanlage für Aluminiumbleche©Hydro

Deutschland ist für Norwegen hinter Großbritannien der zweitgrößte Absatzmarkt, etwa gleichauf mit Schweden. Für Deutschland hat Norwegen vor allem als zweitgrößter Gaslieferant hinter Russland große Bedeutung. Aber auch die Themen der Zeit wie erneuerbare Energien, der Einsatz  emissionsfreier Kraftstoffe oder Digitalisierung in den verschiedensten Bereichen, allen voran in der Energiewirtschaft und im Schiffbau, spielen eine wichtige Rolle in den Wirtschaftsbeziehungen beider Länder.

Insgesamt verhagelte im vergangenen Jahr der niedrige Ölpreis die deutsch-norwegische Zusammenarbeit. Zwar blieben die Erdöl- und Erdgas-Lieferungen 2015 (40,7 Mio t) zu 2016 (40,5 Mio t) nahezu stabil – die Erlöse aber gingen von 12,4 Milliarden Euro auf 8,9 Milliarden Euro zurück und ließen den deutsch-norwegischen Handel um 13,2 Prozent einbrechen.

Bei den deutschen Einfuhren liegt Norwegen 2016 nur auf Platz 19, bei den Ausfuhren auf Platz 22. Die Importe aus Norwegen gingen zurück, die Exporte nach Norwegen konnten leicht zulegen.

Deutsche Einfuhren (Mrd. Euro/Veränderungen in Prozent ggü Vorjahr)
2013            18,1            -1,6
2014            17,8            -1,6
2015            16,2           – 9,1
2016           12,5          -22,9
2017, 1. Hj   7,1           20,4

Deutsche Ausfuhren (Mrd. Euro/Veränderungen in Prozent ggü Vorjahr)
2013             8,2            -3,7
2014             8,5           +3,2
2015             8,0            -5,9
2016             8,7           +8,7
2017, 1. Hj   4,5          +3,6
Quelle destatis

Lieferte Norwegen in den vergangenen Jahren fast doppelt so viel nach Deutschland wie Deutschland nach Norwegen, so änderte sich diese Relation 2016.  Das hohe Außenhandelssaldo von acht Milliarden Euro im Jahr 2015 – verursacht vor allem durch die Gaslieferungen – schrumpfte auf 3,7 Milliarden Euro. 58 Prozent aller Exporte nach Deutschland waren nach Angaben der norwegischen Statistikbehörde SSB 2015 Erdgas, 14 Prozent Erdöl oder Erdölprodukte. Die deutsche Statistik weist seit November vergangenen Jahres die Erdgaslieferungen nicht mehr als einzelne Position aus. Erdöl und Erdgas zusammen machten 2016 71,7 Prozent der Importe aus Norwegen aus.

Über den Hafen Drammen wird ein Großteil der Importe aus Deutschland abgewickelt, denn es ist der größte Hafen für den Umschlag von Kraftfahrzeugen.©Hafen Drammen
Über den Hafen Drammen wird ein Großteil der Importe aus Deutschland abgewickelt, denn es ist der größte Hafen für den Umschlag von Kraftfahrzeugen.©Hafen Drammen

Die deutschen Lieferungen bestanden 2016 nach norwegischer Statistik zu 27,2 Prozent aus Kraftfahrzeugen und Kraftfahrzeugteilen, zu 14,3 Prozent aus Maschinen und zu 12,5 Prozent aus chemischen Erzeugnissen. Die deutsche Statistik weicht hiervon leicht ab. Danach bestanden die deutschen Lieferungen 2016 zu 25,2 Prozent aus Kraftfahrzeugen und Kfz-Teilen, zu 12,6 Prozent aus Maschinen und zu 6,7 Prozent aus chemischen Erzeugnissen. Leicht zulegen konnten im vergangenen Jahr Erzeugnisse der Elektrotechnik und der Datenverarbeitung.

