Fest am Haken Kolberg Caspary Lautom AS entwickelt Rotationsstopper/ 20 Millionen NOK aus EU-Forschungsprogramm Horizon 2020

Test des Rotatationsstoppers YawStopp an der Produktionshallte in ©KCL
Test des Rotatationsstoppers YawSTOP auf dem Produktionsgelände von KCL in Skoppum ©KCL

Skoppum, 15. November 2018. Auf dem Wasser und in der Luft ist immer Bewegung. Wenn ein zwölf Meter langes Rohre von einem Versorgungsschiff auf eine Bohrinsel geladen werden soll, schaukelt das Schiff, schaukelt das Rohr, schaukelt die Plattform. Wenn ein Container per Kran auf ein Schiff gestapelt wird, schaukelt der Container, schaukelt das Schiff. Wenn ein Hubschrauber einen Strommasten aufstellen soll, schaukelt der Strommast, schaukelt der Hubschrauber. Die ständige Rotation der Fracht bei Verladevorgängen ist eine der größten Herausforderung der Logistikbranche. Das norwegische  Unternehmen Kolberg Caspary Lautom AS (KCL) hat jetzt die Lösung gefunden, um Lasten fest am Haken zu halten.

Die 1906 gegründete Kolberg Caspary Lautom AS (KCL) ist einer der größten Händler für Werkzeuge, Autoteile, Schweißteile, Verbrauchsmaterialien, Baumaschinen, Boote, Pumpen, Bauchemikalien, Ölen und Schmiermittel, Hydraulik, Pneumatik, Ventile, Berufsbekleidung, Schläuche, Werkstattausrüstungen, Hebezeuge und vieles mehr. Das Unternehmen vertreibt in Norwegen zahlreiche internationale Marken, darunter natürlich auch aus Deutschland. Zu den Kunden zählen Heimwerker, Werkstätten und Unternehmen der Öl- und Gasindustrie. In Skoppum, einer kleinen Gemeinde bei Horten in der Region Vestfold, stellt das Unternehmen hydraulische Systeme her. Inhaber des Unternehmens ist Thor Jegard über seine Unternehmensgruppe Jegard AS.  

Effizienter und sicherer Be- und Entladen

KCL biete auch Kranausrüstungen an. Immer wieder erzählten die Industriekunden den Verkäufern, wie schwierig es ist, die sich ständig drehende Fracht beim Verladen unter Kontrolle zu halten. Bei starkem Wind und hohem Wellengang kann dieser Arbeitsschritt zu einem gefährlichen Abenteuer werden. Während dynamische Positionierungssysteme die Position eines Schiffes trotz Wind und Strömung automatisch beibehalten und Krane justieren, besteht die gängige Lösung, um die Fracht am Haken unter Kontrolle zu behalten, noch immer darin, dass Muskelmänner die Last per Tagseil in die richtige Position bringen. Das ist nicht nur eine ineffiziente Methode zum Be- und Entladen, sondern stellt auch ein signifikantes Unfallrisiko dar. Gerät das Teil außer Kontrolle und knallt an die Bordwand, kann das zu großen Sachschäden führen, oder schlimmer noch – zu schweren Unfällen.

YawSTOP auf Basis der Gyro-Technologie

Vorstandsvorsitzende Thor Jegard sah sich in der Nordsee an, wie problematisch der Umschlag mit engen Versorgungsschiffen war. Er richtete im Werk in Skoppum ein Entwicklungsbüro ein, wo sich sechs Ingenieure ausschließlich damit beschäftigten, einen Rotationsstopper als Lösung für das Problem der Kunden zu erfinden.

Vor vier Jahren haben er und sein Team dann eine konkrete Technologie präsentiert. Das Konzept basiert auf der Gyro-Technologie für extreme Stabilität, die derzeit in fortschrittlichen Navigationssystemen in Booten, Flugzeugen und Raumfahrzeugen verwendet wird. So wie sich ein Satellit mit einem CMG (Control Moment Gyro) positionieren kann, verwendet der Rotationsstopper von KCL, genannt Yawstop, Gyros, also einen Kreiselstabilisator, der über Gang- und Austauschmechanismen die gespeicherte Energie verwendet, um eine Last kontinuierlich in die gewünschte Richtung zu bewegen und zu stabilisieren.

