Follo Line voll im Plan

Ein Zwillingstunnel mit zwei separaten, parallel verlaufenden Schienensträngen wird Oslo mit Ski verbinden.©Jernbaneverket
Ein Zwillingstunnel mit zwei separaten, parallel verlaufenden Schienensträngen wird Oslo mit Ski verbinden.©Jernbaneverket

Oslo, 23. November 2016. Die Bauarbeiten für das Follo Line Projekt, das größte Infrastrukturvorhaben Norwegens, liegen voll im Zeitplan. Wie Kathrine Kjelland, Kommunikationschefin des Projektes bei Jernbaneverket auf Anfrage des BusinessPortals Norwegen mitteilt, sind 30 Prozent der Bauarbeiten realisiert. Seit September fressen sich die ersten beiden Tunnelbohrmaschinen durch den Berg. Im Dezember 2021 sollen die ersten Züge fahren.

Das Follo Line Projekt umfasst den Bau einer neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen der norwegischen Hauptstadt und der Kommune Ski südöstlich von Oslo, umfangreiche Arbeiten rund um den Osloer Hauptbahnhof, den Bau weiterer Tunnelabschnitte im Südosten Oslos sowie den Bau eines neuen Bahnhofsgebäudes in Ski. Der zweigleisige Schienenstrang wird 22 Kilometer lang und ist für eine Geschwindigkeit von 250 km/h ausgelegt. Die Fahrzeit der Züge zwischen Oslo und Ski wird sich von jetzt 22 auf elf Minuten verkürzen. Der Bau eines 20 Kilometer langen Tunnels, des größten Tunnels Skandinaviens, ist das Herzstück des Projektes.

Bauvorhaben für das Follo Line Projekt©Jernbaneverket
Die Streckenführung im Tunnel (rot) von Oslo nach Ski©Jernbaneverket

Namensgeber ist der Distrikt Follo, der an die Hauptstadt grenzt und durch den der Hauptteil der neuen Eisenbahnstrecke verläuft. Die Follo-Line-Strecke soll effizienter, sicherer und umweltfreundlicher sein als alle anderen Eisenbahnstrecken im Lande.

Der Bau der neuen Strecke wurde notwendig, da sich Oslo immer weiter Richtung Südosten ausdehnt. Bis 2025 rechnet man in der Hauptstadtregion mit einem Bevölkerungswachstum von 30 Prozent. Dementsprechend wächst vor allem die Zahl der Pendler, die vor den Toren der Hauptstadt wohnen und täglich zur Arbeit nach Oslo fahren, allen voran Pendler aus dem Südosten.

Auch soll die neue Eisenbahnverbindung Norwegen enger an Kontinentaleuropa anbinden und die Transportkapazitäten im Südosten des Landes erweitern. Etwa 80 Prozent der Schwerlaster, die zwischen Norwegen und Schweden unterwegs sind, passieren die Regionen Østfold und Akerhus. Mit dem Ausbau des Schienennetzes im Südosten kann nicht nur mehr Fracht von der Straße auf die Schiene gebracht werden – ein Frachtzug könnte etwa 24 dieser schweren Lkw ersetzen – die Transportkapazitäten insgesamt werden wachsen. Die Eisenbahnadministration will den Güterverkehr bis 2040 verdreifachen – was für den Südkorridor bedeuten würde, dass täglich 750 Trucks über die E 18 nach Norwegen fahren. Mit der Follo Line soll das zusätzliche Frachtangebot über die Schiene nach Oslo gebracht werden.

Grund genug für die norwegische Regierung, ein solches Projekt in Angriff zu nehmen. Finanziert wird die Investition von über 20 Milliarden NOK, ca 2,2 Milliarden Euro, vollständig aus dem Staatshaushalt als Teil des norwegischen Intercity-Rail-Entwicklungsprogramms.

Pilotprojekt für Verträge und Tunnelaushub

Die Auftragsvergabe bei Follo Line gilt als Pilotprojekt für ein neues Vertragsmodell. Die Arbeiten werden auf der Basis von EPC-Verträgen (Engineering, Procurement, Construction) ausgeführt. Dabei bestimmt der Auftraggeber, die Norwegian National Railway Administration (NNRA) im Auftrag des Ministeriums für Transport und Kommunikation, den Generalauftragnehmer, der für das Engineering, die Beschaffung und für den Bau zuständig ist.