Außenhandel_Deutschland_Norwegen_nach Waren_2016
Außenhandel_Deutschland_Norwegen_nach Waren_2015

In der Europipe Mess-Station in Emden werden Qualität und Menge des gelieferten Gases überprüft.©Gassco
In der Europipe Mess-Station in Emden werden Qualität und Menge des gelieferten Gases überprüft.©Gassco

Mit dem hohen Anteil an Gaslieferungen kommt Norwegen in der Statistik der Länder, die die meisten Güter über den Seeweg nach Deutschland transportieren, hinter Russland auf Platz zwei. Das norwegische Gas landet im Gasterminal Emden an. Am 25. Mai vergangenen Jahres wurde hier ein neues Gasterminal, das Norsea Gas Terminals (NGT), eröffnet. 680 Millionen Euro hat das Joint Venture Gassled, an dem zehn Firmen beteiligt sind, in die Anlage investiert. Sie ersetzt das alte Gasterminal, das 1977 nach dem Ausbau des norwegischen Gasfeldes Ekofisk in Betrieb ging. Die Tageskapazität beträgt 34,1 Millionen Kubikmeter und ist somit nicht größer als in der alten Anlage. Allerdings ermöglicht sie einen effizienteren Betrieb.

Deutschland – wichtiges Zielland für Investitionen des Pensionsfonds

Norwegische Firmen investieren im Ausland etwa im gleichen Umfang  wie ausländische Investoren in  Norwegen. Größter norwegischer Investor im Ausland ist der norwegische Pensionsfond, Norge Bank Investment Management. Er verwaltet die Einnahmen aus dem Erdöl- und Erdgas-Import und ist weltweit einer der größten Investoren. Deutschland gehört zu den wichtigsten Zielländern des Fonds.

Das erste Investment tätigte der Fonds in Deutschland gemeinsam mit der AXA France Insurance Companies 2012 mit dem Kauf von zwei Immobilien in Frankfurt/Main und Berlin im Umfang von 784 Millionen Euro. Heute verfügt er über Immobilien in München, Frankfurt/Main, Berlin, Köln, Augsburg, Alzenau, Gernsheim, Neustedt und Grolsheim. Mitte Juli dieses Jahres übernahm Norges Bank Real Estate Management, eine Gesellschaft des norwegischen Staatsfonds The Government Pension Fund Global,für 450 Millionen Euro einhundert Prozent des Bürogebäudes Axel Springer Neubau in Berlin.

2016 besaß der Fonds 197 Unternehmensbeteiligungen in Deutschland im Wert von 30,7 Milliarden US-Dollar (264,7 Mrd. NOK), 16 Immobilienprojekte im Wert von etwa 724,5  Millionen US-Dollar (6,2 Mrd. NOK) und Wertpapiere im Umfang von 28,7 Mrd. US-Dollar (247,6 Mrd. NOK). Im Jahr zuvor war der Fonds noch an 205 deutschen Unternehmen beteiligt. Die Beteiligungen belaufen sich mehrheitlich zwischen 0,5 und drei Prozent der Unternehmen, die größten Anteile hielt der Fonds 2016 mit über sieben Prozent an der Vonovia SE, über sechs Prozent an der Brenntag AG und Deutsche Wohnen AG  sowie mit über vier Prozent an der Linde AG.

Norges Bank Investment Management ist mit einem Anteil von 24,5 Milliarden Euro am Dax der größte Aktionär der „Deutschland AG“ (veröffentlicht 6/2017). Sein Dax-Anteil beläuft sich nach Angaben der Beratungsgesellschaft IPREO auf respektable vier Prozent. Unter den 15 Top-Investoren des Dax, die Ende Dezember 2016 ein gutes Drittel der Dax-Aktien hielten, rangiere er mit großem Abstand vor The Vonguard (USA), Black Rock Fund Advisors (USA), der Deutschen Asset Management Investment Group, Black Rock (Deutschland), Lyxor sowie Deka-Investment. Mit Blick auf die Aufteilung der verwendeten Investmentansätze falle auf, dass langfristig orientierte Value-Anleger im Dax besonders ausgeprägt sind. Darunter befinde sich auch der norwegische Staatsfonds, der im Schnitt 2,5 Prozent jedes Dax-Emittenten verwaltet. Norges Bank sei allerdings lediglich zweitgrößter Aktionär, getoppt durch die zur Blackrock-Gruppe gehörenden deutschen ETF-Einheit, die knapp drei Prozent des Streubesitzes hält.