Das Team um Thor Jegard ist vom Markterfolg seines neuen Produktes überzeugt. “Es gibt weltweit 1.500 feste Offshore-Installationen, die mit Material per Schiff beliefert werden müssen. Allein in der EU arbeiten 18.000 Hubschrauber, die Lasten für die Industrie oder das Militär transportieren”, sagt Knut Tollefsen, zuständig für Business Development and Compliance (YawSTOP) bei KCL. In jedem Hafen weltweit werde man schnell von den Vorteilen des Rotationsstopps überzeugt sein.

„Wir haben Analysen durchgeführt, die zeigen, dass YawSTOP den Zeitaufwand für Hebevorgänge um bis zu 45 Prozent und die Kosten für jeden Hebevorgang um bis zu 50 Prozent reduziert. Da die Lösung das unerwünschte Drehen der Ladung steuert, können mehr Aufzüge in kürzerer Zeit ausgeführt werden”, so Jegard.

Die Standardvariante von “YawSTOP” ist für Lasten bis zu 20 Tonnen ausgelegt. Aber jetzt schon gebe es Anfragen, ob auch sehr viel größere Lasten gehoben werden können, erklärt Knut Tollefsen. Nach der Präsentation von “YawSTOP” auf der diesjährigen Öl- und Gasmesse ONS im August in Stavanger sei das Interesse seitens der Industrie groß. Die Erfahrungen der Kunden wie Equinor oder Aker sollen jetzt in die weitere Entwicklung einbezogen werden.

70 Prozent der Investitionskosten durch EU-Gelder abgedeckt

Zwar laufen die Unternehmen von Thor Jegard gut – zur Finanzierung einer solchen Investition wie der Entwicklung von YawSTOP aber bedarf es doch außergewöhnlicher Mittel.  Mit Unterstützung von Scaberia AS, einer Unternehmensberatung mit Sitz in Oslo, die auf die Überführung einer geschäftsorientierten Innovation in die Praxis spezialisiert ist, reichte KCL daher 2016 ein Konzept bei der EU-Kommission ein, um Gelder aus dem EU-Forschungs- und Innovationsprogramm Horizont 2020 zu erhalten. Die EU überzeugte das Projekt und gewährte fast 20 Millionen NOK, etwa 1,7 Millionen Euro, für Entwicklung, Tests und Markteinführung des Rotationsstoppers. “Diese erfolgreiche Bewerbung ist für uns eine wirtschaftliche und moralische Anerkennung”, sagte Tollefsen. “Sicher hätten wir das Vorhaben auch allein gestemmt, aber es hätte doch sehr viel länger gedauert.”

Frank Schmull, Geschäftsführer von Scaberia AS,  sieht in YawSTOP ein Flaggschiff der norwegischen Projekte im Programm Horizon 2020. “Das Projekt zeigt eine einzigartige Innovation aus Norwegen, das ganz im Sinne der EU einen sehr großen Impakt hat und Jobs schafft. Sicher ist das Produkt so gut, dass man auch auf anderem Wege Geld dafür bekommen hätte. Aber dadurch, dass die EU sich am Risiko beteiligt, kann das Projekt wesentlich zügiger vorangetrieben werden”, so Schmull weiter.

Mit fast 20 Millionen NOK deckt die EU 70 Prozent der notwendigen Investitionssumme ab, 30 Prozent der Kosten übernimmt KCL. Für das Geld erwartet die EU natürlich einen Erfolg, der schon jetzt  abzusehen ist. Bisher liegt KCL sowohl im Zeit als auch im Kostenrahmen. 40 Arbeitsplätze will KCL schaffen, zur Schiffbaumesse NOR-Shipping im Mai 2019 in Stavanger soll der erste Container dann fest am Haken hängen – egal, wie der Wind bläst und die Wellen toben. JF

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