Insgesamt wurden vier EPC-Verträge abgeschlossen: zwei Verträge mit dem italienischen Baukonzern Condotte, ein Vertrag mit dem Joint Venture des spanischen Mischkonzerns Acciona Infraestructuras S.A. und des italienischen Tunnelbauers Ghella S.p.A., ein Vertrag mit OHL (Obrascón Huarte Lain) sowie eine Rahmenvereinbarung mit Thales zur Entwicklung und Installation der Signalsysteme in der Station Ski im Wert von 250 Millionen NOK.

Der letzte EPC-Vertrag, der im ersten Quartal 2017 vergeben wird, befindet sich momentan in der Evaluierung. Er betrifft die Eisenbahntechnik. Unabhängig von diesen Groß-Verträgen haben alle EPC-Partner Tender für Arbeiten am Projekt ausgeschrieben.

Die Größe des Projektes habe das Interesse zahlreicher Bauunternehmen weltweit geweckt, sagte Gunnar G. Løvås, stellvertretender Generaldirektor der NNRA. Der Wettbewerb sei groß gewesen, das Projekt sei gut gelaufen. 60 Unternehmen hatten sich um den Auftrag beworben.

Einer der größten Aufträge für Herrenknecht

Der Vertrag mit Acciona Infraestructuras S.A. und Ghella S.p.A. deckt sowohl das konventionelle Bohren als auch das Bohren mit Tunnelbohrmaschinen ab. „Wir beherrschen sehr gut den Sprengvortrieb und sind stolz darauf. Aber für dieses Projekt stellte sich der maschinelle Vortrieb als die beste Lösung heraus“, erklärt Anne Kathrine Kalager, Projektmanagerin des Bauherren Jernbaneverket. „Mit den Tunnelbohrmaschinen können wir aufgrund der gegebenen Rahmenbedingungen die gesamten Bohrarbeiten von einer einzigen, zentralen Großbaustelle aus vortreiben.“

Vier Tunnelbohrmaschinen von Herrenknecht werden gleichzeitig am Bau der Follo Line arbeiten.©Jernbaneverket
Vier Tunnelbohrmaschinen von Herrenknecht werden gleichzeitig am Bau der Follo Line arbeiten.©Jernbaneverket

Vier Tunnelbohrmaschinen kommen zur gleichen Zeit zum Einsatz – das ist ein Novum. Sie arbeiten sich für die zwei separaten, parallel verlaufenden Tunnel je 9,5 Kilometer durch norwegischen Granit. Ausgehend vom Installationsplatz in Åsland bohren zwei nordwärts Richtung Oslo, die beiden anderen sind Richtung Süden nach Ski unterwegs.

Am 5. September dieses Jahres starteten die ersten zwei Bohrmaschinen mit ihren Arbeiten – zuvor wurde sie von Ministerpräsidentin Erna Solberg in einer Zeremonie auf die Namen Dronning (Königin) Eufemia und Dronning Ellisiv getauft. Jede Maschinen schafft zwölf bis 15 Meter am Tag. Zehn bis elf Millionen Tonnen Gestein müssen aus dem Berg geräumt werden. 2018 sollen die Bohrarbeiten abgeschlossen sein.

Der Auftrag über die vier Hartgesteinsmaschinen S-980 bis S-983 gehört zu den größten in der Unternehmensgeschichte des Schwanauer Unternehmens Herrenknecht. Einen so großen Teil des Kuchens hat kein anderes deutsches Unternehmen abgefasst.

Neben Herrenknecht haben die deutschen Unternehmen A.S.T. Bochum (mechanische Ersatzteile und Tunnel-Ausrüstungen), die Niedax GmbH&Co aus Linz (Elektroinstallation), Heidelberg Cement und die OGS GmbH aus Koblenz (Einrichtung eines Datenrückmeldesystems für die Herstellung, Lieferung und Montage der Tunnelsegmente) Aufträge erhalten. Das Gros der Aufträge haben die Generalauftragnehmer an norwegische Unternehmen, insbesondere lokale Firmen, vergeben.

 

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