Neben dem Norge Bank Investment Management sind verschiedene norwegische Firmen mit Kapital engagiert. Allein in Nordrhein-Westfalen haben sich nach Angaben der Wirtschaftsförder­agentur „NRW invest“ etwa 100 norwegische Unternehmen niedergelassen. Dazu gehören zum Beispiel der Energieproduzent Statkraft Markets mit Sitz in Düsseldorf, die Softwarefirma EZ Systems in Köln, die SuperOffice GmbH in Dortmund oder der Kfz-Zulieferer Kongsberg Automotive in Heiligenhaus. Der Mutterkonzern von Statkraft Markets in Düsseldorf ist Europas größter Erzeuger erneuerbarer Energie, vor allem aus Wasserkraft. In Deutschland betreibt Statkraft zehn Wasserkraftwerke, zwei Biomasseheizkraftanlagen, vier Gaskraftwerke und ist an einem weiteren Gaskraftwerk beteiligt. Der erzeugte Strom wird über die Handelsniederlassung in Düsseldorf vermarktet. Nach einer Umfrage der Energie & Management zur Direktvermarktung, die Anfang Januar 2017 veröffentlicht wurde, ist Statkraft Markets Deutschlands größter Direktvermarkter für Erneuerbare Energien.

Norsk Hydro ist einer der größten norwegischen Investoren in Deutschland.©Norsk Hydro ASANord Hydro ist einer der größten norwegischen Investoren in Deutschland.©Norsk Hydro ASA
Norsk Hydro ist einer der größten norwegischen Investoren in Deutschland.©Norsk Hydro ASA

Das Walzwerk Grevenbroich sowie die Neusser Alumi­niumhütte gehören heute zum norwegischen Konzern Norsk Hydro, einem der größten Aluminiumproduzenten der Welt. Anfang Mai dieses Jahres besuchten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Norwegens Ministerpräsidentin Erna Solberg das Werk in Grevenbroich zur Eröffnung einer neuen Produktionsanlage für Aluminiumbleche.

Ein weiterer großer norwegischer Investor in Deutschland ist der Chemiekonzern Yara, der größte Düngemittelkonzern der Welt, ein Global Leader bei Ammoniak, Nitraten und Spezialdüngern. In Rostock unterhält das Unternehmen zwei Salpetersäure-Anlagen, zwei Anlagen, die Nitratdünger herstellen, eine AHL-Anlage und zwei Anlagen zur Produktion von technischem Ammonium-Nitrat. Das Werk in Brunsbüttel besteht aus einer Ammoniak-Anlage und einer Harnstoff-Anlage. In Dülmen gibt es einen gemeinsamen Standort für den Vertrieb von Düngemitteln und Industrieprodukten. Hier betreibt das Unternehmen neben dem norwegischen Standort  Porsgrunn ein weiteres Technologiezentrum.  

Geballte deutsch-norwegische Kompetenz existiert auch im Bereich Zertifizierung:  Mit dem Zusammenschluss des Germanischen Lloyd und des norwegische Spezialisten für Schiffszertifizierungen DNV zur DNV GL im Jahr 2013 entstand einer der größten Schiffszertifizierer der Welt. Das Unternehmen bietet heute seine Expertise in den Bereichen Maritim, Öl und Gas, Energie  und  Business Assurance und bietet in einer unabhängigen Geschäftseinheit Softwarelösungen für die maritime Industrie, die Energiewirtschaft sowie das Prozessmangement.

