Gemeinsame Projekte erfordern intensiven Austausch Interview mit Dr. Thomas Götz, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Norwegen

Dr. Thomas Götz©BPN
Dr. Thomas Götz©BPN

Deutschland und Norwegen arbeiten gegenwärtig intensiv an der Umsetzung zahlreicher Vorhaben – sowohl im bilateralen Bereich als auch auf internationaler Ebene. BusinessPortal Norwegen sprach  mit Dr. Thomas Götz, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Norwegen, über die Schwerpunkte seiner Arbeit in den kommenden Monaten und den Stand der deutsch-norwegischen Beziehungen.

Herr Botschafter, die deutsch-norwegischen Beziehungen haben sich in den vergangenen Jahren dynamisch entwickelt und haben mit dem U-Boot-Deal und der Verlegung des Stromkabels NordLink zwei wirkliche Highlights zu bieten. Ist das noch zu toppen?

Die deutsch-norwegischen Beziehungen werden sich auf diesem hohen Niveau weiterentwickeln. Wir hatten ja wegen der langen Phase der Regierungsbildung in Deutschland ein gewisses Vakuum. Aber nun folgt eine Intensivierung des Besucheraustausches – und die gemeinsamen Projekte und Themen erfordern das auch. Wir werden uns weiter mit dem U-Boot-Projekt beschäftigen – hier ist  noch sehr viel Arbeit zu leisten. Auch im Energiebereich werden wir weiter eng kooperieren.

Im politischen Bereich steht ebenfalls sehr viel auf der Agenda. 2018 jährt sich das Ende des ersten Weltkrieges zum einhundertsten Mal. Dieses Datum sollten wir überall in Europa wahrnehmen und als Gelegenheit nutzen, um intensiver über die Zusammenarbeit nachzudenken. Das gilt nicht nur für die Europäische Union, sondern auch für Länder, die nicht Mitglied sind wie Norwegen.

Sehr eng wird unsere Kooperation in den kommenden Monaten im kulturellen Bereich. Norwegen wird 2019 Gastland der Frankfurter Buchmesse sein – das wirft seine Schatten voraus. Die norwegische Seite bereitet ein sehr großes Rahmenprogramm vor. Aus deutscher Sicht ist es wichtig, dass wir das zurückspiegeln. Nicht nur Norwegen sollte sich in Deutschland präsentieren, sondern wir wollen das Ereignis “Norwegen als Partnerland der Frankfurter Buchmesse” nutzen, um den Norwegern Deutschland näher zu bringen – die Sprache, die Kultur und die Wirtschaft.

 

Wie soll diese Widerspiegelung genau aussehen?

Wir wollen die deutsche Literatur in Norwegen präsenter machen. Norwegische Autoren sind in Deutschland sehr erfolgreich. Die Norwegerin Maja Lunde führte mit ihrem Buch “Die Geschichte der Bienen” lange Zeit die Bestsellerliste in Deutschland an. Es war im vergangenen Jahr der meistverkaufte Roman in Deutschland. Zur Leipziger Buchmesse erhielt die norwegische Autorin Åsne Seierstad in diesem Jahr den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2018.

Für die norwegischen Autoren ist Deutschland ein Super-Markt. Wenn man einen Bestseller landet, kann man in Deutschland natürlich sehr viel mehr Bücher verkaufen als auf dem kleinen norwegischen Markt. Das ist sicher auch der Grund, warum deutsche Autoren in Norwegen nicht so bekannt sind. Es lohnt sich nicht, deutsche Bücher ins Norwegische zu übersetzen. Der Markt ist sehr klein.

Es geht bei der Widerspiegelung des norwegischen Kulturjahres aber nicht nur um Literatur. Ich möchte dieses Ereignis vor allem nutzen, um stärker Werbung für die deutsche Sprache zu machen. Im vergangenen Jahr und dieses Jahr wieder hatten wir in Oslo jeweils  eine Konferenz, auf der verschiedene Akteure auf die Bedeutung der deutschen Sprache hingewiesen haben. Das fand Resonanz und war ein guter Auftakt, um das Thema auch im Kulturjahr präsent zu halten.

 

Welchen Stellenwert hat die deutsche Sprache in Norwegen?

Englisch ist die erste Fremdsprache – das ist klar. Die Kinder lernen ab dem ersten Schuljahr Englisch. Aber als zweite Sprache sollte Deutsch ein größeres Gewicht erhalten. Dafür gibt es gute Argumente: Deutschland ist ein wichtiger Handelspartner. Da kann es nie schaden, die deutsche Sprache zu beherrschen. Und die kulturellen Beziehungen zwischen unseren Ländern gehen bis zur Hanse zurück.

Allerdings ist es ist nicht so einfach, junge Norweger zu überzeugen, Deutsch zu lernen. Wir stehen in Konkurrenz zu anderen Sprachen, vor allem Spanisch. Jeder junge Europäer sollte mehrere Sprachen können. Als deutscher Botschafter setze ich mich natürlich für Deutsch ein. Bei meinen Bemühungen bekomme ich gute Unterstützung aus dem norwegischen Bildungsministerium. Staatssekretärin Rebekka Borsch ist eine geborene Deutsche.