Deutsche Unternehmen als Investoren und Zulieferer engagiert

Die bisher größte deutsche Investition in Norwegen war die Übernahme des norwegischen Pharmaunternehmen Algeta durch die Bayer AG für 2,1 Milliarden Euro im Jahr 2014. Deutschlands größter Arzneimittelhersteller Bayer arbeitete bereits seit 2009 mit Algeta bei dem Krebsmedikament Xofigo zusammen. Das Präparat zählte bei Bayer zu den wichtigsten Neuentwicklungen.

Im Bereich Rohstoffe ist u.a. die Wacker Chemie AG in Norwegen engagiert. Das Münchner Unternehmen unterhält in Holla eine Produktion von Siliciummetallen und deckt damit etwa ein Viertel seines Bedarfs an diesem Rohstoff, der für die Herstellung von Siliconen und polykristallinem Reinstsilicium benötigt wird. Mit einer Investition von 85 Millionen Euro soll der Standort jetzt erweitert werden.

Die Tresfjord-Brücke gehört zu den zahlreichen Referenzprojekten von Norcem, einem Unternehmen der HeidelbergCement Group.©HeidelbergCement
Die Tresfjord-Brücke gehört zu den zahlreichen Referenzprojekten von Norcem, einem Unternehmen der HeidelbergCement Group.©HeidelbergCement

HeidelbergCement erwarb 1999 das Unternehmen Scancem, zu dem Norcem gehörte. Heute ist Norcem der einzige Zementhersteller in Norwegen und damit Marktführer im Zement- und Betonbereich. Das Unternehmen hat Werke in Brevik im Süden des Landes und Kjøpsvik im Norden sowie ein Netzwerk an Terminals entlang der Küste. Zu den Referenzprojekten gehören die Tresfjord-Brücke (Tresfjordbrua), die 2015 als Teil der Europastraße E136 im Oktober 2015 eröffnet wurde, die Sandesund-Brücke und die Homenkollen-Skisprungschanze.

Weitere Großinvestitionen spielen sich rund um den Energiebereich ab. Wintershall, Deutschlands größter international tätiger Erdöl- und Erdgasproduzent, hat sich zu einem der wichtigsten Gasproduzenten in Norwegen entwickelt. In den vergangenen Jahren hat das BASF-Tochterunternehmen in Norwegen die tägliche Produktion von 3.000 auf mehr als 80.000 Barrel Öläquivalent (boe) erhöht. Das Feld Maria ist der erste Wintershall-Fund in Norwegen, der in die Produktion überführt wird. Die Bohrungen starteten am 21. März dieses Jahres.

Auch die Verbundnetz Gas VNG, Leipzig,  und die Bayerngas GmbH, München, fördern in Norwegen Öl und Gas. Das Hamburger Unternehmen DEA hat die eigene Produktion in Norwegen innerhalb des vergangenen Jahres verdoppelt. Nun bereitet sich das Upstream-Unternehmen dort auf seine erste eigenoperierte Feldesentwicklung vor und plant weiteres Wachstum in Norwegen. Im Jahr 2015 hatte DEA das Unternehmen E.ON E&P Norge erworben und damit ihre Position in Norwegen gestärkt. Bei der jüngsten Lizenzvergaberunde Anfang Januar dieses Jahres sprach das norwegische Energieministeriums deutschen Energieunternehmen elf von insgesamt 56 vergebenen Lizenzen zu. Wintershall wurden fünf, VNG vier und DEA zwei Lizenzen zugeteilt. Bei jeweils zwei dieser Lizenzen fungieren Wintershall und VNG als Betriebsführer, DEA bei einer erhaltenen Lizenz.

Auch für deutsche Unternehmen ist die Öl- und Gasmesse ONS in Stavanger ein wichtiger Branchentreffpunkt©Anne Lise Norheim
Auch für deutsche Unternehmen ist die Öl- und Gasmesse ONS in Stavanger ein wichtiger Branchentreffpunkt©Anne Lise Norheim

Zahlreiche andere deutsche Unternehmen sind im Dienstleistungsbereich für die Rohstoffunternehmen unterwegs – anzutreffen auf der alle zwei Jahre stattfindenden Messe ONS in Stavanger. So hat die Bilfinger SE, Mannheim, im Oktober vergangenen Jahres mit norwegischen Partnern im Bereich Öl- und Gasindustrie verschiedene Rahmenverträge im Wert von 270 Millionen Euro verlängert. Für den norwegischen Öl- und Gaskonzern Statoil, dem größten Betreiber von Förderanlagen auf dem norwegischen Kontinentalsockel, wird das Unternehmen für weitere zwei Jahre Leistungen vor allem in den Gewerken Isolierung, Gerüstbau und Korrosionsschutz erbringen. Die Vereinbarungen haben ein Volumen von rund 110 Millionen Euro. Darüber hinaus hat Bilfinger den Zuschlag für einen neuen Zehn-Jahres-Vertrag für das Flüssiggas-Terminal auf der Insel Melkoya vor Hammerfest erhalten. Bilfinger ist seit Inbetriebnahme des Terminals vor rund zehn Jahren in Hammerfest mit eigenen Werkstätten, Materiallagern und Büros präsent.

Mit einem weiteren Öl- und Gaskonzern hat Bilfinger einen neuen Vertrag für die Instandhaltung von Offshore-Anlagen abgeschlossen. Der Auftrag hat über die Laufzeit von fünf Jahren ein Volumen von rund 160 Millionen.

Vom Aluminiumunternehmen Hydro hat Bilfinger Mitte 2016 einen Auftrag zur Installation von 60 Elektrolysezellen für die Hydro Technology Pilotanlage am Standort Karmøy in Norwegen erhalten. Das Auftragsvolumen beläuft sich auf rund 27 Millionen Euro.

Partner bei erneuerbaren Energien und Elektromobilität

Die konsequente Ausrichtung Norwegens auf die Schaffung einer emissionsfreien Gesellschaft beschert deutschen Unternehmen gute Aufträge. E.ON wird einen weiteren Offshore-Wind­park in deutschen Gewässern gemeinsam mit dem norwegischen Energiekonzern Statoil errichten. Er soll im Jahr 2019 vollstän­dig in Betrieb sein. Statoil hält einen Anteil in Höhe von 50 Prozent. Das Investitionsvolumen beträgt mehr als 1,2 Milliarden Euro. Siemens wird hierfür 60 Offshore-Windenergieanlagen mit einer Leistung von je rund sechs Megawatt (MW) zuliefern und warten.

Der Anlagenhersteller Voith gehört zu den wichtigsten Zulieferern von Norsk Hydro, dem größte Betreiber von Wasserkraftanlagen in Norwegen. Die Lieferung einer Turbine der Firma Voith 1947 für ein Wasserkraftwerk in Norwegen war der erste Auslandsauftrag der Nachkriegszeit in Baden-Württemberg.

Botschafter Dr. Thomas Götz mit dem neuen Elektroauto, einem BMW i3©Deutsche Botschaft
Botschafter Dr. Thomas Götz mit dem neuen Elektroauto, einem BMW i3©Deutsche Botschaft

Vom konsequenten Ausbau der Elektromobilität profitieren die deutschen Automobilunternehmen. Die Zahl der zugelassenen reinen Elektroautos und plug-in-Fahrzeuge beläuft sich mittlerweile auf über 130.000. Deutsche Autofirmen gehören zu den führenden Anbietern von Elektroautos in Norwegen. Der Volkswagen Golf GTE, Volkswagen e-Golf und der BMW i3 liegen auf Platz drei, vier und fünf der meistverkauften Elektroautos in Norwegen. Auch der deutsche Botschafter Dr. Thomas Götz ist seit Februar dieses Jahres stolzer Besitzer eines BMW i3.