Gemeinsam mit dem Goethe-Institut und anderen Einrichtungen werden wir unsere Anstrengungen verstärken, Deutsch in Norwegen wieder attraktiver zu machen.

 

Wie ist der Stand der Zusammenarbeit bei internationalen Initiativen?

Im internationalen Bereich gibt es viele Möglichkeiten und Chancen zur Kooperation, weil wir in der Beurteilung internationaler Fragen weitgehend übereinstimmen, da gibt es kaum Meinungsunterschiede. Außerdem ist Norwegen auf der internationalen Bühne ein sehr anerkannter Partner. Die Norweger beteiligen sich auch finanziell vorbildlich an internationalen Hilfsprojekten. Sie geben wirklich viel Geld aus im humanitären Bereich.

In Ghana arbeiten beide Länder bei der Bekämpfung landestypischer Krankheiten zusammen. Das Projekt haben Ministerpräsidentin Erna Solberg und Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich vereinbart.

Eine enge Zusammenarbeit mit Norwegen gibt es auch in der Tschadsee-Region in Afrika. Norwegen und Deutschland haben im vergangenen Jahr in Oslo eine Geberkonferenz initiiert, auf der Mittel in Höhe von insgesamt 634 Millionen Euro für die Menschen zugesagt wurden, die rund um den Tschadsee von der Hungersnot bedroht sind. Norwegen allein wird über einen Zeitraum von drei Jahren 192 Millionen US-Dollar zur Verfügung stellen, Deutschland stellt 127 Millionen US-Dollar für diese humanitäre Aktion bereit.

Norwegen war als Friedensstifter stark in Kolumbien engagiert. Der Beauftragte des Auswärtigen Amtes für den Friedensprozess in Kolumbien, Tom Koenigs, arbeitete eng mit den Norwegern zusammen.

Wegen seines großen Engagements im internationalen Bereich war Norwegen im vergangenen Jahr von Deutschland  auch zum G20-Gipfel in Hamburg eingeladen.

 

Sie waren als deutscher Botschafter schon in zahlreichen Ländern tätig. Was schätzen Sie an Norwegen?

Mich faszinieren die innovativen Projekte. Es gibt so viel Neues und Interessantes.  Das Land ist Weltmeister im Tunnelbau. Es gibt tolle Tunnel mit Kreisverkehren und außergewöhnlicher Beleuchtung. Und es gibt hochinteressante Vorhaben: Schwebende Tunnel, schwimmende Brücken und schwebende Windparks, Tunnel für Schiffe, autonom fahrende Schiffe, batteriebetriebene Fähren. All das sind wirklich gute Ansatzpunkte für deutsche mittelständische Unternehmen, die ja gerade auch im Bereich Blue Technology als sehr innovativ bekannt sind.

Beeindruckend finde ich auch die Art und Weise, wie die Norweger mit ihrem Vermögen umgehen. Der Staatsfonds ist eine prima Sache – davon lebt das Land. Im vergangenen Jahr hat der Government Pension Funds Global eine Rendite von über 13 Prozent erzielt. Das Geld kommt sowohl der Staatskasse als auch den nachfolgenden Generationen zugute. Das ist kluge, vorausschauende Politik.  Außerdem finde ich den Flytoget super, der im engen Takt die Osloer Innenstadt mit dem Flughafen verbindet. Hier könnten sich einige Städte in Deutschland eine Scheibe abschneiden.

 

Ist Norwegen nicht ohnehin Vorbild in vielen Dingen: Elektromobilität, Umwelt, Innovationen?

Ja, Norwegen ist in vielen Dingen weit fortgeschritten. Aber man kann die Bedingungen hier nicht einfach auf Deutschland übertragen. Natürlich wäre es wünschenswert, dass auch in Deutschland Elektroautos über 50 Prozent der Neuzulassungen ausmachen. Aber in Norwegen ist der Strom billig, in Deutschland nicht. In Norwegen können wegen der guten finanziellen Ausstattung des Staatshaushaltes viele Projekte vom Staat großzügig finanziell unterstützt werden, die Deutschland auch gern umsetzen würde, für die aber die Mittel fehlen.

Aber natürlich bietet das Land in einzelnen Bereich Lösungen, die durchaus Anregungen bieten. Oslo beispielsweise will die Innenstadt autofrei machen. Jeden Monat kommt man diesem Ziel ein Stück näher. Man schafft mehr und mehr Pkw-Parkplätze ab und stellt dafür Parkplätze für Fahrräder zur Verfügung. Auch die Mautgebühren für Fahrten in die Stadt wurden ziemlich drastisch erhöht.

 

Und die Bevölkerung macht das mit?

Der Norweger vertraut mehr als der Deutsche darauf, dass das, was der Staat tut, schon seine Richtigkeit hat. Norweger haben großes Vertrauen in den Staat. In Deutschland gibt es mehr Individualismus, in Norwegen steht das Gemeinwohl eher im Vordergrund. Das ist ein sehr offensichtlicher kultureller Unterschied zwischen unseren beiden Ländern.

 

Herr Botschafter, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jutta Falkner.

 

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