Siemens errichtet für den ersten Elektro-Überlandbus in Drammen eine Schnellladestation und hat die Antriebstechnik für den ersten elektrisch betriebenen Fischkutter zugeliefert. Bereits 2015 lieferte das Unternehmen das Antriebssystem für „Ampere“, die erste vollelektrische Fähre der Welt. Inzwischen sind zwei weitere Aufträge für die Ausstattung von Fähren mit einem elektrischen Antriebssystem hinzugekommen.

Der deutsche Konzern E.ON und das dänische Unternehmen CLEVER, die Anfang Februar eine Partnerschaft zum Ausbau von Schnellladestationen (150+ kW) in Europa eingegangen sind, starten mit ihrem gemeinsamen Projekt in Norwegen. Entsprechend einer Vereinbarung mit dem Benzinhändler YX sollen zwischen 2018 und 2020 20 ultraschnelle Ladestationen an YX-Tankstellen zwischen Oslo, Kristiansand, Stavanger, Bergen und Trondheim installiert werden.

Im Bereich Infrastruktur kommen Hidden Champions, Baudienstleister oder Architektur- und Ingenieurbüros aus Deutschland zum Einsatz. So arbeiten sich gegenwärtig  vier Tunnelbohrmaschinen der Herrenknecht AG, Schwanau, beim Bau des Follo-Tunnels durch norwegisches Gestein. Die Schachtbau Nordhausen Stahlbau GmbH liefert eine Netzwerkbogenbrücke aus Stahl zur Überquerung des Bøkfjords. Die Brücke wurde im Werk in Nordhausen gebaut und in einzelnen Teile nach Wilhelmshaven überführt, wo sie vollständig montiert, im April zum Bøkfjord transportiert und dort in die vorbereitete Betonkonstruktion eingehängt wird.

Im Bereich IT und Datenzentren gibt es einige Übernahmen und Beteiligungen. Partner beim Aufbau der Infrastruktur der Lefdal Mine Datacenter ist neben IBM die Friedhelm Loh Group aus Deutschland, mit einem Anteil von 33,3 Prozent auch Miteigentümer des unterirdischen Daten-Lagers. Das Tochterunternehmen Rittal, Hersteller von Schaltschränken, liefert einen großen Teil der IT-Infrastruktur in Containern zu.

Anfang Januar dieses Jahres hat der  Softwareanbieter Nemetschek SE  den Erwerb von dRofus AS abgeschlossen. In Summe wurden 100 Prozent der Anteile von dRofus an die Nemetschek Group übertragen. dRofus ist ein führender norwegischer Anbieter von IBM-basierten Planungs-, Datenverwaltungs- und Kollaborations-Tools. 

Tourismus und kulinarische Besonderheiten

Norwegen ist traditionell ein sehr beliebtes Reiseziel für deutsche Urlauber. Sie stellen vor Schweden, Dänen, Briten und Niederländern die größte Gruppe ausländischer Touristen in Norwegen. Im vergangenen Jahr gab es 1,68 Millionen Übernachtungen deutscher Gäste gegenüber 1,45 Millionen 2015 – ein Plus von 16 Prozent.  Mit Ausgaben von rund 1500 Kronen – ca.160 Euro – pro Kopf und Tag haben deutsche Urlauber 2016 gegenüber dem Vorjahr rund 25 Prozent mehr Geld in Norwegen gelassen. Damit ist Deutschland für die Tourismusbranche ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Dementsprechend unterhält die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Innovation Norway in Hamburg ein Büro zur Vermarktung des Landes als Tourismusdestination.

Zunehmend soll der Tourismus in Norwegen mit kulinarischen Highlights verbunden werden. Norwegische Sterneköche sollen deutsche Besucher ebenso locken wie kleine, feine Lebensmittelhersteller in den Regionen. Tatsächlich sind norwegische Lebensmittel in deutschen Supermärkten nicht präsent und – abgesehen von norwegischem Lachs – auch wenig bekannt. Gerade 2,4 Prozent der norwegischen Lieferungen nach Deutschland sind Fische und Fischerzeugnisse, 2,4 Prozent Nahrungsmittel und Futtermittel, 0,4 Prozent forstwirtschaftliche Erzeugnisse und 0,08 Prozent Getränke. Erzeugnisse der Landwirtschaft und Jagd wurden für gerade 61.000 Euro eingeführt. Von den 30.800 Elchen und 37.300 Rotwild, die in der Jagdsaison 2016/2017 in Norwegen erlegt wurden, bekommt der deutsche Feinschmecker nicht einmal eine Scheibe Schinken ab. 

Stromkabel zwischen Deutschland und Norwegen

Eines der Schlüsselprojekte der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Norwegen ist die Verlegung eines Stromkabels zwischen beiden Ländern. Am 10. Februar 2015 unterzeichneten die Partner TenneT, Statnett und KfW einen Kooperationsvertrag über eine gemeinsame Investition in Höhe von 1,5 bis zwei Milliarden Euro. Am 18. September 2016 erfolgte der erste Spatenstich.

Ab 2020 soll Strom über ein unterirdisches Seekabel zwischen Deutschland und Norwegen hin- und herfließen.©NordLink
Ab 2020 soll Strom über ein unterirdisches Seekabel zwischen Deutschland und Norwegen hin- und herfließen.©NordLink

Die Vereinbarung zwischen den drei Vertragspartnern sieht eine 50:50 Partnerschaft zwischen Norwegen und Deutschland vor. Der staatliche norwegische Stromkonzern Statnett wird zur Hälfte Eigentümer des Projekts sein. Die andere Hälfte wird auf deutscher Seite von KfW und TenneT im Rahmen einer neu gegründeten Projektgesellschaft, der NordLink, gehalten. Insbesondere regenerativ gewonnene Energie soll zwischen den beiden Nationen ausgetauscht werden. Durch das Unterseekabel wird überschüssige Wind- und Sonnenenergie von Deutschland nach Norwegen ausgeführt, während Norwegen Strom aus Wasserkraft nach Deutschland liefert, wenn die Sonne nicht scheint und Windstille herrscht.

Mit dem 1400 Megawatt-Unterseekabel werden zum ersten Mal die Strommärkte der beiden Länder vernetzt. Norwegen und Deutschland wollen damit die Versorgungssicherheit erhöhen und zur Stabilisierung der Strompreise beitragen. Beide Nationen folgen zudem den klimapolitischen Zielen der EU, mit dem Seekabel wollen sie einen großen Schritt Richtung CO2-freie Energieversorgung machen. Der Probebetrieb mit physikalischer Einspeisemöglichkeit startet im vierten Quartal 2019. Die Fertigstellung ist für 2020 vorgesehen.

Strategische Partnerschaften im Rüstungsbereich und in der Forschung

Wenn sich wie im vergangenen November Bundeskanzlerin Angela Merkel und Norwegens Ministerpräsidentin Erna Solberg treffen, stehen Wirtschaftsfragen nicht im Vordergrund. Man verweist auf die große Bedeutung des jeweils anderen Landes als Energiezulieferer oder Handelspartner und kommt zum Wesentlichen: Die Rolle, die Norwegen und Deutschland füreinander in diesen schwierigen Zeiten als wichtiger politischer Mitspieler und Alliierter spielen. Diese Vertrautheit bescherte der Wirtschaft Anfang dieses Jahres zwei strategische Deals im Rüstungsbereich. Im Februar 2017 vereinbarten beide Länder eine umfassende strategische Partnerschaft bei der Zusammenarbeit beider Marinen. Norwegens Regierung hat Deutschland als strategischen Partner für den Neubau von U-Booten ausgewählt. Die Partnerschaft basiert auf dem gemeinsamen Kauf und dem Management identischer U-Boote der Ula-Klasse. Den Zuschlag zum Bau der Schiffe soll ThyssenKrupp Marine Systems (tkMS), Kiel, erhalten. Neben der deutschen Werft war die französische Werft  DCNS  bis zum Schluss im Rennen um den U-Boot-Auftrag dabei. Die Entscheidung beinhalte eine enge und langfristige Zusammenarbeit der Marine beider Länder, die die Kooperation mit der norwegischen und deutschen Industrie einschließt.

Darüber hinaus sollen auch Seezielflugkörper gemeinsam entwickelt, beschafft und durch die Marinen beider Länder betrieben werden. In diesem Sommer noch soll das Abkommen mit Norwegen geschlossen werden. 

Die „Naval Strike Missile“ ist ein Produkt des norwegischen Technologiekonzerns Kongsberg, entwickelt und hergestellt im Unternehmen Kongsberg Defence Systems. Wie der Konzern mitteilt, erwarte er aus der deutsch-norwegischen Kooperation Aufträge in beträchtlicher Größenordnung, sowohl aus den Vereinbarung zur gemeinsamen Beschaffung von U-Booten als auch von der gemeinsamen Raketen-Entwicklung. Kongsberg werde gemeinsam mit etwa einhundert kleinen und großen Zulieferern aus ganz Norwegen große Zulieferungen in Schlüsselbereichen für die neuen U-Boote tätigen.

Auch im Forschungsbereich gibt es seit dem vergangenen Jahre eine strategische Kooperation. Bundesforschungsministerin Johanna Wanka und der norwegische Wissenschaftsminister Torbjorn Roe Isaksen haben bei ihrem Treffen im September in Berlin verabredet, ihre Zusammenarbeit in Forschung und Innovation künftig noch strategischer auszurichten. Geplant sind neue Initiativen zur Mobilitätsförderung, zu stärkeren Kooperation im europäischen und internationalen Raum sowie zur Verknüpfung deutscher und norwegischer Cluster. Eine Konferenz zur deutsch-norwegischen Zusammenarbeit gab den Auftakt für einen neuen strategischen forschungspolitischen Dialog.

AHK Norwegen – das Netzwerk für deutsche Unternehmen

Die deutsch-norwegischen Beziehungen werden durch eine Vielzahl von Vereinen und Initiativen unterstützt, einige davon angeregt über die Königlich Norwegische Botschaft in Berlin oder verschiedene Institutionen in Deutschland. Sehr aktiv sind Verbände, die sich mit der Kultur Norwegens beschäftigen. Hier halten vor allem Norweger, die in Deutschland leben, die Traditionen des Landes hoch.

Für deutsche Unternehmen ist die Deutsch-Norwegischen Handelskammer (AHK Norwegen), die im vergangenen Jahr ihr 30jähriges Bestehen feierte, erster Ansprechpartner. Mitglieder sind meist Unternehmen, die in Norwegen eine Tochtergesellschaft haben. Die AHK bietet zahlreiche Veranstaltungen in Norwegen an, ist aber auch in Deutschland sehr aktiv und in München seit dem vergangenen Jahr auch mit einem Büro vertreten.

Ein großes Thema für die AHK Norwegen ist derzeit Industrie 4.0 und Digitalisierung von Gesellschaften. Hier bietet sie deutschen wie norwegischen Unternehmen mit Konferenzen, Seminaren oder Matchmakingveranstaltungen eine Plattform für neue Netzwerke und Kompetenz. Die diesjährige Mitgliederversammlung der AHK Norwegen am 15. Juni in Oslo wird von einer Konferenz zu Industrie 4.0 begleitet.    Jutta Falkner

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